Mannheim
Mein Wagner-Jahr

Meisterreime für den Mannheimer

Morgen jährt sich der 105. Todestag von Emil Heckel, dem Gründer des allerersten Wagner-Vereins. Wagner bezeichnete den Mannheimer Musikalienhändler als seinen Strategen.
Mit einem vierzeiligen launigen Vers schenkte Richard Wagner seinen Aufsatz "Über Schauspieler und Sänger" an Emil Heckel Vorlage: Stadtarchiv Mannheim - Institut für Stadtgeschichte
Mit einem vierzeiligen launigen Vers schenkte Richard Wagner seinen Aufsatz "Über Schauspieler und Sänger" an Emil Heckel Vorlage: Stadtarchiv Mannheim - Institut für Stadtgeschichte
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Hat jeder Topf seinen Deckel,/ jeder Wagner seinen Heckel,/ dann lebt sich's ohne Sorgen,/ die Welt ist dann geborgen!" Mit diesen Versen widmete Richard Wagner bei seinem dritten Mannheim-Besuch ein Exemplar seines Aufsatzes Über Schauspieler und Sänger für den Musikverleger und Musikalienhändler Emil Heckel. Die beiden verband natürlich nicht nur die zufällige Tatsache, dass sie am 22. Mai Geburtstag hatten. Der 18 Jahre jüngere Heckel gründete 1871 in seiner Heimatstadt den ersten Wagnerverein überhaupt. Morgen ist sein Gedenktag, denn er starb am 29. März 1908.

Heckel war kein Wagnerianer der ersten Stunde. Als er im Alter von 22 Jahren in Karlsruhe zum ersten Mal die von Franz Liszt dirigierte Tannhäuser-Ouvertüre hörte, war er nach eigenen Angaben "aufs äußerste empört über diese ‚entsetzliche‘ Musik, die allem was ich bis jetzt ‚schön‘ gefunden hatte auf das heftigste widersprach." Zehn Jahre später - inzwischen war er mit seinem Bruder Karl Mitinhaber der väterlichen Firma - hörte er wiederum in Karlsruhe einen von Wagner selbst dirigierten Walkürenritt und war beeindruckt. Doch richtig gefangen wurde er erst durch die Uraufführungsinszenierung der Meistersinger in München: Die mustergültige Produktion wirkte auf ihn wie eine Offenbarung und ließ ihn nach eigenen Worten "seine Lebensaufgabe" erkennen.

Zurück in Mannheim veranlasste er über seinen Vater, der Präsident des Hoftheater-Komitees war, dass die Meistersinger auch in Mannheim aufgeführt wurden - sehr zum Missfallen des dortigen Hofkapellmeisters Vinzenz Lachner. 1869 gründete er zunächst einen Konzertverein, in dem sich langsam eine kleine Gemeinde unerschrockener Wagner-Bekenner heranbildete. "Diese traten am 30. April 1871 zum erstenmal im Musiksaal meiner Pianofortehandlung an die Oeffentlichkeit, indem sie Wagners Kaisermarsch wenige Wochen nach seiner Entstehung, auf zwei Flügeln zum Vortrag brachten. "Bei einer Wiederholung wurden die Thüren und Fenster geöffnet; die lebhafte Begeisterung setzte sich auch auf die Straße fort und die zahlreichen Zuhörer stimmten in jener patriotisch bewegten Zeit lebhaft in den Schlußgesang ein."

Als Wagner mit seiner Schrift Über die Aufführung des Bühnenfestspieles "Der Ring des Nibelungen" an die Freunde seiner Kunst appellierte, sich bei ihm zu melden, war Emil Heckel wohl der einzige Neuling. Wagner verwies ihn an Karl Tausig, der den Bayreuther Patronatsverein organisieren sollte und der Heckels Vorschlag begrüßte, einen Wagner-Verein zu gründen, der durch den Erwerb von Patronatsscheinen die Festspiele unterstützen sollte. Am 1. Juni 1871 war es so weit - und natürlich fragte Heckel bei der Gelegenheit auch gleich ein Konzertgastspiel bei Wagner an. Es klappte: Am 20. Dezember 1871 dirigierte Wagner zugunsten des Richard-Wagner-Vereins Mannheim seinen Kaisermarsch sowie Teile aus Lohengrin, den Meistersingern sowie Tristan.

Bereits zur Hauptprobe fanden sich nicht nur aus der Umgebung der Stadt, sondern auch aus weiter Ferne Gäste ein, darunter Friedrich Nietzsche, Alexander Ritter und Frau, Richard Pohl und Ludwig Nohl. "Das Concert, dem auch Großherzog Friedrich von Baden und die Großherzogliche Familie beiwohnten, erweckte die lebhafteste Begeisterung, welche sich bereits stürmisch nach dem Kaisermarsch äußerte. In kleinem Kreis wurde zusätzlich eine von Wagner so bezeichnete "Privatcomposition aufgeführt - das Siegfried-Idyll.

Der Mannheimer Wagner-Verein wurde richtungweisend für die nächsten Vereinsgründungen in München und Leipzig. Zwar kam die geplante Vereinigung der Ortsvereine unter dem Dach des Mannheimer Vereins nicht zustande, aber schon ein Jahr später gab es auch Wagner-Vereine in Bayreuth, Berlin, Boston, Brüssel, Köln, Darmstadt, Dresden, Florenz, Frankfurt/Main, London, Mainz, Nürnberg, Pest, Regensburg und Weimar.

Inzwischen wurde Emil Heckel auch in den Bayreuther Verwaltungsrat berufen und zur Grundsteinlegung des Festspielhauses am 22. Mai 1872 eingeladen, für die er auch einige Musiker aus Mannheim rekrutieren sollte. Im November desselben Jahres ging Wagner mit seiner Frau Cosima auf ihrer Suche nach geeigneten Solisten und Musikern auf Inspektionsreise und machten von 15. bis 20. Dezember Station in Mannheim, wo sie eine furchtbar zusammengestrichene Holländer-Vorstellung erlebten und Luise Jaide, die spätere Bayreuther Erda und Waltraute, anwarben.

Als Abschiedsgeschenk für Emil Heckel gab es nicht nur die Broschüre mit den eingangs erwähnten Versen, sondern ein Foto von Frau Cosima, auf dessen Rückseite Wagner reimte: "Frau Cosima in guter Laune/ Darüber Niemand erstaune:/ Sie hat einen guten Mann,/ Der schön componiren kann./ Deßwegen zum Angedenken/ Thut sie sich an Heckels schenken!" Anschließend reisten sie nach Mainz und Köln weiter, worüber Wagner Emil Heckel unter dem Titel Meines Werktopf's Deckel! wiederum ein Gedicht schrieb, das wie folgt endet: "Für alle eure Sünden/ sollt ihr nun Ablaß finden;/ wenn ihr brav sammeln thut,/ dann geht's der Seele gut!"

Heckel hat so brav gesammelt und für die Bayreuther Sache gewirkt, dass Wagner ihn nicht nur als seinen Strategen bezeichnet hat, sondern sich auch um eine Auszeichnung für ihn bemühte. Am 21. August 1876 schrieb er an König Ludwig II.: "Ich wage es, mir folgende Vertheilung Ihres Michaelordens I. Classe von Ihrer Huld zu erbitten. Es fehlt mir an einer hohen Anerkennung für den Gründer des ersten Wagner-Vereines, den unermüdlichen Agitator und fruchtbringendsten Werber, Emil Heckel, Musikhändler in Mannheim, jetzt thätigstes Mitglied meines Verwaltungsrathes, von welchem Feustel und der Bürgermeister bereits vom Kaiser, sowie vom Grossherzog von Weimar decorirt worden sind, zugleich aber schon früher auch den Michaels-Orden sich erworben haben."

Weitere Details sind aus zwei Büchern zu erfahren: aus der von Heckels Sohn Karl 1898 herausgegebenen Briefausgabe und aus der neuen Emil-Heckel-Biografie von Anja Gillen, die einen Tag vor seinem 182. Geburtstag in Mannheim vorgestellt werden soll. Für September ist im Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museum außerdem eine Heckel-Ausstellung geplant. Damit das heutige Datum nicht ganz unter den Tisch fällt, sei erwähnt, dass am 28. März 1862 Richard Wagners Nichte Franziska geboren wurde - "reichbegabt als Künstlerin und bedeutend als Charakter, als Schauspielerin am grossherzogl. Hoftheater in Schwerin thätig, entsagte früh der Bühne, nach ihrer Vermählung mit Alexander Ritter" -, kurz: Franziska und ihr Mann waren mit dabei, als Wagner im Dezember 1871 für den Wagner-Verein Mannheim konzertierte.
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