München
Mein Wagner-Jahr

"Na ja, er war schließlich erst zwanzig."

Am 29. Juni 1888 wurde Richard Wagners Opernerstling "Die Feen" in München posthum uraufgeführt. Dank der opulenten Ausstattung war die Inszenierung zunächst ein großer Erfolg. Spätere Wiederbelebungsversuche scheiterten. Es sollte fast hundert Jahre dauern, bis diese "Jugendsünde" wieder ernst genommen wurde.
Schlussapotheose der Münchner Uraufführungsinszenierung 1888 von Wagners erster vollendeter Oper "Die Feen" in einer Zeichnung von G. Franz Vorlage: Münchner Stadtmuseum/Graphiksammlung
Schlussapotheose der Münchner Uraufführungsinszenierung 1888 von Wagners erster vollendeter Oper "Die Feen" in einer Zeichnung von G. Franz Vorlage: Münchner Stadtmuseum/Graphiksammlung
+4 Bilder
Als das gerade wieder aufgelegte, immer noch empfehlenswerte Buch Leben mit Wagner von Joachim Kaiser (Siedler Verlag, 237 S., 16,99 Euro) erstmals vor 23 Jahren erschienen ist, stand für viele Leser und Rezensenten vor allem das zweite Kapitel im Mittelpunkt des Interesses. In seinem Essay "Das verfemte Frühwerk" sprach sich der damalige Kritikerpapst Kaiser so beredt für die frühen und nicht zum Bayreuth-Repertoire gehörigen Opern Richard Wagners aus, dass das tatsächlich Folgen zeitigte. Mittlerweile sind Aufführungen von Die Feen, Das Liebesverbot und Rienzi keine absolute Rarität mehr, im Wagnerjahr 2013 stehen die Frühwerke sogar in Bayreuth auf dem Programm - allerdings nicht im Festspielhaus.

"Auch ich hielt", schreibt Kaiser, "lange Zeit Wagners frühe Opern für banale Ungetüme. Abgeschreckt durch ebenso seltene wie unbefriedigende Aufführungen, durch die gelegentlich im Rundfunk erklingenden konventionell wirkenden Ouvertüren und durch trübe szenische Ausschnitte habe ich nachgeredet, was die ‚communis opinio‘ und viele Fachleute sagen: nämlich dass Wagners Laufbahn als Komponist und Dichter erst mit dem Fliegenden Holländer beginne. Richard Wagner selber behauptet das in seiner Autobiographie ja auch."

Erst seit der Mitte der achtziger Jahre vertiefte ich mich ausführlich in den Text und in die Musik der drei Jugendopern. Tat es keineswegs mit jener wohlwollenden oberlehrerhaften Nachgiebigkeit, die bei allem irgendwie Gelungenen schulterklopfend lobt: "Erstaunlich für einen Zwanzigjährigen", und bei allem Zweitklassigen, Ärgerlichen, Banalen aber wangentätschelnd tröstet: "Na ja, er war schließlich erst zwanzig." Nein - ich verlangte mehr von den "Feen" (dem am meisten unterschätzten, weitaus unbekanntesten der drei Werke), vom "Liebesverbot" und vom gefährlich demonstrativ auf Effekt getrimmten, allzu gut gemachten "Rienzi". Nämlich Qualitäten, die so eindeutig, beschreibbar, nachvollziehbar, kräftig und "tragend" sein müssen, dass sie die offenbar existierenden Schwächen auszugleichen, ja zu übertönen vermögen. Mein Fazit: Öffentliche Meinung und Opernbetrieb tun dem verfemten Frühwerk Wagners unrecht. Es handelt sich um drei Opern, deren Stärken noch zu entdecken, zu reflektieren, unserem Wagner-Bilde einzufügen sind.

Wie sehr gerade Die Feen unter Wagners späterem Diktum litten, spiegelt schon der lange Weg bis zu ihrer Uraufführung. Die 1833/34 in Würzburg und Leipzig komponierte große romantische Oper in drei Akten nach La donna serpente von Carlo Gozzi sollte ursprünglich noch 1834 in Leipzig uraufgeführt werden, weitere Versuche Wagners, sie in Prag und Magdeburg auf die Bühne zu bringen, scheiterten ebenfalls. Danach und wegen seiner Beschäftigung mit Dichtung und Komposition des Liebesverbots verlor er das Interesse an seinem durchkomponierten Opernerstling, der im Wagner-Werkverzeichnis die Nummer 32 trägt.

Die Originalpartitur bekam Weihnachten 1865 König Ludwig II. als "kleine bescheidene Gabe" von Wagner geschenkt, im Herbst 1877 tauchten die Feen dann erneut aus der Versenkung auf, weil der Klavierauszug auf der Liste jener Werke stand, mit denen Wagner die Schulden bei seinem Verleger Franz Schott begleichen wollte. Tatsächlich erfolgte eine Veröffentlichung der Oper erst nach seinem Tod, und zwar unmittelbar vor der Uraufführung, die am 29. Juni 1888 im Königlichen Hof- und Nationaltheater München stattfand.

Parsifal-Uraufführungsdirigent Hermann Levi und der junge Richard Strauss, der im Jahr darauf erstmals als musikalischer Assistent bei den Festspielen mitarbeitete, bereiteten die Premiere musikalisch vor, die als Einspringer dann Franz Fischer dirigierte. Die Wiener Hoftheatermaler Carlo Brioschi und Hermann Burghart schufen die teils neuen, teils aus einer Schauspielproduktion stammenden Bühnenbilder, Josef Flüggen die Kostüme. Regie führte Karl Brulliot, Karl Lautenschläger, Maschinendirector des Münchener Hoftheaters, sorgte für bühnentechnische Glanzleistungen. Die von ihm hinzuerfundene Schlusslösung wurde in der Leipziger Illustrirten Zeitung wie folgt beschrieben:

Es ist unmöglich, von dem Glanz und der Wirkung dieser Schlussapotheose, die in unserer Abbildung [siehe oben] dargestellt ist, eine anschauliche Beschreibung zu geben. Wenn der Thron des Feenkönigs als Abschluss einer Blumenarabeske sich erhebt, wenn die einzelnen Ringe von Feen belebt erscheinen und aus Blüten und Muscheln die Bewohner des Feenreiches sichtbar werden, dann leuchten Hunderte von magischen Sternen durch den Blumenschmuck in glänzender, feenhafter Beleuchtung, und das Auge des Beschauers ist gefangen von der Pracht, die kaum übertroffen werden kann.

Der Kritiker der "Allgemeinen Zeitung schaute kritischer auf die Aufführung:

Den Feen gegenüber hat jede Kritik einen schweren Stand; warum und für wen soll sie die Mängel und Fehler der Oper aufdecken? Für den Componisten? Ach, der ist längst todt, kannte sie wahrscheinlich noch besser als wir und dreht sich vielleicht seit gestern in seinem Grabe, dort in der Gruft im Wahnfried-Garten, um, weil man jetzt gegen seinen Willen seine Jugendsünden pomphaft über die Bretter führt, die schon ein Leipziger Theaterdirector vor 53 Jahren für seine Bühne zu schlecht hielt. Für das Publikum? Das freut sich des neuen Ausstattungsstückes [...] Was will der Mensch noch mehr, um sich gut zu unterhalten, wenn's nicht zu lange dauert! Aber es dauert ein bisschen lang, fast vier Stunden, und es dürfte sich empfehlen, noch weiter mit den Kürzungen fortzufahren. Oder verderben wir mir diesem Vorschlage am Ende Jemandem die Freude? Chacun à son gout. Und nach dem Geschmack des gestrigen Publicums scheinen "Die Feen" gewesen zu sein, denn es wurde alles heraus-applaudirt. Dem Verdienste seine Krone; man hat sich wirklich unendliche Mühe gegeben. Wer weiß, ob uns andere Bühnen dieß nachmachen können. Ob sie's wollen? -

Sagen wir so: Der Premierenerfolg war groß, allein in der Spielzeit 1888 wurden Die Feen 25 mal aufgeführt - mit Solisten, die - wie Gustav Siehr (Gernot) und Anton Fuchs (Morald) - zum Teil auch schon in Bayreuth gesungen hatten. Die Wiederaufnahmen 1895 und 1899 wurden eigens im Sommer auf den Spielplan gesetzt, als Touristen-Attraktion. Was nicht sonderlich funktionierte, denn die Karten verkauften sich zuletzt nur mäßig. Alle weiteren Feen-Umsetzungen blieben mehr oder weniger marginal. Erst mit den Inszenierungen von Friedrich Meyer-Oertel 1981 in Wuppertal und 1989 am Münchner Gärtnerplatztheater setzte ein Umdenken im Umgang mit den Frühwerken ein. Am Umdenken wird heute noch gearbeitet.