Berlin

Mit Hoffmann und Heine im Hinterkopf

Am 31. Januar 1841 wurde in Paris der erste Teil von Richard Wagners Musiker-Novelle "Ein Ende in Paris" in der "Revue et Gazette Musicale" veröffentlicht.
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Bleistiftzeichnung von Ernst Benedikt Kietz, der Wagner 1840/42 während seiner Pariser Hungerjahre porträtierte. Vorlage: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth
Bleistiftzeichnung von Ernst Benedikt Kietz, der Wagner 1840/42 während seiner Pariser Hungerjahre porträtierte. Vorlage: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth
Ich glaube an Gott, Mozart und Beethoven, in Gleichem an ihre Jünger und Apostel; - ich glaube an den heiligen Geist und an die Wahrheit der einen, untheilbaren Kunst; - ich glaube, dass diese Kunst von Gott ausgeht und in den Herzen aller erleuchteten Menschen lebt; - ich glaube, dass, wer nur einmal in den erhabenen Genüssen dieser hohen Kunst schwelgte, für ewig ihr ergeben sein muss und sie nie verläugnen kann; - ich glaube, dass Alle durch diese Kunst selig werden, und dass es daher Jedem erlaubt sei, für sie Hungers zu sterben; - ich glaube, dass ich durch den Tod hochbeglückt sein werde; - ich glaube, dass ich auf Erden ein dissonirender Accord war, der sogleich durch den Tod herrlich und rein aufgelöset wird."

In diesem Credo gipfelt die dialogische Musiker-Novelle "Un musicien étranger à Paris" ("Ein Ende in Paris"), die die Pariser "Revue et Gazette Musicale" in drei Folgen am 31. Januar sowie am 7. und 11. Februar 1841 veröffentlichte. Sie ist ein guter Einstieg für alle, die Richard Wagner als brillanten Autor kennenlernen wollen. Der damals 27-jährige, noch kaum gefragte Komponist musste sich in seinen Pariser Jahren von 1839 bis 1842 unter anderem mit journalistischen Gelegenheitsaufträgen über Wasser halten.

Dem "Ende in Paris" waren bereits etliche andere Aufsätze und Berichte vorausgegangen, in denen er sich verschiedenen musikästhetischen Fragen widmete - und mit "Eine Pilgerfahrt zu Beethoven" eine erste humoristische Musiker-Novelle. Hauptperson ist hier erstmals der junge deutsche Komponist und Beethoven-Enthusiast R., den Wagner mit den Erinnerungen von Johann Friedrich Reichardt und selbstverständlich auch eigenen Erfahrungen speiste.

Beide Novellen stehen, indem sie Kunsttheorie und Erzählung miteinander verbinden, in der Tradition von E.T.A. Hoffmann. Ihre Ironie lässt als weiteres schriftstellerisches Vorbild Heinrich Heine erkennen, dessen "Memoiren des Herren von Schnabelewopski" den entscheidenden Anstoß zu Wagners "Holländer" gaben. "Für Wagners Elendsjahre in Paris", stellt Hans-Joachim Bauer in seinem Wagner-Lexikon von 1988 fest, "war die schriftstellerische Bewältigung seiner künstlerisch erfolglosen Bemühungen in Paris nicht nur eine Befreiung vom seelischen Druck jener Zeit, sondern auch eine Anklage und Warnung an die Gesellschaft seiner Zeit im Umgang mit ihren Künstlern."

Wer weiß, wie entbehrungsreich Wagners Pariser Hungerjahre waren, kann gut nachvollziehen, warum er das Glaubensbekenntnis wie folgt enden ließ: "Ich glaube an ein jüngstes Gericht, das alle Diejenigen furchtbar verdammen wird, die es wagten, in dieser Welt Wucher mit der hohen keuschen Kunst zu treiben, die sie schändeten und entehrten aus Schlechtigkeit des Herzens und schnöder Gier nach Sinnenlust; - ich glaube, dass diese verurtheilt sein werden, in Ewigkeit ihre eigene Musik zu hören. Ich glaube, dass dagegen die treuen Jünger der hohen Kunst in einem himmlischen Gewebe von sonnendurchstrahlten, duftenden Wohlklängen verklärt, und mit dem göttlichen Quell aller Harmonie in Ewigkeit verein sein werden. - Möge mir ein gnädig Los beschieden sein! - Amen!"

Der fiktive Dialog war mit dem fiktiven Hungertod noch nicht zu Ende. Im Oktober und November 1841 ließ Wagner, wiederum in der "Revue et Gazette Musicale", R. und seinen erinnerungsseligen Freund in der Novelle "Ein glücklicher Abend" nochmals miteinander plaudern - über das Verhältnis von absoluter Musik und Programmmusik. Wie ich jetzt noch die Kurve zu Franz Schubert kriege, der am 31. Januar 1791 geboren wurde? Ganz einfach. Eine der raren Erwähnungen Schuberts in Wagners Gesammelten Schriften findet sich just in "Ein Ende in Paris":

"Nichts ist, wie ich weiß, heut' zu Tage in den Pariser Salons beliebter, als jene anmuthigen und gefühlsvollen Romanzen und Lieder, wie sie dem Geschmacke des französischen Volkes eigen sind, und wie sie sich selbst aus unserer Heimath hier angesiedelt haben. Denke an Franz Schubert's Lieder, und des Rufes, dessen sie hier genießen! Dies ist ein Genre, der meiner Neigung vortrefflich zusagt; ich fühle mich fähig, etwas Beachtenswertes darin zu leisten. Ich werde meine Lieder zu Gehör bringen, und vielleicht dürfte auch mir das Glück zu Theil werden, das bereits so Manchem zu Theil war, - nämlich durch eine ähnliche anspruchslose Komposition die Aufmerksamkeit eines der gerade anwesenden Direktoren der hiesigen Opern in dem Grade auf mich zu ziehen, dass er mich mit dem Auftrage zu einer Oper beehrt."
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