Bayreuth
Mein Wagner-Jahr

Toni Schmid, der Schwesternfreund

Der nicht nur für die Festspiele zuständige Ministerialdirigent im bayerischen Kunst- und Wissenschaftsministerium hat in Bayreuth ein vielsagendes Interview gegeben.
Ministerialdirigent Toni Schmid bei der Eröffnung der Bayerischen Theatertage 2009 in Coburg Foto: Jochen Berger
Ministerialdirigent Toni Schmid bei der Eröffnung der Bayerischen Theatertage 2009 in Coburg Foto: Jochen Berger
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Wir befinden uns, wie am späten Freitagnachmittag der Landesdienst Bayern der Deutschen Presse-Agentur (dpa) unter dem originalen Titel "Rückendeckung für Wagner-Schwester"(Achtung: Singular!) verbreitete, offensichtlich bereits im Jahr 2083, sprich: "200 Jahre nach dem Tod des Komponisten Richard Wagner". Das sind schon mal zwei Fehler, von denen beide der agentur-notorischen Flüchtigkeit geschuldet sein mögen, aber es sind nicht die einzigen. Vor allem bagatellisiert diese Meldung den ursprünglichen Bezugspunkt: ein brisantes Interview, das Kulturredakteur Florian Zinnecker vom "Nordbayerischen Kurier" mit Toni Schmid geführt hat.

Ob die Bayreuther Zeitung selbst für eine Vorabmeldung nur zu wenig herausgegeben hat oder Toni Schmid vorsichtshalber noch von sich aus mit der Nachrichtenagentur gesprochen hat, sei dahingestellt. Wer wissen will, warum in Bayreuth in Sachen Wagner seit geraumer Zeit gar nichts mehr rund läuft, begreift nach der Lektüre einiges mehr. Denn eines kann und darf man Toni Schmid, seines Zeichens Ministerialdirigent im bayerischen Kunstministerium und wirkungsmächtiger Verwaltungsratsvorsitzender der Festspiel-GmbH, lassen: Er ist unter den Protagonisten, die mit der Richard-Wagner-Stiftung und sämtlichen Festspiel-Querelen zu tun haben, derjenige, der an maßgeblicher Stelle am längsten mit dabei ist - nämlich seit dreizehn Jahren.

Der inzwischen 62-jährige ranghöchste bayerische Kulturbeamte darf als der wahre Strippenzieher der Bayreuther Seifenoper gelten. Was übrigens in unserer Zeitung und auf unserer Homepage www.infranken.de schon länger zu lesen war - unter anderem in Hintergrundberichten über Katharina Wagner, in Exklusiv-Interviews mit Iris Wagnerund Dagny Beidler-Wagner, im Bericht über den skandalösen Eon-Kulturpreis für die Wagner-Schwestern und darüber, inwieweit Toni Schmid involviert war, über den Wagner-Baustellen-Wahn samt Kommentar dazu.

Schon in seinen ersten Antworten im Kurier-Interview macht der ehemalige Journalist und Pressesprecher Toni Schmid jetzt wieder, was er am besten kann: eloquent möglichst am Thema vorbei und Probleme klein reden, verharmlosen und Verantwortung abschieben. Mehrfach und in unterschiedlichen Punkten präsentiert er den bis dato sakrosankten früheren Bayreuth-Chef Wolfgang Wagner als die Ursache allen Übels. Da ist natürlich viel Wahres dran, denn als der Wagner-Enkel 2008 im Alter von 89 Jahren endlich abdankte, waren die Festspiele baulich, finanziell, künstlerisch und organisatorisch längst nicht mehr das, was sie einmal waren.

Was auch damit zu tun hatte, dass Wolfgang Wagner vermutlich ab 2006 aus gesundheitlichen und Altersgründen nicht mehr geschäftsfähig gewesen sein dürfte. Seine um eine Generation jüngere zweite Frau Gudrun, die sich im Jahr 2000 vergeblich offiziell um die Festspielnachfolge beworben hatte, war schon länger diejenige, die am Grünen Hügel alle Fäden in der Hand hielt und dynastisch voll und ganz auf sich und die gemeinsame Tochter Katharina ausrichtete. Was wohl auch ins Geld ging. Denn das nicht nur mit einem beispiellosen Medienhype, sondern auch mit hohen Ausstattungskosten inszenierte Bayreuther Regiedebüt der damals 29-jährigen Wagner-Urenkelin mit den "Meistersingern" könnte 2007 mit dazu beigetragen haben, dass bei den Festspielen plötzlich ein Defizit in Höhe von 1,6 Millionen Euro im Raum stand.

Der damalige Alleingesellschafter der Bayreuther Festspiele GmbH Wolfgang Wagner ließ denn auch den Stiftungsrat der Richard-Wagner-Stiftung, der von Seiten der öffentlichen Geldgeber das einzige Aufsichts- und Kontrollgremium war, des Öfteren im Regen stehen, kam seltener persönlich zu den Sitzungen, schickte stattdessen seinen Anwalt und blieb angeblich zumindest einen Rechenschaftsbericht einfach schuldig. Der Stiftungsrat, als dessen Vorsitzender Toni Schmid seinerzeit fungierte, ließ dies alles offenbar zu, ohne überprüfen zu lassen, ob der greise Festspielgeschäftsführer, dem der Stadtrat von Bayreuth unverständlicherweise eine lebenslängliche Mietoption auf das Festspielhaus ins Vertragswerk geschrieben hatte, noch geschäftsfähig sei.

Man muss einschränkend dazu sagen, dass auch die beteiligten Politiker und Vertreter des größten Festspielfinanziers, der mäzenatischen "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth", lange alles durchgewunken und nichts kritisch hinterfragt haben. Von den politischen Stiftungsratsmitgliedern, die schon beim ersten Versuch einer Nachfolgeregelung im Jahr 2000 dabei waren, ist kaum noch einer im Amt. Ausgerechnet in der heiklen Spätphase der Ära Wolfgang Wagners gab es zudem Wechsel in der Stadt- sowie in der oberfränkischen Regierungsspitze.

Der neue und inzwischen nach nur einer Amtsperiode abgewählte Oberbürgermeister Dr. Michael Hohl (CSU) setzte als Stadtoberhaupt und als Geschäftsführer der Richard-Wagner-Stiftung die ungute Tradition seiner SPD-Vorgänger fort und nickte gerne ab, was die am Hügel herrschende Wolfgang-Familie wollte. Und der seit 2007 amtierende Regierungspräsident von Oberfranken Wolfgang Wenning ist an das gebunden, was ihm die bayerische Staatsregierung bzw. ihre Ministerien vorgeben, vermutlich auch als Vorsitzender des Stiftungsrats der Richard-Wagner-Stiftung.

Es gab ausreichende Anzeichen, die man nicht nur in Bayreuth, sondern auch in München hätte sehen können. Stattdessen sagt Toni Schmid jetzt ganz unschuldig im Kurier-Interview: "Wenn wir nach Bayreuth gefahren sind, dann waren das Kaffeefahrten: Es gab Plundergebäck und Wolfgang Wagner hat uns hübsche Anekdoten erzählt. Über die Interna wussten wir im Grunde gar nichts. Wir hatten den Verdacht, dass der alte Herr Verträge unterschreibt, die so weit in die Zukunft hineinreichen, dass wir damit enorme Probleme bekommen werden. Meine Befürchtungen haben sich dann ja auch bewahrheitet. Und schon allein deshalb ist die Kritik, die immer wieder an Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier geübt wird, unfair und unsachlich."

Das ist schön gesagt. Wenn man allerdings die bisherige Leistungsbilanz der beiden Halbschwestern nicht durch die geradezu peinlich rosarote Brille von Toni Schmid sieht, stellt sich manches anders dar. In der Opernszene und unter Wagnerianern wird Bayreuth inzwischen nicht mehr ernst genommen und gilt eher als Lachnummer, die sich in absehbarer Zeit von selbst erledigt haben wird, weil ohne das bisherige Stammpublikum die immer noch ausposaunten Zahlen von x-fach ausverkauften Vorstellungen sich in Luft auflösen werden. Natürlich bleiben die Kartenanfragen bei Neuinszenierungen schon der Neugier wegen weiterhin groß. Aber man darf gespannt sein, ob zum Beispiel Wiederaufnahmen von missratenen Produktionen wie dem "Tannhäuser" jedes Mal vor einem vollen Haus gespielt werden. Dass namhafte Opernregisseure, die ihr Handwerk verstehen, sich kaum noch engagieren lassen bzw. nicht wieder kommen, dürfte gute Gründe haben.

"Die beiden Damen", sagt Schmidt in dem Zusammenhang, "gehen da ein immenses Risiko ein. Aber sie können nicht einfach einen Routinier nach Bayreuth holen, der abliefert, was er auch in Mannheim oder Hamburg oder Berlin abliefern würde. Dann würde Bayreuth seinen Nimbus völlig verlieren." Was eine ziemlich genaue Beschreibung unter anderem der letztjährigen Neuinszenierung ist. Als der ursprünglich vorgesehene Regisseur Stefan Kimmig aus nicht bekannt gewordenen Gründen den "Holländer" wieder abgab - allein die Zahl der Absagen von namhaften Szenikern und weltweit renommierten Sängern in der letzten Dekade spricht Bände - zauberte Katharina Wagner den relativ unbekannten Jan Philipp Gloger aus dem Hut, ein Schauspielregisseur, der zuvor nur in Augsburg und in Dresden eine Oper inszeniert hatte. Von Nimbus leider keine Spur.

Immerhin wird nach der nächsten und noch vom Vater vertraglich fixierten Katharina-Wagner-Produktion 2016 der Selbstvermarktungskünstler Jonathan Meese als "Parsifal"-Regisseur zuverlässig für Schlagzeilen sorgen. Wetten, dass begleitend eine große Meese-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst stattfinden wird? Self-fulfilling prophecy nennt man das. Toni Schmid, der "wenn es um Personalien im Kunstbereich geht, generell kein großer Demokratieverfechter ist" und deshalb auch auf Findungskommissionen verzichtet, hat schließlich den jetzigen künstlerischen Kunsthausleiter Okwui Enwezor an seinen Posten gebracht.

Ähnlich funktioniert es mit dem Haus der Bayerischen Geschichte: Dessen ebenfalls von Schmid gekürter Chef Richard Loibl soll mit Teilen der abgelaufenen Ludwig-Landesausstellung wenigstens teilweise die peinliche Scharte auswetzen helfen, die die lange von Toni Schmid angeführte Richard-Wagner-Stiftung in Sachen Haus Wahnfried angerichtet hat. Er hat übrigens auch - schließlich kommen Minister und gehen wieder - das letzte Machtwort bei den Bamberger Symphonikern und dürfte derjenige sein, der ohne Not den verdienstvollen Intendanten Wolfgang Fink vertrieben hat.

Toni Schmid spricht gerne mit zwei Zungen. Auf der einen Seite geißelt er Wolfgang Wagner für weit vorausgreifende Verträge (wobei ungeklärt ist, inwieweit konkret Gudrun und Katharina Wagner dabei das Sagen hatten), auf der anderen hat er die beiden Festspielleiterinnen bekanntlich schon im vergangenen Jahr dazu aufgefordert, bis ins Jahr 2020 zu planen. Das ist genauso unnötig - es sei denn, man möchte damit die jetzige Leitungsstruktur zementieren. Denn wer würde schon gerne nach 2015 Festspielleiter werden, wenn die maßgeblichen künstlerischen Entscheidungen für die nächsten fünf Jahre schon alle getroffen sind?

Ein anderes Beispiel: Schmid beklagt gegenüber Florian Zinnecker, dass "die beiden Damen in den ersten drei Jahren sechs Rechnungshofprüfungen hatten. So häufig und so genau wird kein Unternehmen in Deutschland geprüft. Keines! Und auch kein Theater." Aber nach wie vor besteht erstens - inzwischen als 100-prozentige Tochter der Festspiel GmbH - die obsolet gewordene und obskur erscheinende BF-Medien GmbH, die laut Katharina Wagners Ex-Mitarbeiter Alexander Busche nur gegründet wurde, damit Katharina einen unüberwindbaren Fuß im Festspielhaus hat. Und zweitens wollen die zwei offenbar überforderten Festspielleiterinnen seit Jahren einen zusätzlichen kaufmännischen Geschäftsführer haben, der deshalb nicht angestellt werden kann, weil Toni Schmid als Hauptverantwortlicher in der Stiftung bzw. im Verwaltungsrat es nicht für nötig gehalten hat, nach dem Abtreten von Wolfgang Wagner in 2008 einen gültigen Mietvertrag für das Festspielhaus auf die Beine zu stellen.

Was sind schon Verträge! Angesprochen auf die Tatsache, dass es juristisch zweifelhaft sei, den Mietvertrag stillschweigend zu verlängern, sagt Schmid im Kurier-Interview: "Das ist mir völlig egal. Die Gesellschafter zahlen enorme Summen, um das Haus überhaupt bespielbar zu halten. Ich glaube nicht, dass die sich von irgendjemandem reinreden lassen. Schon gar nicht von jemandem, der selbst kein Geld dafür bereit stellt." Umgekehrt ist Geheimdiplomatie angesagt, wenn es zum Beispiel um die Verträge der Festspielleiterinnen geht.

Zumal die Zahl der Chefpositionen in Bayreuth abnorm ist: Neben den zwei Geschäftsführerinnen der Festspiel GmbH wird spätestens ab der neuen Wahlperiode offiziell ein kaufmännischer Geschäftsführer bezahlt werden müssen, nachdem die "Freunde" aushilfsweise schon Hans Tränkle, den früheren geschäftsführenden Direktor der Staatstheater Stuttgarter Oper dafür engagiert und finanziert hatten - neben dem schon vorhandenen Verwaltungschef Alexander Schiller und dem zusätzlichen künstlerischen Berater Christian Thielemann. Nur das Gehalt von Verwaltungsratschef Toni Schmid, der den Festspielleiterinnen gegenüber weisungsbefugt ist, kommt direkt aus der Staatskasse.

Er ist übrigens kein Gerücht, dass bei einem etwaigen Ausstieg des Bundes der Freistaat die Finanzierung der Festspiele aus öffentlichen Mitteln notfalls alleine schultern würde. Das hat Toni Schmid mir gegenüber bei einem Opernbesuch in München im vergangenen Sommer bestätigt. Es käme dem autokratisch agierenden Verwaltungsratsvorsitzenden gut zu Pass. Denn er sagt im Kurier-Interview selbstbewusst: "Ich bin jetzt seit dreizehn Jahren zuständig und damit mit Abstand der Dienstälteste, ich werde das auch nach der Landtagswahl noch machen. Ich habe nicht mehr lange hin bis zur Pensionierung. Bis dahin hätte ich schon gerne noch geholfen, einige Dinge in trockene Tücher zu bekommen." Fragt sich nur, was trocken ist.

Zum guten Schluss noch etwas Erfreuliches: Für drei Teilnehmer der Wissenswette III gibt es demnächst Post aus Bamberg, mit der neuen Wagner-CD von Jonas Kaufmann. Die richtigen Antworten lauteten 1.) "Tannhäuser" und Paris, 2.) Lauritz Melchior und 3.) Blandine. Gewonnen haben Marie-Louise De Doncker, Wolfgang Keil aus Bayreuth und Werner Polz aus Bamberg. Herzlichen Glückwunsch!