Thiès
Blog

Tag 6 im Senegal: Bildung und Fairer Handel

Die Senegal-Blogger besuchen an Tag 6 eine Mädchenschule in Thiès und stellen die Weichen für den künftigen Verkauf von senegalesischen Fair-Trade-Produkten auf Burg Feuerstein.
Einen herzlichen Empfang mit Singen, Trommeln und Tanzen bereiteten die Mädchen und Frauen der Mädchenschule "Claire Logis" unseren Senegal-Bloggern. Fotos: Ann-Kathrin Thönnes
Einen herzlichen Empfang mit Singen, Trommeln und Tanzen bereiteten die Mädchen und Frauen der Mädchenschule "Claire Logis" unseren Senegal-Bloggern. Fotos: Ann-Kathrin Thönnes
+5 Bilder
"Eduquer une femme c´est eduquer une nation". In großen Buchstaben steht über dem Eingangstor, wovon Claire Logis, die Gründerin der nach ihr benannten Schule, überzeugt war: "Eine Frau auszubilden bedeutet, eine Nation auszubilden". Die Bildung von Mädchen und jungen Frauen und stand am Vormittag von Tag 6 im Senegal beim Besuch der Mädchenschule "Claire Logis" im Mittelpunkt.

Wird bei uns in Deutschland über Gleichberechtigung von Männern und Frauen diskutiert, geht es in der Regel darum, wie viele Frauen es in Führungspositionen gibt oder wie viel Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. Dass sie weder lesen noch schreiben können, ist für uns unvorstellbar.

Anders ist das im Senegal: Über 70 Prozent der Frauen (und damit 10 Prozent mehr als Männer) sind Analphabetinnen. Und das, obwohl Frauen im Senegal in vielen Fällen die Hauptlast in der Familie tragen: gleichzeitig Geld verdienen, die Kinder erziehen und den Haushalt führen müssen. An diesem Punkt setzt das Konzept der Mädchenschulen "Claire Logis" an, von denen es im Senegal zwei Stück gibt. In Thiès besuchen derzeit 56 Mädchen und junge Frauen die Schule. Die jüngste ist 13 Jahre alt. Die ältesten Schülerinnen versorgen bereits eine eigene Familie. Diese Aussage fanden wir spannend, zeigt sie doch, dass Alter hier offensichtlich nach ganz anderen Maßstäben als in Deutschland bemessen wird: Wichtiger als die tatsächliche Anzahl der Lebensjahre scheint die Lebenserfahrung zu sein.

Mädchen und Frauen für das Leben wappnen

Aber zurück zur Schule: Viele der Schülerinnen haben vor dem Besuch von "Claire Logis" nie eine Schule von innen gesehen, andere haben die Schule abgebrochen. Die Ausbildung in "Claire Logis" will die Mädchen und Frauen für das Leben wappnen. Dementsprechend umfassend werden sie unterrichtet. Neben Lesen und Schreiben lernen die Schülerinnen Kochen, Backen und Nähen. Vieles davon können sie bereits sehr gut. So zeigten uns die Mädchen und Frauen nicht nur ihre selbst genähten Kleider und Taschen, sondern verwöhnten uns auch mit vielen leckeren Köstlichkeiten wie frittierten Teigtaschen mit Fleischfüllung, gebrannten Erdnüssen und verschiedenen Plätzchen. Die Mädchen und Frauen bekommen zudem Sozialkunde-, Informatik- und Sportunterricht. Ein wichtiges Fach ist außerdem Buchhaltung.

Finanziert wird die Schule neben Unterstützung aus Frankreich und einem kleinen Schulgeld, das die Mädchen und Frauen monatlich zahlen, durch den Verkauf ihrer Produkte, auf den sie somit angewiesen sind. Aus diesem Grund haben wir den Besuch der Schule nicht nur zum gegenseitigen Austausch genutzt, sondern auch, um erste geschäftliche Beziehungen aufzubauen. Mit Erfolg! Zum einen werden die Mädchen und Frauen das Fastentuch, mit dessen Gestaltung wir am nächsten Tag gemeinsam mit senegalesischen Jugendlichen anfangen, und für dessen Fertigstellung professionelle Nähkünste benötigt werden, zusammennähen.

Fair-Trade-Produkte aus dem Senegal auf Burg Feuerstein

Zum anderen soll die Schule aber auch langfristig eine zusätzliche Einnahmequelle haben. Das Schlüsselwort in diesem Zusammenhang ist "Fairer Handel". So konnten wir bereits einige der von den Schülerinnen genähten Taschen kaufen, die wir mit nach Deutschland nehmen werden. Diese sollen auf Burg Feuerstein verkauft werden. Mit Erdnüssen, Schmuck und Marmelade gibt es dort bereits seit einiger Zeit zusätzlich zu den "normalen" und zertifizierten Fair-Trade-Produkten eine kleine Auswahl an senegalesischen Produkten. Diese werden nun also um die Taschen aus "Claire Logis" erweitert. Damit werden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Zum einen haben die Mädchen und Frauen so die Möglichkeit, ihre Produkte zu verkaufen; die Schule bekommt das Geld dafür direkt und ohne irgendwelche Abzüge. Zum anderen wird der Erlös aus dem Verkauf auf Burg Feuerstein für das geplante "Maison de Jeunes" gesammelt.

Zum Hintergrund: Die Partnerschaft zwischen der Jugend in Thiès besteht aus drei Säulen: dem Jugendaustausch, dem Freiwilligenaustausch und dem "Maison de Jeunes". Das Konzept für letzteres wurde in verschiedenen Zukunftsworkshops und Gesprächen mit Verantwortlichen der Jugendarbeit in Thiès entwickelt. Ähnlich wie auf Burg Feuerstein soll hier ein Haus für die Jugendlichen der Diözese entstehen - unter anderem mit Seminarräumen und Übernachtungsmöglichkeiten. Auf Burg Feuerstein wird für dieses Projekt bereits seit drei Jahren gesammelt. Auch Vereine und Verbände setzen sich für das "Maison de Jeunes" ein. Der Fair-Trade-Verkauf mit senegalesischen Produkten, der Schritt für Schritt erweitert werden soll, ist ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Verwirklichung des Projektes.

Das Thema Fairer Handel begleitete uns dann auch am Nachmittag. Wir besuchten das Benediktinerkloster Keur Moussa, etwa eine dreiviertel Stunde von Thiès entfernt. Das Kloster gehört zu einem der größten im ganzen Senegal. Die Mönche bewirtschaften riesige Flächen mit Obstbäumen. Ein Traum für jemanden, der Obst so liebt wie ich: Mangos, Bananen, Orangen, Zitronen, Grapefruits und Mandarinen soweit das Auge reicht. Außerdem haben die Mönche eine eigene Schreinerei, einige Tiere und eine Werkstatt, in der sie Koras herstellen (die Kora ist eine mit beiden Händen gezupfte westafrikanische Stegharfe, die auch als Harfenlaute klassifiziert wird).

Einen Teil der Früchte verarbeiten die Mönche zu Marmelade, Schnaps, Wein, Saft und Sirup, den sie in einem eigenen Laden verkaufen (und wo wir uns auch gleich eingedeckt haben - ich bin mir sicher, dass auch einige der Blogleser davon probieren können, wenn wir wieder in Deutschland sind). Der Großteil wird jedoch unverarbeitet an Markthändler verkauft. Auch Keur Moussa soll ein Projektpartner für den Fairen Handel werden. Ob Burg Feuerstein künftig verarbeitete Produkte wie Marmelade aus Keur Moussa (wofür das Kloster offiziell nach Fair-Trade-Kriterien zertifiziert werden müsste) verkauft, oder ob die Früchte importiert und in Deutschland verarbeitet werden, ist jedoch noch nicht sicher.

Neben vielen spannenden Einblicken in einige weitere Bereiche des Lebens im Senegal hat mir der Tag vor allem auch eines gezeigt: Viele Menschen und Institutionen wollen eine Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern, oft erschweren Vorschriften, Interessenskonflikte oder andere Schwierigkeiten jedoch das Vorankommen. Die ersten Schritte auf dem Weg zu einer noch engeren Partnerschaft im Bereich der Jugendarbeit zwischen den Diözesen Bamberg und Thiès sind gemacht - aber auch in Zukunft gibt es noch viel zu tun!
Verwandte Artikel