Bayreuth
Mein Wagner-Jahr

Heute ausnahmsweise in eigener Sache

Die Pressebüros der BF Medien GmbH und der Bayreuther Festspiele setzen sich dem Verdacht aus, durch die Nichtvergabe von Pressekarten kritische Journalisten einfach auszusperren. Es geht dabei um eine Form von Zensur.
Als ich im Dezember 2012 vor dem gerade zur Baustelle erklärten Festspielhaus für das Foto zum Blog "Mein Wagner-Jahr" posierte, wusste ich bereits, dass die BF Medien GmbH mir für ihre Veranstaltungen keine Pressekarten geben würde. Momentan ist auch noch ungewiss, ob ich heuer über die ersten fünf Festspielpremieren aktuell berichten kann. Foto: Jochen Nützel
Als ich im Dezember 2012 vor dem gerade zur Baustelle erklärten Festspielhaus für das Foto zum Blog "Mein Wagner-Jahr" posierte, wusste ich bereits, dass die BF Medien GmbH mir für ihre Veranstaltungen keine Pressekarten geben würde. Momentan ist auch noch ungewiss, ob ich heuer über die ersten fünf Festspielpremieren aktuell berichten kann. Foto: Jochen Nützel
Wenn Kritiker eine Opern- oder Schauspielpremiere besuchen, um darüber zu berichten, bekommen sie von dem jeweiligen Theater dafür eine Freikarte. In der Regel reicht es aus, ein paar Wochen vorher zu bestellen, in manchen Fällen muss man sich auch eigens akkreditieren. Die zeitlich längste Anmeldefrist haben seit Jahrzehnten die Bayreuther Festspiele, wo jeweils der 31. Januar der Stichtag ist - fast ein halbes Jahr vor dem Eröffnungstermin.

Es geht aber noch viel mehr, wie meine Erfahrungen mit der BF Medien GmbH gezeigt haben, einer von Katharina Wagner geleiteten medialen Vermarktungs- und Tochtergesellschaft der Bayreuther Festspiele. Als ich im August 2012 wegen der Parsifal-Übertragung in Kinos dem Festspielpressebüro ein paar Fragen stellte, verbunden mit einer Voranfrage zu Pressekarten für das Geburtstagskonzert am 22. Mai und für die Frühwerke-Serie Anfang Juli 2013, verwies Pressesprecher Peter Emmerich mich an die BF Medien GmbH.

Antworten auf meine aktuellen Fragen bekam ich von dort nicht. Dafür ließ mich am 31. August 2012 ein Herr Steffen Klein von der BF-Medien wissen, dass ich weder für das Geburtstagskonzert im Festspielhaus noch für die Frühwerke in der Oberfrankenhalle Pressekarten bekommen würde. "Leider müssen wir Ihnen mitteilen", schrieb er mir per E-Mail, "dass unsere Akkreditierungsfrist wie vorab seit längerem bekanntgegeben war bereits am 27. Juli 2012 ablief. Wir waren noch in der selben Woche für unser Geburtstagskonzert restlos ausverkauft und bitten um Verständnis, dass wir nun keine Kapazitäten mehr frei haben. Ebenso sind auch die begrenzten Pressekartenkontingente für unsere Frühwerke bereits vergeben. Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis und stehen bei Rückfragen gerne zur Verfügung."

Das Verständnis hielt sich schon deshalb in Grenzen, weil - wie entsprechende Recherchen eindeutig ergaben - von zehn direkt dazu befragten Festspielkritikerkollegen keiner etwas von der behaupteten Akkreditierungsfrist wusste. Wäre ja auch etwas praxisfremd, wenn man sich wegen einer Pressekarte schon acht bzw. elf Monate vor dem Ereignis akkreditieren müsste. Vorsichtshalber schickte ich am 2. Mai nochmals eine Anfrage an die BF Medien, die wiederum negativ beschieden wurde. Als ich mit einer privat bezahlten Karte am 22. Mai im Festspielhaus war, bestätigten mir Journalisten darüber hinaus, dass sie zum Teil erst nach dem 2. Mai bestellt und dennoch Presse- und zum Teil auch Begleit- oder einfach nur Freikarten bekommen hatten. Das gleiche wiederholte sich bei den Frühwerken, über die ich nur deshalb aktuell berichten konnte, weil die Stadt Bayreuth Mitveranstalter war und Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe mir dankenswerterweise Premierenkarten für Rienzi am 7. Juli und Das Liebesverbot am 8. Juli zur Verfügung stellte.

Natürlich ist nachvollziehbar, warum ich nicht auf der Einladungsliste von Katharina Wagner stehe. Aber dass die BF-Medien GmbH für die fünf Tageszeitungen und sonstigen Medien der Mediengruppe Oberfranken gar keine Pressekarte hatte, legt die Vermutung nahe, dass man gezielt mich als kritische Journalistin aussperren wollte. Wohl um genau das entkräften zu wollen, hat mich am 12. Juli, also nach den Premieren der Frühwerke, ein Herr Daniel Weber von der BF Medien GmbH per E-Mail kontaktiert, wiederholte die unschwer zu widerlegende Behauptung von "ausgeschöpften Premierenkontingenten" und bot mir je eine Pressekarte für den 13. und 14. Juli an. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Kritiken zu Rienziund Das Liebesverbotsowohl in Print wie online längst erschienen.

Die Pressekartenmisere ist damit noch nicht zu Ende. Auch über die Highlights der Bayreuther Festspiele 2013, das heißt die Eröffnungspremiere am 25. Juli mit dem Fliegenden Holländer und die mit Spannung erwartete Ring-Neuinszenierung von Frank Castorf kann unser Verlag - so der heutige Stand - keine aktuelle Eigenberichterstattung bieten. Sondern bekommt Pressekarten nur für die Zweitvorstellungen am 3. August bzw. von 14. bis 19. August sowie für die publizistisch weniger relevanten Wiederaufnahme-Premieren. In diesem Fall ist die Diskriminierung nicht so eindeutig, weil auch andere Zeitungen, die sonst immer ihre eigenen Kritiker nach Bayreuth schicken konnten, keine Premierenkarten bekommen haben.

Schon bei der letzten Festspielpressekonferenz kündigte Pressesprecher Peter Emmerich an, dass das Pressekartenkontingent 2013 kleiner sein werde. Das hat in erster Linie mit Auflagen der Rechnungshöfe zu tun, die moniert hatten, dass in Bayreuth zu wenig Karten in den Freiverkauf kämen. Warum die Verantwortlichen ausgerechnet im Jubiläumsjahr, wo der Ansturm von Journalisten aus aller Welt besonders groß sein würde, unter anderem das Pressekartenkontingent derart beschnitten haben, will nicht einleuchten.

Womöglich ist das den Festspielleiterinnen gar nicht so unrecht. Vielleicht kommen auf diesem Weg heuer, wo es doch demnächst um ihre eigene Vertragsverlängerung geht, mehr Journalisten, die nur selten oder noch nie in Bayreuth waren - und folglich weniger Vergleichsmöglichkeiten haben als die lästigen Festspiel-Habitués, die jene guten alten Zeiten erlebt haben, als die Festspiele künstlerisch aus guten Gründen noch etwas galten. Geht so Pressepolitik im Bayreuth der angeblich "neuen Offenheit"?

Man muss dazu sagen, dass es keine verbindlichen Regelung für die Vergabepraxis von Pressekarten an öffentlich subventionierten Theatern gibt. Es steht jeder Theaterleitung frei, wie sie Öffentlichkeit herstellt. Dass die Kriterien in Bayreuth nicht mehr stimmen, ist offensichtlich. Schon allein deshalb, weil unter anderem mehrere fränkische Zeitungen, die aufgrund der unmittelbaren Nachbarschaft jahrzehntelang aktuell und ausführlich berichtet haben, plötzlich nicht mehr die Möglichkeit haben, ihre Kulturredakteure in den Premierenzyklus zu schicken.

Obwohl: Steht nicht schon auf dem Akkreditierungsformular, typografisch nicht ganz sauber reingequetscht, folgender Zusatz: "Die Vergabe von Pressekarten ist eine freiwillige Leistung der Bayreuther Festspiele. Es besteht keinerlei Anspruch auf eine Pressekarte." Da weiß doch jeder Journalist von vornherein, wie willkommen er ist. Kein Theater- und Opernhaus im deutschsprachigen Raum - und ich war und bin beruflich seit fast vier Jahrzehnten viel unterwegs -, geht so mit berufsmäßigen Kritikern um. Im Gegenteil: Die Pressebüros laden herzlich ein und sind froh, wenn viele Pressevertreter kommen. Auch zu exklusiven Festspielen. In Salzburg habe ich im Mai eine Presse- und eine Kaufkarte für die "Meistersinger"-Neuinszenierung von Stefan Herheim im August bestellt. Sechs Wochen später kam die positive Antwort.
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