Santa Monica
Mein Wagner-Jahr

Heldentenor of the Century

Heute vor vierzig Jahren starb in Kalifornien der aus Dänemark stammende Heldentenor Lauritz Melchior, der eigentlich ein Bariton war.
Lauritz Melchior als Siegfried in Bayreuth (1927-1930) Vorlage: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung
Lauritz Melchior als Siegfried in Bayreuth (1927-1930) Vorlage: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung
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Eine amerikanische Platte von Lauritz Melchior trägt den Titel Heldentenor of the Century. "Und an dieser Einschätzung", schreibt Jens Malte Fischer in seinem Standardwerk Große Stimmen aus dem Jahr 1993, "hat noch keiner der Experten gerüttelt, auch ich will und kann das nicht tun, denn an seinem Ausnahmerang ist nicht zu zweifeln. (...) Es ist die einzigartige Mischung aus der wohl gigantischten Tenorstimme, die die Schallplatte überliefert hat, mit der Fähigkeit, außerordentlich subtil zu singen.

Man höre sich nur das mit Recht viel zitierte ‚Nun weißt du, fragende Frau, warum ich Friedmund nicht heiße‘ aus [Bruno] Walters Walküre-Aufnahme an und vergleiche es mit späteren Aufnahmen. Kein einziger Tenor kommt Melchior gleich in dem geradezu zauberischen Diminuendo, das auf ‚heiße‘ in einen geheimnisvollen Hauch übergeht, in dem die ganze okkulte Lebensgeschichte dieses Fremdlings und zugleich seine Sehnsucht nach einem anderen Leben enthalten ist. Von ähnlichem Kaliber seine berühmte Gestaltung von Siegfrieds Tod, die 1930 in London eingespielt wurde, ‚Brünnhilde, heilige Braut‘. Die Entwicklung von dem todesverschatteten ‚Wer verschloss dich wieder in Schlaf, wer band dich in Schlummer so bang‘ zu dem geradezu gräbersprengenden ‚Der Wecker kam [...] der Braut bricht er die Bande‘ ist kaum beschreibbar."

Der am 20. März 1890 in Kopenhagen geborene Sohn eines Privatschuldirektors begann seine Ausbildung in Kopenhagen als Bariton, debütierte am 2. April 1913 als Silvio im Bajazzo. Als zwei Jahre später die Altistin Sarah Charles-Cahier ihm die Umschulung zum Tenor anriet, ließ er sich von Vilhelm Herold weiterbilden und sang ab 1918 Tenorpartien. Nach weiteren Studien in London, Berlin, München und bei Anna Bahr-Mildenburg in Bayreuth erfolgte sein internationaler Durchbruch 1924, als er bei den ersten Festspielen nach dem Krieg Siegmund und Parsifal sang.

In Bayreuth war er in folgenden Partien zu erleben: Parsifal (1924/1925), Siegmund (1924, 1925 und 1931), Siegfried (1927, 1928 und 1930), Tristan (1930/31) und Tannhäuser 1931. Über seinen Tristan 1930 schrieb Bernhard Diebold in der Frankfurter Zeitung: "Die baritonale Substanz in dem schönen Organ Lauritz Melchiors gab dem Tristan jene Männlichkeit, die ihn vor dem Vorwurf lyrischer Verseelung rettet. In diesem Künstler ist von der scheinbar aussterbenden Rasse der Heldentenöre noch ein ganz echtes Exemplar vorhanden: ein hochmusikalischer, melodisch ringender ‚Schauspieler‘, bei dem ein jeder Ton mit-agiert, und nicht nur klingt. Kein Instrument - ein singender Mensch." Die Tristan-Aufführung am 18. August 1931 unter Wilhelm Furtwängler mit Melchior und Nanny Larsen-Todsen als Isolde war die erste weltweite Rundfunk-Live-Übertragung aus dem Festspielhaus.

"In den 25 Jahren", schreibt Jürgen Kesting in der dreibändigen Ausgabe von Die großen Sänger, "die er an der Met unter Vertrag war, wurden 515 Wagner-Aufführungen gegeben; er sang in 512 die Hauptrolle. Er hat nur dreimal abgesagt, in seinem gesamten Sängerleben nur vierzehn Mal." In Melchiors eigener Gesamtstatistik summieren sich die Wagnervorstellungen auf fast tausend, mit folgender Rollenverteilung: Lohengrin (106), Parsifal (81), Siegmund (183), Siegfried in Siegfried (128), Siegfried in Götterdämmerung (107), Tannhäuser (144) und Tristan (223).

"Melchior hatte", stellt Kesting fest, "so etwas wie einen inneren Sinn für Legato, für die Bindung und Formung einer Phrase, und immer ging bei ihm, der Forderung Wagners entsprechend, das Singen aus dem Sprechen hervor. Er brauchte nie, um Blochs Formel zu paraphrasieren, vom Schrei herunter, weil er nie auf den Schrei kam. So abgesichert, rund und klingend war seine Tongebung, dass er selbst im unteren Viertel der Stimme ein resonantes Parlando singen konnte."

Über Melchiors ersten Tristan an der Met schrieb Laurence Gilman im März 1929: "In der visionären Szene des dritten Aktes war Herrn Melchiors ‚Siehst du sie? Siehst du sie noch nicht?‘ von einer selten zu erlebenden Tonschönheit - poetischer noch in Timbre und Textur als die Klangfarbe der vier Hörner in der danach folgenden Cantilene, die den wunderbaren Gesang des träumenden Liebenden trägt. Vor allem das mittlere Register von Herrn Melchior ist besonders klangvoll; und wenn ihn die Tessitura der Musik begünstigt und er Mezzavoce singen kann, sind die Resultate herrlich in einem Maß, das nur der ermessen kann, wer, wie viele von uns, hat leiden müssen unter dem grässlichen metallischen Gebelle, dem klanglichen Hackfleisch der meisten Heldentenöre, die in den letzten Jahren an der Met gesungen haben. Herr Melchior schrie nicht."

Jens Malte Fischer schließt seinen Melchior-Artikel wie folgt: "Der alte Melchior reiste viel in der Welt herum, besuchte seine alten Kollegen und Freunde und auch seinen jüngeren Kollegen [Max] Lorenz, an den er in einem Brief schrieb, dass die ‚alten Kammeraten jetzt Engeleins sind die auf einer Wolke sitzen und Harfe spielen‘; der Brief schloss mit einer Formel: ‚Lebt wohl und feucht deine Kehle.‘ So können wir getrost annehmen, dass der Engel Lauritz, auf einer sehr massiven und tragfähigen Wolke sitzend, eine Harfe mit armdicken Saiten schlägt, gleichzeitig aber auch darauf die zartesten Töne erzeugen kann, die im Himmel zu hören sind. Feucht deine Kehle, großer Däne."

Dem darf nur noch hinzugefügt werden, dass Richard Wagner am 18. März 1859 in Venedig die Partitur des 2. Akts von "Tristan und Isolde" vollendete. Bereits acht Tage vorher schrieb er an Mathilde Wesendonck, mit dem Hinweis, dass er noch eine Woche auf das Manuskript zu verwenden habe: "Endlich bin ich gestern mit meinem zweiten Akte, dem grossen, Allen so bedenklichen Problem (musikalischen) fertig geworden, und weiss es auf eine Art gelöst, wie noch Keines. Es ist der Gipfel meiner bisherigen Kunst."
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