Bamberg
Mein Wagner-Jahr

Unbekannte Wagner-Werke (II)

Morgen ist es 165 Jahre her, dass der Dresdener Hofkapellmeister Wagner in einem Abonnementkonzert eine eigene Bearbeitung von Palestrinas "Stabat mater" aufführte.
Richard Wagner, komponierend: Postkarte aus dem Verlag Chr. Senfft, Bayreuth 1906
Richard Wagner, komponierend: Postkarte aus dem Verlag Chr. Senfft, Bayreuth 1906
Auch in der Nacht zum 7. März 1879 hatte Wagner gut geschlafen. Schon früh arbeitete er, wie seine Frau Cosima in ihr Tagebuch schrieb, und "bei Tisch ruft er plötzlich aus: ‚Das ist ein guter Gedanke, das muss ich gleich niederschreiben‘, wir bringen ihm Bleistift und Notenpapier, und er schreibt eine Harmonien-Folge zu den Glocken. Nachher sagt er mir, ob ich wisse, was das 6/4tel bedeute, wie die Glocken ertönen? Das Lauschen von Gurnemanz und Parsifal; man hört die Glocken von der Ferne. Ganz erfüllt ist er von seinem Schaffen, und ich darf es mit ihm teilen!"

Abends wurde in Wahnfried gelesen, musiziert oder Whist gespielt, der Nibelungenkanzlist Josef Rubinstein saß mit am Kartentisch. "Wie ich R. beim Spiel betrachte", so Cosima weiter, "überkommt mich ein unnennbares Gefühl; in meine Arme möchte ich ihn fassen, tragen himmelwärts, vor allem Leiden hüten - mir ist es, als ob dies mein Amt sei. Er sagt oft, dass, wenn ich nicht wäre, er längst nicht mehr hienieden sein würde, ihm dieses Hienieden erfreulich machen, ihn hüten, pflegen, tragen - - das möchte ich, ach! Fühle ich wie ein Müssen! Und was kann ich, was vermag ich? Alles schafft er ! ... Sein Auge, sein teures Auge, wie sich die Welt denken ohne diesen Strahl? ..."

Wer weiß, ob die fünfzehn nicht vertonten Opernentwürfe, Textbücher und Bühnenstücke, die im Wagner-Werkverzeichnis (WWV) stehen, allesamt unvollendet geblieben wären, wenn Wagner schon früher auf die so für ihn sorgende Cosima getroffen wäre? Die Reihe "Unbekannte Wagner-Werke" startete vorgestern mit dem Prosaentwurf zu der Oper Die Bergwerke zu Falun, heute geht es mit einer Bearbeitung weiter, von denen Wagner nicht wenige in seinen Pariser Hungerjahren aus reiner Geldnot verfasste.

Bei seiner Version von Palestrinas Stabat mater (WWV 79) war das jedoch nicht der Fall. Wagner richtete das Werk als damaliger Dresdener Hofkapellmeister für sein drittes Abonnementkonzert der Saison 1847/48 ein; Kennzeichen seiner Bearbeitung sind die generelle Halbierung der Notenwerte, die Aufteilung der Stimmen auf Soli, Halb- und Tuttichöre sowie die Hinzufügung von dynamischen Bezeichnungen. Das Konzert fand am 8. März 1848 statt, auf dem Programm standen außerdem die Bachsche Motette Singet dem Herrn, die Symphonie A-moll von Felix Mendelssohn Bartholdy und Beethovens C-moll-Symphonie.

Das Dresdner Morgenblatt für Unterhaltung und Belehrung berichtete mit einiger Verspätung am 20. März 1848 über die Aufführung vom 8. März. Rezensent Dr. J. S. dankte eingangs ausführlich "Herrn Kapellmeister Wagner für die Berücksichtigung einiger Seitens der Kritik im Interesse der Sache ausgesprochenen Wünsche." Sprich: Wagner hatte der Bitte nach einer mitgelieferten deutschen Übersetzung und einer günstigeren Aufstellung des Chores wie des Dirigenten offenbar gerne entsprochen. Und weiter, was das Stabat mater betrifft:

"Die Wahl dieses Werkes war eine sehr gewagte, und auf eine vollkommen gelungene Ausführung jedenfalls von vorn herein zu verzichten. Diese alten Italiener in der erforderlichen Vollendung zu reproduciren, dazu bedarf's einer langjährigen, allseitigen Vertrautheit mit ihren Werken, die unter den gegebenen Verhältnissen nicht vorausgesetzt werden konnte. Es war ein ehrenwerter Versuch eines edlen Strebens und mag als solcher freudig willkommen geheißen und mit billiger Rücksicht beurtheilt werden, da eine Erkenntniß dessen, was zum Gelingen nothwendig, sich wohl herausstellte. Die ‚Bearbeitung für diese Aufführung‘, so weit sie nicht auf die Vortragszeichen sich beschränkt, können wir nicht billigen; bei derartigen Werken müssen wir auf der vollen Ursprünglichkeit bestehen."

Ganz schön werktreu, der Herr Doctor J. S.! Die handschriftliche Bearbeitung, der möglicherweise eine Partitur aus dem Bestand der Dresdner Hofkirche zugrundelag, ist verschollen und befand sich zumindest zeitweise im Besitz von Franz Liszt. Der Erstdruck erschien Ende August 1878, Cosima notierte am 2. August in ihr Tagebuch: "Das eben publizierte Stabat mater von Palestrina wird von R. abends vorgenommen, um es mir zu zeigen; großer Eindruck, doch meint R., dass, wenn man dies mit der gleichzeitigen Malerei vergliche, z.B. ein[em] Bild von Tizian, müsse man sagen, dass dies ein Beginn sei. Ich nehme Abschied von dem Heft, darin ich, glaube ich, ausführlicher gewesen bin als in den andren. Für wen schreibe ich sie? Werden sie Siegfried das bringen, was ich möchte, das Bild seines teuren, angebeteten, nie genug zu liebenden, zu bewundernden Vaters? ... Ich weiß es nicht, doch will ich weiter far tesoro der Erinnerungen, und wäre es dann nur für mich selbst!"

Es war der letzte Eintrag in Tagebuchheft Nr. 10. Insgesamt füllte Cosima zwanzig Quarthefte unterschiedlichen Umfangs komplett, Heft Nr. 21 endet nach 100 Seiten mit dem Eintrag zum 12. Februar 1883 und einem Nachtrag von Cosimas Tochter Daniela nach Wagners Tod. Womit ich überleite zu den Todestagen am 7. März: An erster Stelle ist Christian Theodor Weinlig (1842†) zu nennen, jener Musikpädagoge, Komponist und Chordirigent, bei dem Richard Wagner in Leipzig sein Handwerk lernte. "Die Vorsehung", schrieb letzterer in seiner Autobiografie, "ließ mich den rechten Mann finden, der mir neue Liebe zur Sache einflößen und sie durch den gründlichsten Unterricht läutern sollte." Wagner widmete Weinlig seine im Herbst 1831 entstandene erste Klaviersonate in B-Dur (WWV 21).

Erinnert sei noch an den Dirigenten und Komponisten Igor Markevitch (1983†) und vor allem an die österreichische (Wagner-)Sängerin Leonie Rysanek (1998†), die an der Wiener Staatsoper, an der New Yorker Met und in Bayreuth ein Star war. Bei den Festspielen debütierte sie 1951 als Sieglinde. Von 1958 an bis 1970 war die bannende Sängerdarstellerin immer wieder als Sieglinde, Elsa, Senta und Elisabeth zu erleben und kehrte als Kundry im von Götz Friedrich inszenierten Jahrhundert-Parsifal 1982 und 1983 nochmals an den Grünen Hügel zurück.