Bayreuth
Mein Wagner-Jahr

"Hinaus in das frische, freiathmige Franken"

Der "Tag der Franken" und Richard Wagner? Geht da was zusammen? Durchaus. Allerdings trifft man in seinen Schriften, Briefen und den Tagebücher seiner Frau Cosima vor allem und immer wieder auf Franken in verschiedenen Währungen. Und auf einige Überraschungen.
In Muggendorf - hier in einer Ansicht von Johann Pöppel aus dem Jahr 1845 - waren die Wagners am 6. August 1873 zu Besuch - aus Bamberg über Forchheim kommend, laut Cosima ein "schöner Abend, idyllischer Aufenthalt, herrlicher Mondaufgang". Vorlage: Archiv
In Muggendorf - hier in einer Ansicht von Johann Pöppel aus dem Jahr 1845 - waren die Wagners am 6. August 1873 zu Besuch - aus Bamberg über Forchheim kommend, laut Cosima ein "schöner Abend, idyllischer Aufenthalt, herrlicher Mondaufgang". Vorlage: Archiv
Stolze 207 Fundstellen für das Wort Franken in der Digitalen Wagner-Bibliothek, das ist nicht ohne! Da könnte es mit dem "Tag der Franken" auch aus Richard Wagners Sicht etwas werden. Doch gemach: Rechnet man die Erwähnung von Geldbeträgen in verschiedenen Währungen weg - in der Spannbreite von einem bis zu 500 000 Franken - bleiben in seinen Schriften, Briefen und in den Tagebüchern seiner Frau Cosima nicht nur gefühlt bestenfalls zwei bis drei Prozent an echten, zumeist uralten Franken übrig. Denn es handelt sich dabei fast ausschließlich um kulturhistorische Abhandlungen und Äußerungen Wagners, vor allem aus seinem Essay Die Wibelungen. Im Kapitel "Trojanische Abkunft der Franken" schreibt er über den Stamm der Franken:

Wie tief bedeutungsvoll muss uns nun die historisch bezeugte Thatsache erscheinen, dass die Franken, kurz nach der Gründung ihrer Herrschaft im römischen Gallien, sich für ebenfalls aus Troja Entsprossene ausgaben. Mitleidsvoll lächelt der Chronikenhistoriker über solch' abgeschmackte Erfindung, an der auch nicht ein wahres Haar sei. Wem es aber darum zu thun ist, die Thaten der Menschen und Geschlechter aus ihren innersten Trieben und Anschauungen heraus zu erkennen und zu rechtfertigen, dem gilt es über alles wichtig, zu beachten, was sie von sich glaubten oder glauben machen wollten. Kein Zug kann nun von augenfälligerer geschichtlicher Bedeutung sein, als diese naive Äußerung der Franken von dem Glauben an ihre Urberechtigung zur Herrschaft beim Eintritt in die römische Welt, deren Bildung und Vorgang ihnen Ehrfurcht einflößte, und welcher dennoch zu gebieten sie stolz genug nach einem Berechtigungsgründe griffen, den sie auf die Begriffe des klassischen Römerthums unmittelbar selbst begründeten.

In Wagners musikdramatischen Werken ist Franken zentral durch Die Meistersinger von Nürnberg vertreten, sogar in der Besetzungsliste, auf der Walther von Stolzing als "ein junger Ritter aus Franken" ausgewiesen wird. In Zusammenhang mit den noch nicht vollendeten Meistersingern und Plänen, sie am Ort des Geschehens uraufzuführen, schrieb der Meister am 24. Juli 1866 an König Ludwig II.:

Dieses Werk war zugleich auf Ihre Befreiung berechnet. Ja! die Meistersinger - "in Nürnberg" - sollten den König von Bayern aus seiner "Münch"- residenz hinaus in das frische, freiathmige Franken entführen -, in dasselbe "Franken", wo mein "Walther" sich heimisch weiss, da "wo er Meister im Haus" - und Hans "Sachs" - der Sachse - sollte den Walther in Nürnberg krönen. - Das war mein ruhig wohlwollender Plan. Er hätte Bayern seinen König erhalten, auf den Alles Edle des Volkes doch einzig noch hofft. Nun verlieren Sie aber die Geduld: mein Walther will verzweiflungsvoll davon. Soll ich, wie Sachs, mir sagen: "Aufgepasst! das darf nicht sein!"? - Das wag' ich nicht, aber herzlich und freundlich theile ich Ihnen meinen Plan mit. Fühlen Sie den Muth ihn noch als König auszuführen -, oh! es wäre vielleicht ein grosses Glück! Was es Ihnen kostete, wäre - Geduld bis zum nächsten Frühjahr. Träte jetzt keine Art von Störung oder Veränderung in mein so sehr lang beunruhigtes Leben, so wäre ich mit Ende des kommenden Winters gewiss fertig. Dann ginge ich nach Nürnberg, wo bis dahin schon die Vorbereitungen getroffen sein könnten.

Und am 11. Dezember 1866 ging es sehr konkret auch um Politik, nachdem der König seine Frankenreise, die ihn unter anderem auch nach Bamberg führte, absolviert hatte: "Gewiss stimmen Sie mir darin gütig bei, dass die dereinstige Verlegung Ihrer Residenz nach Nürnberg nicht als eine Flucht von München angesehen werden darf: ich würde dann nämlich fürchten, dass all das Ueble, was Sie in der alten Residenz umgab, mit Ihnen in die neue Residenz doch mit hinübergezogen würde, wie Sie jetzt - ich ersehe es deutlich - mitten durch die Jubelreise durch Franken es doch mit Sich nachschleppen. Ich glaube dagegen, dass ‚Nürnberg‘, und Alles, was Wir mit der Nennung dieses ehrwürdigen Städtenamens aussprechen, erst dann eine heilvolle Bedeutung bringen wird, wenn zugleich die neue Tendenz Ihres Königthumes in unverkenntlichster, klarster Weise an den Tag träte. Ich bin der traurigen Meinung, dass es mit der deutschen Landesfürstlichkeit unaufhaltsam zu Ende, und dass - entweder durch die Aufzehrung von Seiten Preussens, oder durch einen allgemeinen Umsturz, dieser letzte Haft einer von mir geliebten Welt zu Grunde geht. Die Schicksale des ablaufenden Jahres liegen warnend vor Uns! Nur Eines kann Deutschland, das wahrhaft deutsche Wesen, über welches ich Ihnen vor einem Jahre meine Gedanken mittheilte, retten und neu in das Leben rufen: ein wahrhaft deutscher Fürst! Oh, wer da wüsste, was es heisst, ein deutscher König sein!"

Jenseits der royalen Höhenflüge war Franken trotz seines wenig lieblichen Klimas in der Familie Wagner durchaus positiv besetzt: Während einer Konzertreise 1873 ins Rheinland schrieb Cosima zum 21. April in ihr Tagebuch:

Schöne Fahrt "von dem Lande des deutschen Kultur-Gedankens, dem Main-Tale, in den fanatischen Natur-Ausdruck des Rhein-Tales", "das Schönste aber", sagt R., "ist, dass wir es zusammen durchreisen, es sind kleinliche Wanderungen, aber was helfe uns, Berlin z.B. durchzureisen?" Ich sage ihm, dass ich wünsche, unser Franken bis in die kleinste Ecke kennen zu lernen und den Kindern die Liebe und das Interesse für das Nahe, ihnen Angehörige [zu] erwecken, anstatt ihre Blicke nach der Ferne schweifen zu lassen; R. gibt mir recht: "Das sind die Wurzeln, schneidet man die, verliert sich der Saft, ob die Krone noch so weit hinausragte, der Baum vertrocknet. - Es macht auch die Menschen oberflächlich, nach der Ferne zu schweifen."

Das bewusste Kennenlernen wirkte sich übrigens auch auf den Speiseplan aus. Martin Gregor-Dellin schreibt in seiner Wagner-Biographie: "Richard Wagner aß und trank gern. Den Wein bezog er aus Würzburg, das Bier holte der Diener von Angermann. Man aß in Wahnfried bürgerlich und fränkisch. Die Anzeigen im Bayreuther Tagblatt, die Kren- und Kesselfleisch anpriesen, amüsierten Wagner sehr. Die Ärzte rieten zu Mäßigung, so ließ er schwere Gerichte aus. Es gab aber alles: Suppen, Fisch, Krebse, Braten, Klöße." Nicht zu vergessen die Bayreuther Zeitung. In seinem Brief vom 1. Oktober 1874 beschrieb Wagner dem König nicht nur das Innere von Wahnfried, sondern auch seinen Bayreuther Alltag, bis hin zum gemeinsamen Mittagstisch, "worauf dann im Garten der Kaffee eingenommen, das Bayreuther Tageblatt (die einzige Zeitung, welche ich noch in mein Haus kommen lasse und lese) durchblättert und gewöhnlich ein anregungsvolles Thema der Kunst, der Philosophie oder des Lebens von mir und Cosima besprochen wird." Auch von Jean Paulund seinen Werken war hin und wieder die Rede. Immerhin 55 Nennungen im digitalisierten Wagner belegen das. Womit endgültig dem "Tag der Franken" Genüge getan sei.