Bamberg
Filmreif

"Small Apartments" - Matt Lucas in Hochform

Ein Mann in Unterhose sitzt vor einem Tisch, auf dem sich leere Softdrinkflaschen türmen und neben ihm liegt sein toter Vermieter. Das ist die Ausgangslage in "Small Apartments", einem skurrilen Film über..ja worüber eigentlich?
Franklin Franklin lauscht einer Kassette mit Aufnahmen seines Bruders Bernard. Foto: Sony Pictures
Franklin Franklin lauscht einer Kassette mit Aufnahmen seines Bruders Bernard. Foto: Sony Pictures
+2 Bilder
"Small Apartments" ist ein skurriler Film über das Glück, zumindest könnte man es auf diese Weise verkürzt ausdrücken, müsste man die Frage im Twitterformat in weniger als 140 Zeichen beantworten. Doch ist der Film vielschichtiger und gerade die Details sind es, die ihn sehenswert machen. Einen großen Anteil am Charme von "Small Apartments" haben jedoch die Darsteller, allen voran Matt Lucas als Franklin Franklin.

Hauptdarsteller Matt Lucas ist hierzulande einigen bekannt aus der britischen Comedy-Serie "Little Britain". Dort spielt er verschiedenste Rollen, doch bei jeder geht er schmerzfrei bis an die Grenzen des guten Geschmacks (was auch immer das sein mag) und darüber hinaus - ob nun als Andy Pipkin oder als Ms. Bubbles DeVere.

Und so auch in "Small Apartments", in dem Matt Lucas den einsamen und sozial unangepassten Franklin Franklin spielt, der in der Hölle Los Angeles vor sich hin vegetiert. Den überwiegenden Teil des Films verbringt er in weißem Feinripp, Hosen gehörten nicht zur Requisite. Dazu trägt Franklin, der von der Schweiz träumt, lange Strümpfe und Plastik-Clogs. Geht er außer Haus, trägt der glatzköpfige, beleibte Mann stets eine andere Perücke.


Sein einziger sozialer Kontakt ist sein Bruder, der ihm aus der psychiatrischen Klinik jeden Tag eine Kassette mit einer Audiobotschaft schickt. In die Klinik wies sich Franklins Bruder Bernard selbst ein, nachdem ihn das Buch eines Lebenshilfe-Gurus völlig aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Ironischerweise verspricht Dr. Sage Mennox - köstlich: Dolph Lundgren - geistige Gesundheit und Fitness, wenn man seine Bücher liest.

Doch zurück zur Ausgangssituation: Franklin Franklin sitzt in seiner Wohnung und hat ein Problem: Er hat seinen Vermieter getötet und muss nun die Leiche loswerden. Dass Franklin nicht ganz in der Realität zu Hause ist, beginnt man zu ahnen, als sein Hund ihm den Rat gibt, das Ganze wie einen Selbstmord aussehen zu lassen. Auch die emotionale Ungekümmertheit, mit der Franklin auf den Toten reagiert, liefert Indizien.

Irgendwie muss er also seinen Vermieter vorbeischmuggeln an den anderen Bewohnern des Apartment-Komplexes, in dem Franklin haust. Von Wohnen kann in dieser heruntergekommenen Bude kaum die Rede sein und heruntergekommen sind auch alle Charaktere.

Da wäre zum Beispiel Tommy Balls, der kiffende Alt-Punk, überraschend überzeugend gespielt von Johnny "Jackass" Knoxville. Er jobbt in einem kleinen Laden, um sich Drogen leisten zu können und versucht sich, jeden Tag ein Ziel zu setzen, wenn schon kein großer Plan existiert. Symptomatisch ist sein Bau einer "Gravity Bong", während der Plan, sechs neue Worte in einer Konversation korrekt zu benutzen, unerfüllt bleibt.

Auch das Leben von Franklins anderem Nachbar - Mr. Allspice - ist längst nur noch ein Scherbenhaufen. Seine Frau ist tot und der alte Mann verbringt seine Zeit damit, deprimierende Bilder voll Schmerz und Blut zu malen. Und sich über Franklins Alphornspiel aufzuregen. Er ist ebenso teilnahmslos und entrückt wie die anderen Charaktere, ermahnt er doch Franklin, die Lichter im Eingangsbereich anzulassen, ignoriert allerdings den toten Vermieter, den Franklin gerade in den Kofferraum seines Wagens wuchten will, völlig.

Den toten Vermieter, Mr. Olivetti, bringt Franklin in dessen Haus und versucht, einen Selbstmord zu inszenieren. Das glückt nur...fast. Am Ende ist eine Perücke im Schritt festgeschmolzen, das halbe Gesicht mit einer Shotgun weggeschossen, ein Schraubenzieher steckt in der Brust des Toten und eine Plastiktüte ist auf seinem Kopf abgebrannt; auch ein Zeh fehlt. Einen Abschiedsbrief schreibt Franklin dennoch. Auch hier zeigt sich die verschobene Realitätswahrnehmung der Hauptperson: Er denkt, er beginne den Brief mit "An alle, die es interessiert", während er in Wirklichkeit in kruden Lettern nur "Fuck you" und andere Beschimpfungen aufs Blatt kritzelt.

Ein Brandermittler, berührend dargestellt von Komiker Billy Chrystal, kommt Franklin langsam auf die Spur. Auch er ist ein Gezeichneter, sein Frau hat ihn betrogen und er spricht dem Alkohol kräftig zu.

Als Franklins Bruder Bernard an einem  Gehirntumor stirbt, kommen weitere Ereignisse ins Rollen, eine Menge Geld ist im Spiel und ermöglicht es Franklin so, aus der Hölle auf Erden, die Los Angeles in "Small Apartments" ist, zu entkommen und in sein gelobtes Land, die Schweiz zu entfliehen. Wie genau die Dinge sich ordnen, sei nicht verraten, nur so viel: Es gibt die Erlösung für einige Charaktere und ein Ende, das Manchem vielleicht zu süßlich erscheint, aber in seiner surrealen Überzeichnung zur Entrücktheit von "Small Apartments" passt: Bonbonfarben, ein selig lächelnder Franklin auf einer Almwiese, umtanzt von hübschen, blonden Frauen.

Betrachtet man die Dramaturgie rein auf dem Papier, könnte man durchaus der Meinung sein, hier einen eher gewöhnlichen Film vor sich zu haben, doch habe ich mich an keiner Stelle in einer ähnlichen Weise gelangweilt, wie es bei den üblichen, vorhersehbaren Klon-Komödien aus Hollywood sonst der Fall ist. Zumal "Small Apartments" keine wirkliche Komödie ist, auch wenn der Film so beworben wird.

Skurrile Tragikomödie trifft es wohl eher, denn Humor hat der Film durchaus, schwarzhumoriger Screwball-Slapstick etwa in der Garagen-Szene mit dem fingierten Selbstmord. Wirklich oft gelacht habe ich allerdings nicht. Das ist keine negative Kritik, denn umso überraschter war ich, wie berührend und schmerzhaft nahegehend Matt Lucas seinen Charakter anlegt. Man erwartet eine schrille Darstellung im Stile von "Little Britain", wird dann aber von der Wucht der Emotionen erschlagen, die Franklin peinigen. Die Hölle Los Angeles jenseits des glamourösen Sunset Boulevards ist in ihrer Hoffnungslosigkeit so eindrücklich dargestellt, dass man fõrmlich den Schmutz riechen kann.

Mein Fazit also: skurrile Szenerie, großartige Schauspieler, unbedingt anschauen, wenn man abseitige Charaktere mag. Kleiner Tipp: Unbedingt auf die Details achten, sei es der abgekaute Zeh des Vermieters oder die Bücher des Gurus, die überall ausliegen, die Kleinigkeiten zu entdecken macht einfach Spaß.

Der Film, der am 10. März 2012 auf dem Southwest Film Festival Premiere feierte, erscheint auf DVD in Deutschland am 11. April 2013, im englischsprachigen Original ist er bereits erhältlich. "Small Apartments" basiert auf dem gleichnamigen Roman von Chris Millis.

Glück ist ein Geisteszustand.

Bernard Franklin
Franklin Franklins Bruder

 

Verwandte Artikel