Scheinheilig

Gehören Sie auch zu denen, die glasige Augen kriegen, wenn sie "Geboren um zu leben" hören und dann summend in Ehrfurcht erstarren? Dann gefällt Ihnen bestimmt auch "Maschine". Nein?! Dann haben Sie den "Grafen" wohl nicht verstanden!
Artikel drucken Artikel einbetten
Seit ihm die Massen zuhören (wie am 21.08.2011 in Coburg), fühlt er sich wohl. Foto: Timo Geldner
Im Grunde ist mir "der Graf" von "Unheilig" ja schon unsympathisch, seit ich ihn das erste Mal live gesehen habe. (Das war damals, als er noch auf Gothic-Fetivals spielte, weil ihn sonst keiner hören wollte.) Weil er nämlich sein Publikum so offensichtlich verachtete, dass es fast schon peinlich war. Jede seiner Gesten auf der Bühne sagte: Eigentlich will ich, dass die Massen mich lieben, aber die wollen mich nicht, deswegen nehme ich euch. Das war gleichzeitig so mitleiderregend, dass man ihn trotzdem umarmen wollte, nur, damit diese beklemmende Liebhab-Sehnsucht aufhört.

Ich will auch Liebe!

Ja, ich weiß, früher hat er gestottert, schwere Kindheit, das Übliche. Aber ich will eigentlich auch nur, dass Sie mich umarmen, anstatt mir, wie SAN-Man, Batterien anzubieten - und trotzdem hänge ich mein Fähnchen nicht in Ihren Wind!

Das tut "der Graf" nämlich, weil er mittlerweile anfängt, herumzuerzählen, dass ihn die Gothics ja nie verstanden hätten. Ich zitiere mal aus einer Radiosendung, die ich zu Ostern an der Nordsee gehört habe: "Die Leute (Anmerkung von mir: die Gothics) haben Unheilig gar nicht verstanden. Wenn ich Freiheit meine oder Lieder singe wie "Astronaut" oder "Schutzengel", in denen geht es um menschliche Freiheit und darum, die Menschen zu respektieren und zu akzeptieren. Und die Leute tun das jetzt nicht." Genau - weil er es auch nicht tut. Sondern die Tatsachen verdreht: Früher kamen in seinen Liedern nämlich keine Astronauten vor. Und Schutzengel schon gar nicht.

Maschinensex und perverse Mächte

Früher gings um Sex mit Maschinen ("Sie beginnt sich zu bewegen, in ihren Adern pulsiert das Öl. Energie lasst die Erde beben, ihr Blick fordert schnell. Ihre Hände aus Metall und ihre Lippen aus nacktem Stahl. In der Tiefe, in meinen Armen lebt die Maschine heiß und schnell. Klick klack klick klick klack - hörst du die Maschine in der Nacht. Klick klack klick klick klack - splitter splitter splitterfasernackt.") und perverse dunkle Mächte ("Tiefe Liebe wenn die Seele zerbricht. Entgleiste Gier für ein Lebenslicht. Kein Gefühl mehr für Wirklichkeit: Ich bin die Macht, die im Dunkeln dir deine Träume stiehlt, ich bin der Wind, der den Schmerz in deine Seele sät. Ich bin die Lust, die im Spiegel mit deinen Tränen spielt. Ich bin dein Schatten, der dir folgt wohin du gehst.)

Erkennen Sie die Freiheit und den Respekt und die Akzeptanz? Ich nicht - höchstens noch in der indirekten Aufforderung, auch Menschen zu tolerieren, die in ihrem Keller Sex-Maschinen zusammenbauen. Tue ich übrigens. Also solche Menschen tolerieren (nur als kleiner Hinweis an die, die sich Sorgen um meine Sexualität machen). Sex-Maschinen im Keller werde ich dann bauen, wenn SAN-Mans Jahresvorrat Batterien angekommen ist. Sogar mit Teufelchen dran - versprochen.

"Der Graf" ist nicht unheilig

Aber jetzt mal ernsthaft: Wollen Sie sich wirklich von jemand, der sich so offensichtlich um 180 Grad drehen kann und dann behauptet, die anderen hätten ja nix verstanden, was über Respekt erzählen lassen? Vielleicht bin ich in diesem Fall zu intolerant, vielleicht war auch einfach meine Kindheit nicht schwer genug - ich finde das jedenfalls unerträglich! Und deswegen bleibe ich bei meiner Meinung: "Der Graf" ist nicht unheilig, sondern scheinheilig!

P.S.: Falls Sie ihn trotzdem noch sehen wollen: Am 14. Juli spielt "Unheilig" in Nürnberg.

Verwandte Artikel

Kommentare (16)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren