Bamberg
Mein Wagner-Jahr

Wagnerjahr-Wissenswette (VII)

Der nicht nur der Hitze wegen anstrengende Premierenzyklus im Festspielhaus ist vorbei. Frank Castorfs Neuinszenierung im Wagner-Jubiläumsjahr wird heiß diskutiert, ist aber kein epochales Ereignis, kein Jahrhundert-"Ring".
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Ausschnitt des Covers der neuen Graphic Novel über Wagner, die dreimal in unserer monatlichen Wissenswette zu gewinnen ist Vorlage: Knesebeck Verlag/Flavia Scuderi
Ausschnitt des Covers der neuen Graphic Novel über Wagner, die dreimal in unserer monatlichen Wissenswette zu gewinnen ist Vorlage: Knesebeck Verlag/Flavia Scuderi
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Die Zwangspause in meinem Wagner-Jahr erklärt sich von selbst: Wer als Kritiker den Premierenzyklus in Bayreuth besucht, hat reichlich zu tun, erst recht wenn eine Neuinszenierung von Richard Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen auf dem Programm steht. Auf meine ersten Berichte und Kritiken habe ich schon im letzten Blog-Beitrag verwiesen. Hier finden Sie die Kritiken zu Siegfried, Götterdämmerung, Tannhäuser, Lohengrin, meinen dazu gedruckten kurzen Abschlusskommentar "Sind's gute Runen?" gibt's kostenlos wie folgt:

Die Premieren sind vorbei, die erste prollig laute Schlacht um den neuen Nibelungenring ist geschlagen. Jetzt darf man gespannt sein, ob der Vergessenstrank, den Gutrune Siegfried kredenzt, auch noch im Herbst wirkt, wenn es um die Vertragsverlängerung der Intendantinnen gehen soll, die sich öffentlich, wenn überhaupt, absichtsvoll nur noch als siamesisches Schwesternpaar präsentieren. Die Gremien der Festspiel-GmbH und der Richard Wagner-Stiftung täten gut daran, genau abzuwägen, ob das, was Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier seit 2008 geleistet haben, geeignet ist, jene Weltgeltung zu sichern, die man den Festspielen seit 1876 nachsagt. Wenn man sieht, wie unprofessionell die beiden mit Publikum, Presse, Sponsoren, Künstlern und Mitarbeitern umgehen, wenn man bedenkt, dass Schlagzeilen offenbar mehr zählen als die gewichtigen Musikdramen ihres Urgroßvaters, wenn man weiß, dass die dominierende, postmodern-beliebige Berliner Volksbühnen-Ästhetik nicht nur bei ausländischen Besuchern überwiegend Kopfschütteln auslöst, sollte man gezielt und schnell nach Alternativen Ausschau halten. Noch ist es nicht zu spät.

Normalerweise kommt ein neuer Ring an anderen Häusern immer nur portionsweise heraus. Einzig bei den Wagnerfestspielen - einige wenige Ausnahmen seit der Uraufführung 1876 bestätigen die Regel - werden alle vier Teile ungekürzt stets auf einmal inszeniert und (mit zwei sängerfreundlichen Pausentagen) binnen einer Woche erstmals aufgeführt. Für berufsmäßige Kritiker ist das eine außerordentliche, ja die größte Herausforderung überhaupt, sollen sie doch möglichst schon nach dem Vorabend, dem Rheingold, den roten Faden gefunden haben, über den sich die Interpretation insgesamt erklären lässt. In den letzten vier Jahrzehnten - soweit kann ich das aus eigener Erfahrung beurteilen - war das insofern immer wieder zu antizipieren, als Opernregisseure am Werk waren, die den Ehrgeiz hatten, eine nachvollziehbare, in sich schlüssige Lesart zu bieten.

Der erste Regisseur in Bayreuth, der weder aus der Wagnerfamilie stammte, noch ein einschlägiger Opernspezialist war, heißt Patrice Chéreau. Als der Dirigent Pierre Boulez ihn Wolfgang Wagner nach Absagen von Peter Stein und anderen Szenikern vorschlug, hatte der gerade 31-Jährige zwar schon viele Sprechtheaterstücke und einige Filme, aber mit Rossinis Italienerin in Algier in Spoleto und Hoffmanns Erzählungen in Paris erst zwei Opern inszeniert.

Jüngere Kollegen, die den legendären "Jahrhundert-Ring" mit den extrem unterschiedlichen Publikumsreaktionen im ersten und letzten Aufführungsjahr nicht erleben konnten, neigen dazu, die Thrillerpfeifen- und Buhkonzerte von 1976 und die 101 Rekordvorhänge nach der letzten "Götterdämmerung" 1980 mit einem Schlussbeifall von allein 85 Minuten gleichsetzen zu wollen mit dem, was sich aktuell und künftig in Bayreuth abspielt bzw. abspielen wird. Ich fürchte, der Vergleich hinkt.

Zwar hatten beide Teams, weil sie vergleichsweise kurzfristig engagiert wurden, relativ wenig Probenzeit (für Chéreau selbst ging sein Ring erst mit dem an Arnold Böcklins "Toteninsel" erinnernden Walkürenfelsen ab 1977 auf), zwar war es auch 1976 eine komplett andere, ungewohnte Ästhetik, die die Zuschauer verstörte, zwar holte auch der Zentenariums-Ring Wagner gewissermaßen von seinem Podest, aber anders als jetzt Frank Castorf hat Patrice Chéreau weder die Musik noch das vorgegebene Musikdrama mit seinen handelnden Personen ignoriert. Eine Brünnhilde, die wie jetzt Catherine Foster bei ihren Auftritten inhaltlich und dramaturgisch komplett im luftleeren Raum steht, ist zwar ein Novum. Aber wenn ihrem Gesang die innere Notwendigkeit genommen wird, erübrigt sich eigentlich das ganze Spektakel. Da möchte man nur noch Richard Wagner zitieren, mit dem Satz, den er an den Schluss der Partitur der Götterdämmerung setzte: "Ich sage nichts weiter!"

Gesagt und geschrieben wird natürlich noch jede Menge über den Castorf-Ring. Auch ich bleibe am Ball. Und reiche zunächst einmal die Wissenswette für den Monat Juli nach. Als Gewinn hat uns der Knesebeck Verlag freundlicherweise drei Exemplare der frisch veröffentlichten Wagner-Graphic Novel von Flavia Scuderi und Andreas Völlinger zur Verfügung gestellt. Das ist - um beim Thema zu bleiben - eine komplett andere biografische Ästhetik, die aber unter anderem geeignet ist, Wagner auch solchen Zeitgenossen näher zu bringen, die sich vielleicht noch gar nicht mit ihm beschäftigt haben. Ein ideales Geschenk also! Die drei Fragen lauten:

1. Wo bewunderte die Familie Wagner heute vor 140 Jahren am 6. August 1873 einen "herrlichen Mondaufgang"?

2. Wie heißt die Künstlerin, die aktuell in der Leipziger "Weltenschöpfer"-Ausstellung mit drei großartigen Gesamtkunstwerk-Installationen vertreten ist und die neue Tannhäuser-Inszenierung in Karlsruhe ausgestattet hat?

3. Wann war die Tannhäuser-Erstaufführung in Bayreuth?

Wer die Antworten nicht auf Anhieb weiß, kann sie in den Juli-Einträgen dieses Blogs finden. Senden Sie Ihre Lösung mit dem Stichwort "Wissenswette VII" und Ihrer Postanschrift bis spätestens 15. August an leserreporter@infranken.de. Die Gewinner werden unter allen richtigen Einsendungen gezogen; Name und Wohnort werden im Blog veröffentlicht. Auf, liebe Leser! Greifet in die Tasten! Die Aufgab ist gestellt, - kämpft um den Preis und nehmet All im voraus unsren Dank!


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