Bamberg
Shitstorm

Im braunen Auge des Zyklons

Seit in sozialen Netzwerken jeder sofort kommentieren kann, müssen Politiker mehr denn je überlegen, was sie sagen. Ein falsches Wort und die Netz-Opposition legt los. Jüngst haben das Claudia Roth, Horst Seehofer, Angela Merkel und, bedingt, Peer Steinbrück erfahren. Achtung liebe Leser: Kragen hoch - hier wütet der Shitstorm.
Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) bei seinem Besuch im Sillicon Valley. Foto: Ole Spata/dpa
Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) bei seinem Besuch im Sillicon Valley. Foto: Ole Spata/dpa
Das Internet unendliche Weiten. Zweifelsohne: Das Netz hat unser aller Leben verändert. Auch das der Politiker: Wohnte die Entscheider-Elite früher in einem schönen Turm aus Elfenbein, ist heute deren Nähe zum Volk größer denn je. Ein Klick und jeder kann dank sozialer Netzwerke erfahren, was die Politiker gerade umtreibt. Ob sie nun wirklich selbst ihre Profile pflegen, darf zwar geflissentlich bezweifelt werden, ab und an geschieht dort aber wirklich Bemerkenswertes.

Vor vier Monaten erwischte es Grünen-Vorsitzende Claudia Roth. Auf ihrer Facebook-Seite gedachte sie der Toten der "Atom-Katastrophe von Fukushima". Und schon war er da, der Shitstorm. Wieso? Weil die Opfer durch die Erdbeben und den Tsunami starben - nicht durch die freigewordene Strahlung. Zu einem Zeitpunkt als die Schwarz-Gelbe Regierung den Atomausstieg noch nicht beschlossen hatte, warfen die Kommentatoren Roth vor, Stimmung gegen Atomenergie zu machen. Claudia Roth stellte in einem weiteren Post die klar, falsch verstanden worden zu sein. Zu spät: So richtig die Kritik im Kern war, so beleidigend wurde schnell die Wortwahl einiger Kommentatoren. "Doof wie 100 Meter Landstraße" sei Roth.

In einem etwas sauberen Becken der Internet-Kläranlage landete kürzlich Angela Merkel, als sie beim Besuch von US-Präsident Barack Obama das Internet als "Neuland" bezeichnete. Die Beschimpfungen hielten sich in Grenzen, einigen Hohn musste die Kanzlerin (CDU) dennoch einstecken. Sigmar Gabriel (SPD) twitterte prompt, er fühle sich "in diesem #Neuland eigentlich meistens ganz wohl". Bald machte eine Bildmontage die Runde: Die Landung Christopher Columbus' in Amerika - doch statt seines Kopfes ist dort Merkels Antlitz zu sehen. Was Merkel, die eine eigene Facebook-Seite mit rund 310.000 Fans und ein Video-Podcast hat, mit ihrer Aussage bezwecken wollte, bleibt indes unklar.

Horst Seehofer (CSU) ist da ganz anders. Wenn es ihm in den Kram passt, ist er ein Mann der klaren Worte. Im Anschluss an ein Fernsehinterview mit Claus Kleber, teilte Seehofer mächtig vor einem Jahr mächtig gegen Norbert Röttgen (CDU) und dessen Wahlkampf um den Posten des NRW-Ministerpräsidenten aus. Im Brustton der Überzeugung und mit einem provozierenden Lächeln sagte er zu Kleber: "Das können Sie alles senden." Ähnlich offensiv gab sich der Seehof im März, als er erfuhr, dass sein SPD-Kontrahent in seinem Wahlkreis seine Kandidatur zurückzog. Auf Facebook schrieb er: "Ich habe in meinem Stimmkreis noch gar nicht mit dem Wahlkampf begonnen und mein Gegenkandidat hat trotzdem schon aufgegeben." Seehofer ließ offensichtlich außer Acht, dass Mahmoud Al-Khatib lediglich aufgab, um bei seiner hochschwangeren Frau zu sein. Zahlreiche Kommentatoren sprangen Al-Khatib zur Seite. Bayerns Ministerpräsident entschuldigte sich zwar, konnte aber nicht mehr verhindern, unter anderem als "Lothar Mathäus der CSU" bezeichnet zu werden. "Sie machen eher Steinbrück Konkurrenz", schrieb ein anderer.

In Sachen Shitstorm kann der SPD-Kanzlerkandidat aber nicht einmal mithalten. Zumindest lässt sich nichts auf eine einzige Aussage zurückführen. Vielmehr, und das ist doppelt bitter für Peer Steinbrück, glich sein Wahlkampf lange Zeit einem großen, nicht enden wollenden Sturm der Antipathie. Erst die Sache mit seinen Nebenjobs (Stichwort: Stadtwerke Bochum), dann nannte er gleich zwei italienische Politiker "Clowns" und forderte gar eine Gehaltserhöhung für das Amt des Bundeskanzlers - noch vor Amtsantritt. Damit löste er nicht zuletzt in der eigenen Partei Kopfschütteln aus. Ob ihm die vergangenen Monate Spaß gemacht haben? Nein, natürlich nicht, ließ seine Frau beim SPD-Parteikonvent Mitte Juni durchblicken. Unfair seien einige Attacken gewesen. Wie liebevoll seine Frau über ihn sprach, rührte Peer Steinbrück zu Tränen. Öffentlicher Zuspruch schien er offenbar schon gar nicht mehr gewohnt zu sein.

Tränen, verletzte Gefühle, Unverschämtheiten, Respektlosigkeit und berechtigte Kritik. All das ist das Wesen des Shitstorms. Weil er in der Vergangenheit immer öfter wütete, hat der Duden-Verlag gestern verlautbart, das Wort "Shitstorm" erstmals in der neuen Auflage des Wörterbuchs aufzunehmen. Dort steht für jeden nachzulesen: "Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht." Das Gegenteil ist übrigens ein Candystorm, wenn also jemand mit Lob gepudert wird. Diesen Sturm sucht man in der neuen Duden-Auflage allerdings vergebens.
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