München
Mein Wagner-Jahr

Richard Wagners christkatholische Lehrzeit

Ulrich Konrad präsentierte jetzt auch in der Staatsbibliothek Bamberg seine "Münchner G'schichten" von Isolde, Parzival und dem Messelesen. Der launige Vortrag war erstmals Anfang März in der Landeshauptstadt bei der Ausstellungseröffnung über Wagners Münchner Zeit zu erleben.
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Ausgerechnet in seiner Münchner Zeit, wo nicht nur die Spatzen den Ehebruch Wagners von den Dächern pfiffen, ließ er sich vom Pater, der seine Tochter Isolde getauft hatte, in die Geheimnisse der katholischen Messe einweihen. Karikatur von M. Schultze von 1865
Ausgerechnet in seiner Münchner Zeit, wo nicht nur die Spatzen den Ehebruch Wagners von den Dächern pfiffen, ließ er sich vom Pater, der seine Tochter Isolde getauft hatte, in die Geheimnisse der katholischen Messe einweihen. Karikatur von M. Schultze von 1865
Vorträge über Wagner haben naturgemäß derzeit Konjunktur. Meist sind sie ernsterer Natur. Ich hatte im Wagnerjahr das Glück, bereits einige zu erleben, die ich auch jetzt noch als brillant bezeichnen kann. Aber pfiffig, unterhaltsam, voller Sprachwitz? Eher Fehlanzeige, bis zur letzten Woche. Da kam Professor Dr. Ulrich Konrad vom Lehrstuhl für Musikwissenschaft an der Universität Würzburg zu der bis Monatsende laufenden, immer noch sehenswerten Wagner-Ausstellung in die Staatsbibliothek Bamberg und bewies mit seinen Münchner G'schichten, dass man detailliertes Fachwissen so fein und frech ausziseliert unters Publikum streuen kann, dass letzteres beinahe aufjauchzt vor Vergnügen.

Es gibt eben auch unter vermeintlich staubtrockenen Wissenschaftlern Moritatensänger. Genau so hat der Würzburger Professor - ohne groß singen zu müssen, denn das hat er, wenn ich richtig gehört habe, Margaret Price, René Kollo und dem Chor der Bayreuther Festspiele überlassen - von Isolde, Parzival und dem Messelesen, von großen, kleinen und skandalösen Ereignissen während Richard Wagners Münchner Zeit erzählt. Eine davon darf ich mit freundlicher Genehmigung des Autors auszugsweise wiedergeben, aus aktuellem Anlass garniert mit dem in einer Münchner Zeitung abgedruckten, nicht auf den Bischof von Limburg, sondern auf Richard Wagner gemünzten Morgengebet eines bescheidenen Mannes:

"Lieber Gott! Lass mich gesund bleiben, erhalte mir mein Häuschen, mein Gärtchen und die nöthigen Mittel und schicke mir dazu noch einige Hundertausend Gulden, wenn auch nicht auf einmal, sondern ich nehme sie auch in kleineren Raten. Lieber Gott, segne alle Menschen, besonders aber einige mit einer so riesigen Tenorstimme, dass ich sie für meine Zwecke brauchen kann. Ich bitte Dich, gib allen Schwachen Stärke, allen Traurigen Trost und allen Kranken Genesung. Nur zwei oder drei Personen, die ohnehin beim bayrischen Volk nicht die geringste Achtung genießen, wollest Du mit einem kleinen Schlag- oder anderen Anfalle heimsuchen, damit sie mir hier auf Erden nicht mehr im Wege stehen, sondern eingehen in ein ewiges Leben, Amen."

Während die Hauptgeschichte von Wagner, dem König, den Münchner Kunst-Aktivitäten und dem Ehebruch ziemlich schnell im hellen Licht der Öffentlichkeit stand, gab es selbstverständlich auch Nebenstränge der Handlung: "Eine dieser halbverborgenen Episoden sei aus dem Brunnen der Vergangenheit geschöpft. Sie dürfte",so Ulrich Konrad, "allenfalls enthusiastischen Wagnerianern, archivversessenen Monacensen oder, das wäre die letzte Steigerung, monacensischen Wagnerianern strenger Observanz bekannt sein."

Kurz: Es geht um die Taufe von Isolde, der illegitimen ersten Tochter von Richard Wagner und Cosima von Bülow, die am 10. April 1865, dem Tag der ersten Orchesterprobe zu Tristan und Isolde unter Hans von Bülow geboren wurde. "Dem Protestanten Bülow oblag es nun, einen Geistlichen zu finden, der sich mit undogmatischer Offenheit bereit erklären würde, das Neugeborene in den Schoß der una sancta ecclesia catholica aufzunehmen. Das dauerte ein wenig, doch schließlich erbot sich Pater Petrus, mit bürgerlichem Namen Anton Hamp, aus der unweit gelegenen Benediktinerabtei St. Bonifaz, den erbetenen Dienst zu leisten. "

Am 24. April 1865 begab er sich in die Wohnung der Bülows, wo sich eine kleine Taufgesellschaft versammelt hatte, so das Sängerpaar Schnorr von Carolsfeld, das Malerpaar Kaulbach und auch Richard Wagner. Der kleine Makel des heidnischen Namens Isolde war zuvor durch die Wahl der gut christlichen Zusatznamen Josefa und Ludovica neutralisiert worden. Die Zeremonie in den Privaträumen war stimmungsvoll, nicht zuletzt durch den abschließenden Vortrag eines alle Anwesenden rührenden Marienliedes durch den ersten Sänger des Tristan, den Tenor Ludwig Schnorr von Carolsfeld. Das war gelungen inszeniertes Zimmertheater, freilich von einer doch etwas zweifelhaften Truppe aufgeführt. Denn zu Gevatter der kleinen Isolde stand Wagner selbst, so dass - im Taufbuch der Pfarrei St. Bonifaz kann man es nachlesen - der gehörnte Ehemann Hans von Bülow als "leiblicher Vater" und der erfolgreiche Ehebrecher, der "Musikdirektor" Richard Wagner als Patenonkel urkundlich bezeugt wurden. Die enge etymologische Verwandtschaft der Wörter "pater" und "Pate" erhielt damit eine subtile Pointe.

Der Tauf-Nachmittag sollte Folgen haben. Als Pater Petrus nämlich beim Abschied dem Komponisten gegenüber sein Bedauern darüber ausdrückte, sich nicht ausführlich mit diesem unterhalten zu haben, kündigte Wagner ihm prompt seinen Besuch an. Er kam nicht nur einmal, blätterte gerührt zunächst unter anderem in einer deutsch-englischen Grammatik, die Mozarts Vater im Mai 1764 in London um zwei Schillinge gekauft und signiert hatte (und die gut 250 Jahre später der darob hoch beglückte Musikologe Konrad in der Universitätsbibliothek zu Salzburg wiederentdeckte). Es kam in den folgenden Wochen und Monaten wiederholt zu Begegnungen. In weit ausgreifenden theologisch-philosophischen Gesprächen umkreisten der Pater und Wagner die komplexen Motivfelder des mittelhochdeutschen Parzival-Romans, bis Wagner schließlich konkret ankündigte, dass er sich näher über die katholische Messe informieren wolle; der Pater solle ihm hierin Führer sein.

So kam es dann auch. Mit dem Missale Romanum, also dem offiziellen Messbuch der katholischen Kirche als verbindlicher Referenzquelle, ließ sich Wagner von Pater Petrus in die rituellen Abläufe einweisen. Er "unterrichtete sich eingehend über die geringsten Einzelheiten, über Sinn und Bedeutung der Zeremonien, besonders über deren Ursprung und Alter, über den szenischen Aufbau der Messe. Wiederholt ließ er sich die Präfationen vorsingen, kurz es war, als ob er Messelesen lernen wollte. Besonders interessierte es ihn, den Moment zu erfahren, in welchem man die Verwandlung sich vollziehend denke, und fragte, ob den Gläubigen nicht ein Frissonement, ein Schauderfrösteln, ergreife, wenn er vor dem in Gott Umgewandelten stehe."

Noch einmal, welch eine Szene: Wagner, im Spätfrühjahr 1865 gefordert von den künstlerischen Aufgaben der "Tristan"-Produktion, den konzeptionellen Beratungen der königlichen Musikschul-Kommission und den publizistischen Turbulenzen der "Schweinehunde-Affäre", dieser Mann hält in aller Ruhe ein liturgisches Privatissimum mit einem Benediktinermönch, um für einen aufsehenerregenden szenisch-dramatischen Höhepunkt eines geplanten Bühnenwerks ein authentisches Modell zu gewinnen. Denn um nichts anderes als um die Grals-Enthüllung und das Mahl der Gralsritter am Ende des ersten Aufzugs des "Parsifal" kann es Wagner bei seinem gesteigerten Interesse an der Messe und vor allem an der Wandlung gegangen sein. Allerdings sollte es von diesen Münchner Unterweisungen, denen bereits wenige Monate später, Ende August, der erste Prosa-Entwurf der Dichtung folgte, bis zur Uraufführung des Bühnenweihfestspiels in Bayreuth noch siebzehn Jahre dauern.


Was aus dem Pater geworden ist, wird nicht verraten. Der eine oder andere Interessent wird vielleicht doch noch die Chance haben, Ulrich Konrad und seine Münchner G'schichten zu hören. Bleibt nur noch zu ergänzen, dass bei der September-Wissenswettenach La Spezia (als angeblicher Rheingold-Vorspiel-Inspirationsort), dem 22. September 1869 in München (Zeit und Ort der Rheingold-Uraufführung) und Alfred Pringsheim (als Schoppenhauer) gefragt war. Die Gewinner von Gottfried Wagners Buch Du sollst keine anderen Götter haben neben mir, das uns freundlicherweise der Propyläen Verlag zur Verfügung gestellt hat, sind Heide Giehl und Harald Schneider in Bamberg sowie Jan-Ole Joswig aus Dresden. Achtung! Für etwaige Schäden, die beim Betreten dieses Minenfelds entstehen könnten, übernimmt die Mediengruppe Oberfranken keine Haftung!

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