Leipzig
Mein Wagner-Jahr

Viel Gewese um Herrn Meese

Zwei aktuelle Ausstellungen in Wagners Geburtsstadt Leipzig: "Wagnerlust & Wagnerlast" werden im Stadtgeschichtlichen Museum abgehandelt, das Klinger Forum zeigt Werke von fünf zeitgenössischen deutschen Künstlern zum "Mythos Wagner".
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Jonathan Meese: "Keine Gurus", Öl und Acryl auf Leinwand von 2011 (Ausschnitt). Im hier nicht abgebildeten unteren Teil des Gemäldes steht noch zu lesen: "Kackesoterik, verpiss dich..." Foto: Jan Bauer
Jonathan Meese: "Keine Gurus", Öl und Acryl auf Leinwand von 2011 (Ausschnitt). Im hier nicht abgebildeten unteren Teil des Gemäldes steht noch zu lesen: "Kackesoterik, verpiss dich..." Foto: Jan Bauer
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Bloß weil dieser Blog nicht mehr täglich alten oder brandneuen Wagnerstoff liefert, heißt das noch lange nicht, dass ich untätig wäre. Im Gegenteil. Ich war unter anderem in Leipzig, habe mir dort zwei Ausstellungen und eine Vorstellung der Neuinszenierung von Richard Wagners Opernerstling Die Feen angesehen - eine Produktion, die konzertant im Juli auch in der Bayreuther Oberfrankenhalle aufgeführt werden wird. Die Feen-Kritik können Sie gerne kostenpflichtig nachlesen, über die Ausstellungen berichte ich kostenlos hier.

Wagnerlust & Wagnerlast heißt die Geburtstagsausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig, dessen Neubau ganz in der Nähe des nicht mehr vorhandenen Geburtshauses am Brühl liegt, das bekanntlich bereits 1886, also drei Jahre nach Wagners Tod, abgerissen wurde. Die von Kerstin Sieblist und Andreas Thüsing gestaltete Schau ist so konzipiert, dass ihre sieben Kapitel sowohl Neulinge wie Kenner anspricht.

Schon im Eingangsbereich zeigt sich, welche Schätze Wagners Geburtsstadt zu bieten hat: In der von Wagnermusik beschallten und von Wagnerbüsten umzingelten Wagnersitzecke steht unter anderem neuerdings das Kompositionsklavier aus der Klaviermanufaktur C. Bechstein, das König Ludwig II. dem "Meister" zum 51. Geburtstag schenkte und das es erst jüngst zu einiger Bekanntheit gebracht hat, weil der Rechtsstreit, ob es nun der Stadt Bayreuth oder der Stadt Leipzig gehört, immer noch nicht beendet ist.

Auch andere Glanzstücke kann man im Original sehen - darunter das Taufbuch der Thomaskirche, aus dem klar hervorgeht, dass der am 22. Mai 1813 geborene Richard Wagner dort nicht bald nach seiner Geburt, wie er später in seiner Autobiographie schrieb, sondern erst im August getauft wurde. Während die Ausstellungsmacher hier auf die Diskrepanz zwischen historisch nachprüfbaren Fakten und Wagners Selbstzeugnis hinweisen, übersehen sie Ähnliches - übrigens wie auch ich im Blog vom 21. Januar - an anderer Stelle: Einmal mehr wird die Mär von Wagners musikalischem Schlüsselerlebnis mit Wilhelmine Schröder-Devrients Gastspiel als Fidelio-Leonore im April 1829 aufgetischt, obwohl Oswald Georg Bauer und Egon Voss längst beschrieben haben, dass die außergewöhnliche Sängerdarstellerin in diesem Jahr nachweislich gar nicht in Leipzig gastierte und Wagner wahrscheinlich erst fünf Jahre später in ihr als Bellinis Romeo die ideale Protagonistin schlechthin sah. Das hätten die Leipziger an Ort und Stelle und ein für alle Mal so verifizieren können, dass wenigstens künftig nicht jeder Wagnerliebhaber und Wagnerautor den womöglich nicht unabsichtlichen autobiografischen "Irrtum" Wagners nachbeten.

Ärgerlich ist beispielsweise, dass das selbst geknittelte Geburtstagsgedicht Wagners falsch zugewiesen wird. Die auch im Katalog abgedruckte Variante ist eben nicht identisch mit der in Wagners Brief an seine Frau Minna vom 19. Mai 1855. Man könnte das als Beckmesserei abtun, aber bekanntlich macht auch Kleinvieh Mist. Der liegt nun da, in Form von eben nicht nur zwei erkennbaren kleinen oder größeren Ungenauigkeiten.

Trotzdem ist die Ausstellung zu empfehlen, denn unter den rund 200, abwechslungsreich ausgewählten Exponaten sind etliche zentrale Schaustücke, Originalgemälde und -dokumente zu sehen, die die Stadt Leipzig zwei namhaften Schenkungen von Wagner-Sammlern verdankt, darunter ein Exemplar der riesenhaften Prachtausgabe von Mary Burrells Wagnerbiographie für die Jahre 1813 bis 1834. Und wer von den früheren West-Wagnerianern weiß schon genauer Bescheid über den Wagnerrausch in Leipzig zum Zentenarium 1913, weiteren Jubelfeiern während des Nazi-Regimes und der Wagnerrezeption zu DDR-Zeiten?

Der Rundgang macht nicht zuletzt auch Spaß. Deshalb sei jedem Besucher empfohlen, zumindest beim Hinausgehen die von Tobias Rost aus Naturkautschuk angefertigte "Heldenpumpe für die individuelle Unterdrucksetzung des Abbildes Richard Wagners zur ambivalenten Betrachtung seiner Person" zu betätigen. Es dauert zwar, aber damit steigt zwangsläufig auch der Erkenntnisgewinn (bis 26. Mai).

Von letzterem ist auch in bezug auf die Ausstellung Mythos Wagner des Klinger Forums Leipzig in der Klingervilla zu reden. Vor der Vernissage titelte die Bild-Zeitung: "Eva Padberg: Kommt sie Samstag Wagner gucken?" und kündigte neben dem Supermodel "definitiv" auch Wagnerurenkelin Nike Wagner als prominenten Gast an. Keine der beiden war da. Aber es war auch so ganz schön was los. Der Max-Klinger-Chor sang eingangs den Brautchor, der Oberbürgermeister, die Hausherren und Kuratorin Margit im Schlaa begrüßten zwei der fünf ausstellenden Künstler und sehr viele Gäste, der Schauspieler Maximilian Pekrul rezitierte das "Gedichtmanifest Wagnerz" von Jonathan Meese, dem die Wagnerschwestern bekanntlich die Neuinszenierung des Parsifal 2016 in Bayreuth anvertraut haben.

Meeses 2011 entstandene, jetzt im Klinger Forum ausgestellte Wagner-Porträtserie lässt keine Rückschlüsse darauf zu, ob und inwieweit dieser Selbstvermarktungskünstler in der Lage sein könnte, das Bühnenweihfestspiel so zu interpretieren, dass das Ganze nicht nur auf eine platte, plakative und provokative Oberflächenbehandlung und Selbstinszenierung hinausläuft. Dass Jonathan Meese sich erfolgreich im internationalen Kunstmarkt etabliert hat, beleuchtet eher die Krise desselben. Was er rein malerisch drauf hat, können vermutlich sehr viele andere auch. Der Unterschied liegt in erster Linie darin, dass er dazu eigenschöpferische Begriffe wie zum Beispiel die "Pupsdiktatur der Weltfurzdemokratie" bemüht, alle möglichen und unmöglichen Wortverbindungen mit -erz schafft - und in seinen Auftritten und Performances immer wieder gerne auch den Hitlergruß loslässt. "Meine Kunst", behauptet Meese, "ist hermetisch, es geht mir um Undurchlässigkeit. Es gibt kein menschliches Ziel in der Kunst. Sie befriedigt sich selbst anhand ihrer selbst durch sich selbst." Alles klar?

Den Mythos Wagner und lohnende Denkanstöße findet man eher in den anderen ausgestellten Werken: in Anselm Kiefers großformatigem und großartigen Bild Brunhilde Grane von 1993, einer hochkarätigen Leihgabe aus der abgelaufenen Wagner-Ausstellung im Museum Fortuny in Venedig; in den Linolschnitten der Parsifal-Serie von Markus Lüpertz aus dem Jahr 1994, die den reinen Toren nicht mehr als genuin männliche, sondern eher als androgyne Figur vorführt; in Henning von Gierkes neuem Liebestod-Gemälde oder in seiner bereits 2006 in Wahnfried gezeigten Rauminstallation Fundstätten, Archäologie; schließlich auch in der aus Fundstücken zusammengebastelten und/oder abfotografierten gesichtslosen und doch spielerischen Wagnerfigurenwelt von Thorsten Brinkmann, die eine ironische, gewissermaßen rockige, aber durchaus ernsthafte Übersetzung ins Hier und Heute darstellt (bis 17. Juli).

Um noch das Datum einzubauen: Am 28. April 1848 vollendete Richard Wagner in Dresden die Lohengrin-Partitur. Am 28. April 1857 zog er in das ihm durch Otto und Mathilde Wesendonck bereitete "Asyl auf dem grünen Hügel" bei Zürich ein. Am 28. April 1874 erfolgte der Einzug der Wagnerfamilie ins Haus Wahnfried in Bayreuth. Und am 28. April 1926 wurde in Bratislava die Oper Kovác Wieland (Wieland der Schmied) von Ján Levoslav Bella mit dem Libretto von Oskar Schlemm nach Richard Wagners gleichnamigem Entwurf uraufgeführt.
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