Schwetzingen
Mein Wagner-Jahr

Wagner in Schwetzingen? Na klar.

Der Bamberger Künstler Karlheinz Beer zeigt beim Kunstverein Schwetzingen seine Hommage an Richard Wagner und Venedig. "Purpurrosa" heißt die Ausstellung und zeigt nicht nur Wagners Sterbesofa in einem besonderen Licht.
Karlheinz Beer: Sterbesofa, Öl auf Leinwand (Ausschnitt) Foto: Beer
Karlheinz Beer: Sterbesofa, Öl auf Leinwand (Ausschnitt) Foto: Beer
+6 Bilder
">
Wagner in Schwetzingen? Doch. Er war da, zusammen mit seiner Familie. Eher ungeplant, denn nach der mehrwöchigen Kur in Bad Ems reiste er mit den Seinen am 5. Juli 1877 zunächst nach Heidelberg, wo Sohn Siegfried eine Mandelentzündung bekam, was den Aufenthalt im dortigen Schloss-Hotel zwangsläufig verlängerte. Wagner liest im intimen Kreis seiner Mannheimer Freunde erstmals die Parsifal-Dichtung vor. Und man nutzt die Gelegenheit zu diversen touristischen Ausflügen und Stippvisiten, unter anderem nach Schwetzingen. Eine glückliche Zeit. Cosima berichtet darüber am 11. Juli in ihrem Tagebuch:

"Morgenfahrt nach Schwetzingen, nicht sonderliches Vergnügen an Spielerei und Verkommenheit, doch immer heitere Laune; bei der Heimfahrt flattert ein Falke hoch über unsere Häupter und umkreist uns; wir begrüßen ihn als gutes Zeichen. - - Nachmittags Konzert, der Kmeister Rosencranz erbittet sich einige Tempi aus, allein es nutzt nicht viel." Und tags darauf, zurück in Heidelberg:

R. hatte eine schlechte Nacht in Folge von ungesunder Diät; er sagt, vielleicht sollt' ich nur den Stern fallen sehen, und erzählt mir, dass ein prachtvoll leuchtendes Wesen vor ihm herabgesunken sei; er habe gleich an den König gedacht. Beim Kreisen des Falken sagte er mir, "der Falke denkt: Wagner muss Glück haben, er hat das einzige Wesen bei sich, um das es sich lohnt, das Leben zu ertragen". - Um die Mittagszeit besuchen wir mit den Kindern das Studenten-Fass. Abends wunderschöne Fahrt nach dem Wolfsbrunnen; prächtiger Sonnenuntergang. Abends auf der Terrasse völliges Idyll. Acht glückliche Tage! Und bei der Heimfahrt noch ein gutes Zeichen, grüne Spinne auf R.'s Hut, "Spinne am Abend" -. In keiner Gegend ist uns so heimisch gewesen; beinahe nirgends auch waren wir so für uns.

Aktuell und noch bis 29. September ist Wagner gewissermaßen wieder in Schwetzingen heimisch, durch eine Ausstellung. Der Bamberger Künstler Karlheinz Beerzeigt beim Kunstverein Schwetzingen im Palais Hirsch unter dem Titel purpurrosa seine Hommage an Richard Wagner und Venedig. Im Katalog zur Ausstellung schreibt der Kunsthistoriker Dietmar Schuth unter anderem:

Schon in den 1980er Jahren schuf Beer den Zyklus "Wagners Welten", für den er ein Bayreuth-Stipendium erhielt. In neuerer Zeit entstanden zwischen 2003 und 2012 immer wieder Bilder zum Thema, wie die Gemälde "Der Gral" und "Wagners Dresdener Bibliothek" von 2005 sowie eine Serie, die sich dem Sterbesofa Richard Wagners verschrieben hat. Auf diesem Möbel ist der Meister am 13.2.1883 im Palazzo Vendramin in Venedig entschlafen. Das Sofa wurde als heilige Reliquie nach Bayreuth überführt, ist heute in der Villa Wahnfried zu sehen und stand dort dem Maler Modell.

Natürlich will Beer keinen Personenkult treiben, doch immer wieder stößt er als Maler und Bühnenbildner auf Richard Wagner. Das ist kein Wunder, denn der in Bamberg lebende Künstler wohnt und arbeitet seit Jahren gerne längere Zeit in Venedig, so dass solche Begegnungen unausweichlich sind: 1994 malt Beer das Wasser der Lagune vor dem Palazzo Giustiniani, in dem Wagner bereits 1858 einen Teil des "Tristan" komponierte. 2006 malte er das Teatro la fenice, wo Wagner an Weihnachten 1882 seine C-Dur-Symphonie dirigierte. Viele andere Bilder von Karlheinz Beer zeigen die gotischen Palazzi am Canal Grande, die auch Wagner sehr gefallen haben, venezianische Interieurs und Fensterausblicke, Stimmungen und magische Lichtmomente, die vielleicht auch so von Wagner gesehen und empfunden wurden.


"Purpurrosa", so Schuth in seinem Beitrag, den er wunderbar mit einem absichtlich falsch geschriebenen "Wenedig" übertitelte, "hat der Künstler seine Ausstellung benannt, womit seine Liebe zu diesem magentaroten Farbton zum Ausdruck kommt. Die Tatsache, dass auch Wagner Rot und Rosa sehr mochte, ist ein Zufall. Purpurrosa ist keine recht artige und saubere Farbe, sondern eine emotional sehr engagierte und sinnliche Farbe, die in den Bildern des Karlheinz Beer sogar symbolische Bedeutungen erlangen kann. In Teatro la fenice greift sie zum Beispiel den roten Plüsch auf, der in französischen und italienischen Theatern des 18. und 19. Jahrhunderts Standard war. Damals wurden Theatersäle während der Vorstellung nicht verdunkelt, die Betrachtung des Publikums war mindestens genauso wichtig wie die Bühnenkunst. Das Theater war ein sinnliches Ereignis in erregendem Rot und vor allem für die Herren des Etablissements fast ein Puff in rotem Plüsch. Erst Wagners Festspielhaus in Bayreuth verzichtete auf die voyeuristischen Logen und knipste das Licht im Zuschauerraum aus."

Großformatige Gemälde von Karlheinz Beer sind als "Teatrum sacrum" außerdem bis 21. Mai 2014 im Oberen Foyer des Stadttheaters Amberg zu sehen. Die Kunsthistorikerin Michaela Grammer nahm bei ihrer Rede zur Vernissage am 12. September auch Bezug auf die Schwetzinger Ausstellung und das hier abgebildete Titelbild des Katalogs:

Mein erster Gedanke war, als ich das Bild eines venezianischen Salons im Piano Nobile mit großer Fensterfront, sicherlich zu einem Canale mit großem Kristalllüster an der Decke sah - Adolph Menzel, Meister des Lichts, der flimmernden Atmosphäre rauschender Feste, Interieurs mit Spiegeln und Lichtern. Mein zweiter Gedanke jedoch, nachdem ich alle vermeintlichen Vorbilder aus meinem Kopf verbannt hatte war, dass Karlheinz Beer in diesem Salon die ganze Stadt Venedig porträtiert hat, die Wasserstadt, Stadt der Farben, des rosafarbenen durch den Dunst gebrochenen Lichts, die Stadt der Feste und der Erotik, Casanovas Stadt, mit ihrer einzigartigen Geschichte und ihres einzigartigen Niedergangs, all das in einem Bild, auch wieder durch die Symbolik der Farbe. Hier ist Beer noch mehr ein metaphorischer Maler, trotz Gegenständlichkeit ist alles implizit in seinen Farben - so wie Richard Wagner in seiner Musik lässt er in seinen Farbkompositionen Bilder entstehen, die auch über die gegenständliche Darstellung hinausgehen.

Bleibt noch ein Beer-Bild: sein "Verhüllter Gral", der das eingepackte Festspielhaus zeigt und das den Umschlag jenes Buches ziert, das in der Wissenswette VIIIzu gewinnen war. Gefragt war nach drei Ortsnamen, die richtigen Antworten waren Bamberg, Eisenach und Salzburg. Je ein Exemplar des Bayreuth-Breviers "Aber schön ist es doch" aus dem Bamberger Kleebaum Verlag haben gewonnen Matthias Hain aus Bamberg, Alexander Neveling aus Bremen und Lucien Kayser aus Luxemburg. Herzlichen Glückwunsch.
Verwandte Artikel