Bayreuth
Mein Wagner-Jahr

Hier gilt's heute zwei Männern!

Im Fokus: Carl Emil Doepler, "Ring"-Kostümbildner von 1876, und Hermann Winkelmann, Parsifal der Uraufführung 1882 in Bayreuth
Ausschnitt aus dem Walkürenritt, den Carl Emil Doepler für Projektionen im Festspielhaus 1876 nach dem Prinzip der Laterna magica auf Glasplatten gemalt hatte. Vorlage: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung
Ausschnitt aus dem Walkürenritt, den Carl Emil Doepler für Projektionen im Festspielhaus 1876 nach dem Prinzip der Laterna magica auf Glasplatten gemalt hatte. Vorlage: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung
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Der gestrige Frauentag war mit dem gegebenen Ausschließlichkeitsanspruch natürlich ohne Abstriche nicht zu machen. Anders gesagt: Zwei Männer hatten das Nachsehen, die ich heute pflichtschuldigst nachschiebe: Mit eintägiger Verspätung, aber umso freudiger seien der 189. bzw. 190. Geburtstag von Carl Emil Doepler, dem Ring-Kostümbildner der ersten Festspiele 1876, und der 166. Geburtstag von Hermann Winkelmann, dem Titelprotagonisten der Parsifal-Uraufführung 1882, gefeiert.

Was Ersteren betrifft, dreht sich allerdings sogleich der Meister in seiner Gartengruft um: Denn Richard Wagner war, was die Kostüme der ersten Bayreuther Ring-Tetralogie betrifft, überhaupt nicht glücklich. Der am 8. März 1823 oder 1824 in Warschau geborene Carl Emil Doepler war zunächst Buchhändler. Wie Gisela Zeh in dem Standardwerk Das Bayreuther Bühnenkostüm schreibt, studierte er Malerei, wurde ein Schüler des Historienmalers Karl Piloty und errang sich als Kostümbildner und Lehrer für Kostümkunde in Weimar sowie in Berlin einen so guten Ruf, dass er auch für die Maskenfeste des Kronprinzen Berlin herangezogen wurde.

"Doepler ging", so Zeh, "mit unermüdlichem Fleiß an den Entwurf der Kostüme und Requisiten." Über 500 Zeichnungen galten allein den Waffen, Geräten und Schmuck, die Kostümentwürfe entstanden nach vielen kulturhistorischen Überlegungen. Das Problem war nur, dass Wagner das, was Doepler am besten konnte, gar nicht wollte: den Historismus, die archäologische Kompilation. "Doepler kopierte", stellt Oswald Georg Bauer in Richard Wagner geht ins Theater fest, "in den Museen germanische und keltische Ornamente, Waffen und Geräte. Seinen Zeitgenossen galten seine Entwürfe als ‚stilstrenge Trachten‘ von ‚historischer Korrektheit‘. Gerade dieser Vorzug disqualifizierte sie nach Wagners Auffassung, denn sie verlegten seinen Mythos des ‚Rein Menschlichen‘ wieder zurück ins ‚Historisch Konventionelle‘."

So unglücklich Wagner und seine Frau Cosima auch waren, indem sie Kostüme und Dekorationen an den damit unter anderem nach Amerika reisenden Theaterdirektor Angelo Neumann verkauften, um das Defizit der ersten Festspiele zu schmälern, wurden sie in aller Welt bekannt und galten, da sie ja aus Bayreuth stammten, als richtungweisend. Jahrzehnte lang ging es bei den Kostümen weiterhin weniger um schöpferische Fantasie und mehr um historisch getreue Rekonstruktion und Materialechtheit.

Immerhin wurde aus manchen Fehlern gelernt. Für die Parsifal-Uraufführung 1882 suchte und fand Wagner in dem russischen Maler Paul von Joukowsky einen Ausstatter ganz nach seinem Geschmack. Der entwarf unter anderem das Kostüm für Hermann Winkelmann, der die Titelrolle kreierte (alternierend mit Heinrich Gudehus). Wie sein Vater sollte der am 8. März 1849 in Braunschweig geborene Winkelmann Klavierbauer werden, schaffte aber nach entsprechender Ausbildung den Sprung auf die Bühne. 1875 debütierte er als Troubadour-Manrico im Hoftheater von Sondershausen, wechselte 1876 nach Altenburg und war bald auch in Hamburg gefragt, wo man ihn bald als großen Wagnertenor bewunderte.

Mit dem Hamburger Ensemble gastierte er unter Hans Richter als Stolzing und Tristan in London. Auf sein Bayreuth-Debüt 1882 (mit Amalie Materna als Kundry) folgten dort weitere Auftritte als Parsifal bis 1886, 1891 war er der erste Tannhäuser der Festspiele. Von 1883 an wurde er als Wagnerheld auch in Wien gefeiert, wo er 1896 in der Uraufführung der Oper Der Evangelimann von Wilhelm Kienzl den Matthias sang. 1907 zog er sich von der Bühne zurück, 1912 starb er. Sein Sohn Hans Winkelmann wurde ebenfalls Tenor.

Selbst wenn ich nur noch erwähne, dass am 9. März 1842 in Mailand Giuseppe Verdis Nabucco und genau zwei Jahre später sein Ernani uraufgeführt wurden, geht die Chose doch nicht ganz ohne Weiber. Warum? Ganz einfach: Dem Suhrkamp/Insel Verlag ist nämlich gestern eine so großartige Punktlandung gelungen, dass ich eilfertig darüber berichten muss. Am Weltfrauentag, für den ich bienenfleißig Wagner'sche Frauen aller Art gesammelt hatte, erreichte mich, ohne dass ich eigens angefragt hatte, ein Besprechungsexemplar der Neuerscheinung Wagners Frauen (Insel-Bücherei Nr. 1373, 141 S., einige Abb., 14,95 €).

Autor des für eine breitere Leserschaft gedachten Büchleins ist Dietrich Mack. Schon als Mitherausgeber der 1976/77 edierten Tagebücher von Cosima Wagner weiß er von Haus aus sehr gut Bescheid über Wagners Frauengeschichten. Was bekanntlich nicht nur den Stammvater des Clans betreffen muss, der sich selbst als "ein Verherrlicher der Frauen" bezeichnete. Sondern auch seine Nachkommen. Zum Beispiel Enkel Wolfgang Wagner, der sich 1976 von seiner ersten Frau Ellen Drexel scheiden ließ, um die ebenfalls frisch geschiedene Gudrun Mack, geb. Armann, zu heiraten. Soll ich weiter aus dem Nähkästchen plaudern?

Das Aufgebot der beiden hing entgegen den sonstigen Vorschriften im Festspielsommer 1976 nur eine Nacht im Bayreuther Rathaus aus. Aber welcher Kommunalbeamte hätte etwas dagegen haben können, wenn der damalige Oberbürgermeister Hans Walter Wild höchstpersönlich als Trauzeuge fungierte? Die Bayreuther Stadtverwaltung nahm es übrigens auch nach dem Tod Wolfgang Wagners im März 2010 mit den Regularien nicht so genau. Denn das Begräbnis der Urne im Familiengrab fand erst über als ein halbes Jahr später statt. Von wem die Bayreuther Royals in diesem Fall Schützenhilfe bekommen haben, sei der Fantasie der Leser überlassen.