Venedig
Mein Wagner-Jahr

Wagners letzter Venedig-Aufenthalt (II)

Nach dem Faschingsausklang 1883 auf dem Markusplatz sagte Wagner hellsichtig zu sich selbst: "Ich bin wie Othello, mein Tagwerk ist vorbei."
Maskengewühl am Markusplatz: Tuschezeichnung "Karneval auf der Piazza S.Marco" von Karlheinz Beer aus dem Jahr 1993. Foto: Beer
Maskengewühl am Markusplatz: Tuschezeichnung "Karneval auf der Piazza S.Marco" von Karlheinz Beer aus dem Jahr 1993. Foto: Beer
Nicht enden wollende Regengüsse und Überschwemmungen schon auf der Fahrt nach Venedig, der Einsturz einer Brücke in Verona, über die wenige Stunden zuvor der Zug mit den Wagners samt Anhang gefahren war: Schon im Vorfeld standen die Zeichen nicht gut für den letzten Aufenthalt Wagners in der Lagunenstadt. Und er kam mit einer großen Enttäuschung im Gepäck und im kranken Herzen: Nur drei der sechzehn "Parsifal"-Vorstellungen 1882 in Bayreuth waren gut besucht gewesen, eine Fortsetzung der Festspiele noch völlig ungewiss.

"Trotzdem", schreibt in seinen "Erinnerungen" Siegfried Wagner über seinen Vater, "siegte auch in den letzten Monaten seines Lebens immer wieder die Heiterkeit. Entzückend war er mit vornehmen Damen, zum Beispiel mit der liebreizenden Fürstin Hatzfeld, mit ihrer Tochter, der treuen Mitkämpferin Gräfin Schleinitz (...), mit Gräfin Dönhoff, der jetzigen Fürstin Bülow, und andern. Er hatte bei solchen Gelegenheiten etwas - ich möchte sagen fast französisch Chevalresk-Anmutiges in seinem Gebaren."

"Sehr drollig", setzt er seine Beschreibung fort, "nahm es sich aus, wenn die baumlange Gräfin Hildegard Usedom ihm die Hand küsste. Sie tat es gern, weil sie wusste, dass sie dann zum Lohn einen Kuss auf die Lippen bekam. Der Anblick der sich tief bückenden Riesin hatte etwas unwiderstehlich Erheiterndes. Wie gut mein Vater mit dem einfachen Volke war, ist bekannt. Die Dienstboten vergötterten ihn! Seine Heftigkeit wurde von ihnen nie missverstanden, weil er eine Minute darauf jegliche Gekränktheit durch einen Witz zu beseitigen wusste. Nur recht unbegabte Leute trugen ihm nach."

Am 6. Februar 1883 macht sich die Familie auf zur Fastnacht auf dem Markusplatz. Cosima berichtet: "R. tut es für die Kinder, die es ihm auch durch ihre Heiterkeit lohnen. Der Eindruck ist ein gemischter; der Zug der Beerdigung des Carnavals hat für R. mit der Melodie, die er für alt hält, etwas Rührendes, aber wie er mit den Kindern auf dem Podium gewesen ist, kommt er in Cappello nero zu mir traurig zurück. Arme Handwerksleute hupften da, ohne recht zu wissen, weshalb. Die Mitternachts-Glocken aber und das Auslöschen der Flammen wirken wieder schön. Von der Stube aus hatte er die Fassade der Procuratien angesehen und erklärt, wie langweilig, phantasie- und erfindungslos er sie fände, wie er dies 58 einmal dem Maler Rahl erklärt hätte, wie anders ein gotischer Dom zu ihm spräche als diese nachgebildete Monotonie."

In dem 1883 erschienenen Büchlein "Richard Wagner in Venedig. Mosaikbilder aus seinen letzten Lebenstagen" beschreibt die österreichische Schriftstellerin Henriette Perl unter dem Pseudonym Henry Perl diesen Faschingsdienstag ein bisschen anders und wie folgt: "Wagner führte seine Tochter Daniela am Arme und drängte sich mit dieser mitten durch das ärgste Maskengewühl. Sein Schritt war elastisch, ja jugendlich, der Kopf hoch erhoben, man sah ihm an, dass er, welcher der allgemeinen Geselligkeit stets den Rücken kehrte, sich wohl fühlte unter dieser jubelnden Schaar, gleichsam Theil nahm an diesem Fastnachtsschwank, dass er, der Unmaskirte sich dieser vermummten, kindischen Menge gegenüber maskirt wähnte, und es in gewissem Sinne während diesen Augenblicks auch war, denn er fühlte sich als Mitwirkender bei diesem tollen Reigen."

"In gehobener Stimmung", so Perl weiter, "sahen wir den Meister die Räume der Restauration ‚Al Bianco Cappello' betreten. Es war vielleicht der letzte Abend unbedachter Heiterkeit in Wagners Leben, nicht vielleicht, er war es gewiss! Ein Stunde darauf kam Wagner noch ganz unter dem unmittelbaren Eindrucke des eben Erlebten heim. ‚Amico mio', sprach er den alten Portier an, welcher, da der Meister außer Hause war, sein Bett auch nicht aufgesucht hatte; ‚amico mio, der Carneval ist zu Ende, il Carnevale è andato!' Dabei klopfte er dem Alten auf die Achsel. Eine Scene, welche dieser, von Wagner sichtlich bevorzugte Diener nicht müde wird, immer wieder und wieder zu erzählen, so tief ist der Eindruck, welchen dieselbe durch den jählings darauf folgenden Tod des Meisters auf den alten Mann hervorgebracht hat."

Laut Cosimas Tagebucheintrag waren sie gegen 1 Uhr zurück im Mezzanin des Palazzo Vendramin: "R. nicht ganz unzufrieden, beim Einschlafen aber höre ich ihn sagen: ‚Ich bin wie Othello, mein Tagwerk ist vorbei.' Ob ich ihm gut sei, frug er mich vorher - er sei so schwierig!" Ob Wagner "The Stones of Venice", das dreibändige, 1851 erschienene Standardwerk von John Ruskin (1819-1900) kannte, ist nicht überliefert. Aber er dürfte mit dem, was der heute vor 96 Jahren in London geborene Schriftsteller, Kunsthistoriker und Sozialphilosoph schrieb, durchaus einverstanden gewesen sein - und zwar nicht nur, weil dieser der byzantinischen und gotischen Kunst den deutlichen Vorzug gab vor der Architektur der Renaissance.
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