Leipzig
Mein Wagner-Jahr

Langsam, laut, langweilig und leidenschaftslos

"Die Walküre" in Leipzig als meine letzte Wagner-Premiere im Wagner-Jahr: Rosamund Gilmore setzt ihre dekorativ-belanglose"Ring"-Inszenierung fort, Ulf Schirmer dirigiert entweder grobschlächtig laut oder bedeutungshuberisch langsam. Ein Schreckensabend der anderen Art.
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Wotan (Markus Marquardt) wütet ein bisschen, im Hintergrund wabern und wedeln die von den Walküren rekrutierten toten Helden in Reiterhosen und haben garantiert mehr als zwei Paar weiße Stiefel zur Auswahl. Alle Szenenfotos: Tom Schulze
Wotan (Markus Marquardt) wütet ein bisschen, im Hintergrund wabern und wedeln die von den Walküren rekrutierten toten Helden in Reiterhosen und haben garantiert mehr als zwei Paar weiße Stiefel zur Auswahl. Alle Szenenfotos: Tom Schulze
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Erst unlängst, beim Start der nicht nur mit Plastikflaschen zugemüllten Ring-Neuinszenierung in Nürnberg, habe ich mir wieder sehnlichst eine Produktion gewünscht, die den ganzen modischen Trash sein lässt und sich auf das konzentriert, was Handlung und Figuren in Zusammenhang mit der Musik zu bieten haben. Ein frommer Wunsch, denn selbst wenn das Ring-Personal - wie auch in Bayreuth - nicht nur aus Gaunern, Zuhältern, sonstigen Brutalos und allzeit bereiten Halbweltdamen besteht, kann es schief gehen. Wie zum Beispiel in Wagners Geburtsstadt, in der Walküre, im neuen, jetzt halbfertigen, vermutlich auch nach der Götterdämmerung ungaren Leipziger Ring.

Spätestens angesichts der Besetzungsliste, die Brünnhildes Pferd Grane (mit Ziv Frenkel als Darsteller) führt, weiß man, dass Vorsicht angesagt ist. Denn dann wird in dieser Produktion mindestens einer der neueren Regiemoden gehuldigt, die sich auf zusätzliche Tänzer oder ein Bewegungsensemble kapriziert. Was in den meisten Fällen so überflüssig ist wie ein Kropf. Immerhin apostrophiert die vom Ballett kommende Regisseurin Rosamunde Gilmore anders als im Rheingoldihre Tänzer nicht mehr als vielversprechende "Mythische Elemente". Sondern lässt sie, Grane ausgenommen, im Einführungsvortrag Ihres Dramaturgen nur noch als Begleiter, als "mythischen Bodensatz" ankündigen.

Unterm Strich ist dieser Bodensatz in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen allerdings nur eine Ausflucht, ein Pseudo-Ersatz für nicht stattfindende Personenregie und Gilmores interpretatorische Konzeptlosigkeit. Es gibt also Frickas Widdergespann, zwei Raben Wotans, zwei undefinierbare Vierbeinerskelette, im Dauereinsatz Grane mit zwei klumpigen Pferdefüßen, acht zunächst reglos und kopflos scheinende, in schmutzig-weiße Militärmäntel gehüllte Figuren (deren einziger Sinn darin besteht, dass sie vor der 3. Szene des 2. Akts das Mobiliar aus Wotans Wohnzimmer wegräumen) und mindestens acht Tänzer in Reiterhosen, die als tote Helden versuchen, für sich das richtige Paar weiße Stiefel zu finden, mit denen die Bühne im Schlussakt übersät ist.

Das Bühnenbild des 3. Akts erinnert immerhin für einige Momente reizvoll sowohl an Rienzis Rom wie an die legendäre TV-Werbung des Chanel-Parfüms Égoïste. Nur leider sind die Walküren mitsamt ihren schwindlig machenden, schwankenden Helden genau das weichherzige Weibergezücht, das der egomanische Vater Wotan ihnen auf ihre frechen Flintenweibernasen zusagt. Wusste zumindest die Wagnerwelt das nicht schon vorher? Immerhin, könnte man meinen, ist das was fürs Auge (Kostüme: Nicola Reichert). Aber die Tänzer sind nur dekorative, auf Dauer wenig einfallsreich bewegte Schnörkel, die ihrer psychologischen Stellvertreterrolle nur insofern gerecht werden, als sie letztlich genauso einfach und blass sind wie die von der Regisseurin sträflich vernachlässigten Hauptfiguren. Die vielsagende Dramaturgie der Blicke findet sinnfällig leider nur im Programmheft statt.

Auf der Bühne obwaltet über weite Strecken ein geradezu absurd frontales, untereinander beziehungsloses Rampensingen. Der Tisch in Hundings Bunkerhütte (Bühne: Carl Friedrich Oberle) steht dummerweise nicht quer, so dass Hunding den ungebetenen Gast Siegmund schon deshalb hochkantig rauswerfen müsste, weil der ihm bei seinen langen Erzählungen ständig den Rücken zeigt. Doch es sind nicht die regiehandwerklichen Fehler allein, die diesen Abend zur Qual machen.

Vierzig Jahre nach der hochbedeutenden Ring-Inszenierung von Joachim Herz präsentiert die Oper Leipzig also eine (gesellschafts-)politisch furchtbar belanglose Tetralogie, noch dazu mit einem frevelnden Wälsungenpaar, das in seiner Biederkeit und Leidenschaftslosigkeit seinesgleichen sucht. Eine Sieglinde, die gerade aus guten Gründen den ungeliebten Gatten mit einem Schlaftrunk schachmatt gesetzt hat und dann erstmal brav und unter Mithilfe des fremden Softies das Geschirr abräumt, hat man vermutlich noch nirgendwo gesehen. Aber was sagt uns diese krause Regieidee?

Und wie erklärt sich, dass Fricka im Vergleich zu Rheingold zwanzig, wenn nicht dreißig Jahre jünger wirkt? Natürlich verändern sich Figuren, sobald sie mit unterschiedlichen Sängern besetzt sind. Aber gibt es im Ring keine inhaltliche und zeitliche Kontinuität? Ist eh' alles wurscht, weil ja das Begleitpersonal hinzuerfunden wurde? Was sagt das aus, wenn nicht nur Brünnhilde und ihre Schwestern aussehen, als stünde eine Mischung aus Annie Get Your Gun und Les Misérables auf dem Programm?

Die mit aufgepflanzten Bajonetten ausgestatteten Walküren werden wenigstens ihrem wilden schlechten Ruf gerecht. Auch akustisch. Denn das Gewandhausorchester spielt unter Ulf Schirmer, Intendant und Generalmusikdirektor der Oper Leipzig, Wagners hochdifferenzierte Ring-Musik so, wie sie garantiert nicht sein sollte: wahlweise grobschlächtig oder pathetisch laut, so dass die Solisten zwangsläufig brüllen müssen, wenn sie nicht untergehen wollen, dann wieder in einer bedeutungshuberischen Langsamkeit und Zerdehnung, was wiederum fast alle Sänger überfordert und den musikdramatischen Zusammenhalt zerstört.

Schon der erste Akt dauert siebzig endlos lange Minuten. Das sind 9 Minuten und 98 Sekunden mehr als bei der Bayreuther Uraufführung unter Hans Richter, die Wagner selbst trüb und traurig als zu langsam beklagte. Sogar James Levine war bei seiner Ring-Einspielung im 1. Akt Walküre um fast eine Minute schneller. Die regelmäßige Zusammenarbeit mit Ulf Schirmer hat inzwischen auch dem schönen und leuchtfähigen Sopran von Christiane Libor (Sieglinde) zugesetzt, während Guy Mannheim (Siegmund) bei seinem darstellerisch statischen Rollendebüt noch für die unnötige Zirkusnummer eines elend langen Wälseruf gut ist. Entwicklungsfähig sind Kathrin Göring (Fricka) und Markus Marquardt (Wotan), während Eva Johansson (Brünnhilde) und James Moellenhoff (Hunding) den Zenit ihrer Karriere hörbar hinter sich haben und eigentlich mit Wagners resignierendem Gott Wotan nur noch eines im Sinn haben sollten: das Ende.

Mir bleibt immerhin erneut die Erkenntnis, dass eine Inszenierung, die gut gemeint interpretatorische Zurückhaltung und angeblich sängerfreundliches Stellvertretertum praktiziert, in Kombination mit einem indiskutabel unwagnerisch denkenden und sängerunfreundlichen Dirigenten mindestens genau so schlimm ist wie das Neuneubayreuther Regieideal, das auf Dekonstruktion, auf die Umwertung aller Werte und Figuren ausgerichtet ist und penetrant die Musik ignoriert. Nein, Rosamund Gilmore samt Team und Ulf Schirmer erweisen Wagners Tetralogie bestenfalls einen Bärendienst. Und das ist - ich weiß, wovon ich rede, auch wenn ich mich nicht mit A-Umlaut schreibe - überflüssig.
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