Bayreuth
Mein Wagner-Jahr

Nur Wagners Frau Minna taumelte vor Freunde

Heute vor 170 Jahren wurde der 29-jährige Richard Wagner zum königlich-sächsischen Hofkapellmeister in Dresden ernannt.
In der Ausgabe vom 9. Februar 1843 meldete die Leipziger Zeitung, dass Richard Wagner eine Woche zuvor als zweiter Kapellmeister in Dresden angestellt wurde. Vorlage: Helmut Kirchmeyer, "Das zeitgenössische Wagnerbild", Band 2, Dokumente 1842-1845, Gustav Bosse Verlag
In der Ausgabe vom 9. Februar 1843 meldete die Leipziger Zeitung, dass Richard Wagner eine Woche zuvor als zweiter Kapellmeister in Dresden angestellt wurde. Vorlage: Helmut Kirchmeyer, "Das zeitgenössische Wagnerbild", Band 2, Dokumente 1842-1845, Gustav Bosse Verlag
Als Richard Wagner heute vor 170 Jahren auf freundlichste Einladung des Dresdener Generalintendanten August Freiherr von Lüttichau in dessen Büro kam, wurde er von einer Entscheidung überrumpelt, die für sein weiteres Leben wichtig sein sollte. Wie er in seiner Autobiografie "Mein Leben" schreibt, verlas Theatersekretär Winkler vor dem Generalstab der Königlichen Kapelle ein Reskript, "durch welches ich sofort zum Kapellmeister Seiner Majestät mit 1500 Talern lebenslänglichem Gehalt ernannt wurde."

Dem darob durchaus beglückten 29-jährigen Musiker entging allerdings nicht, dass "hiermit zugleich allen weiteren Verhandlungen über die Höhe des Gehaltes die Möglichkeit abgeschnitten war." Ein nicht unmaßgeblicher Punkt, denn er hatte aus seinen Lehr-, Wander- und Hungerjahren bereits mehr als beachtliche Schulden mitgebracht. Und die vorangegangenen Uraufführungen von "Rienzi" 1842 und dem "Fliegenden Holländer" 1843 in Dresden waren zwar künstlerisch für ihn wichtig, brachten aber nur wenig Geld.

"Meine neuen Kollegen", so Wagner, "beglückwünschten mich sofort, und Herr von Lüttichau begleitete mich unter den angenehmsten Gesprächen bis an die Tür meines Hauses, wo ich denn wiederum meiner vor Freude taumelndenarmen Frauin die Arme fiel, so dass ich nun wohl merkte, dass ich gute Miene zu machen hatte und, ohne unerhörtes Ärgernis zu geben, mich jetzt wohl selbst als Königlichen Kapellmeister zu bekomplimentieren hatte."

Die Presse applaudierte weniger. Schon zu seiner Begrüßung stand im Feuilleton der Leipziger Zeitschrift "Unser Planet" zu lesen: "Wagner's neue Oper: ‚der fliegende Holländer' soll in Dresden mit begeistertem Beifall aufgenommen worden sein - erzählen die Journale. Die Dresdner selbst und alle die, welche diese Oper sahen, wissen nichts davon. Wagner ist rasch eine Berühmtheit geworden, nicht durch seine Musik, die Niemand versteht, die ohne Melodie und Harmonie ist, sondern lediglich nur durch die Lobhudeleien einiger weit verbreiteter Journale. Die Journale haben ihm die Stelle als Capellmeister verschafft. Die Musiker vom Fach meinen: Wagner hat viel studirt und gelernt, ist aber nichts weniger als ein Genie. Mit seinen Opern wird es gehen, wie mit den Dramen des jungen Deutschlands - man hört sie ein, auch zwei Mal, dann sind sie auf immer vergessen."

Die offizielle Bekanntgabe von Wagners Ernennung stand übrigens nicht in einer Dresdener, sondern - wie oben abgebildet - in der "Leipziger Zeitung", die seinerzeit als das amtlich-halbamtliche Nachrichtenblatt der sächsischen Staatsregierung galt. Wie die Presse auf Wagner in Dresden reagierte, ist übrigens umfassend dokumentiert: in der fünfbändigen Untersuchung, die Helmut Kirchmeyer unter dem Titel "Musikkritik. Das zeitgenössische Wagnerbild in Dresden" von 1967 bis 1985 in der Forschungsreihe "Neunzehntes Jahrhundert" der Fritz Thyssen Stiftung herausgegeben hat.

Wagner in Dresden ist ein Thema, das zwangsläufig noch öfter in diesem Wagnerjahr anklingen wird. Schließlich wurde er dort in seiner Kindheit geprägt, lernte dann in seinen Kapellmeisterjahren die Quellen seiner weiteren Werke kennen, verfasste seine Reformschriften für das Theater und flammende Revolutionsschriften in den "Volksblättern". Als steckbrieflich gesuchter Revoluzzer musste Wagner im Mai 1849 schließlich ins Schweizer Exil fliehen. Die Amnestierung erfolgte erst 1862.

Seine Bataillen mit der Presse waren nach Dresden und München noch lange nicht zu Ende. Im Gegenteil. Am 24. März 1876 schrieb er an den Bayreuther Bankier und Festspiel-Verwaltungsrat: "Theuerster Freund! Ich ersuche Sie, unseren Freund Gießel ernstlich darum anzugehen, dass er seinem Redacteur die Weisung ertheile, meinen Namen, und meine Angelegenheit in keiner Weise mehr in die Feder zu nehmen. Ich habe genug von der künstlichen Confusion der großen Zeitungen über mich, und wünschte nicht diese hier fortgeführt zu sehen, wo im Grunde nur sehr wenige etwas von mir wissen. Somit wünsche ich jeder ‚Unterstützung' des Bayreuther Tageblattes für verlustig gehalten zu werden."

Apropos: Am 2. Februar 1727, zum Fest Mariae Reinigung bzw. zum Lichtmesstag, wurde erstmals Johann Sebastian Bachs Kantate "Ich habe genug" aufgeführt, am gleichen Tag 51 Jahre später wurde in Dresden mit Carl Maria von Webers "Jubelouvertüre" und Johann Wolfgang von Goethes "Iphigenie auf Tauris" das von Gottfried Semper konzipierte zweite Königliche Hoftheater eröffnet, der Vorgängerbau der heutigen Semperoper. Wagner wirkte im ersten Semperbau, der 1869 durch einen Brand völlig zerstört wurde.

Eine Übersicht zu den Wagner-Jahr-Veranstaltungen in Dresden finden Sie hier.