Caen
Mein Wagner-Jahr

"Grazie und Gewalt, Anmuth und Heroismus"

Heute vor 231 Jahren wurde der französische Komponist Daniel François Esprit Auber geboren, dessen Oper "Die Stumme von Portici" Wagner überaus schätzte.
Schlusstableau der Oper "La Muette de Portici" mit dem im Hintergrund ausbrechenden Vesuv in einer Illustration von Godefroy Durand nach der Pariser Uraufführung von 1828 Vorlage: Archiv/Forschungsinstitut für Musiktheater Thurnau
Schlusstableau der Oper "La Muette de Portici" mit dem im Hintergrund ausbrechenden Vesuv in einer Illustration von Godefroy Durand nach der Pariser Uraufführung von 1828 Vorlage: Archiv/Forschungsinstitut für Musiktheater Thurnau
Wetten, dass unter Opernfreunden die Zahl derjenigen, die mit dem Namen Daniel François Esprit Auber etwas anfangen können, überschaubar ist! Was natürlich seine Gründe hat. Von den über fünfzig Bühnenwerken des französischen Komponisten, der am 29. Januar 1782 in Caen auf die Welt kam, erscheinen heutzutage bestenfalls noch seine zwei berühmtesten als Rarität auf den Spielplänen. Dabei waren seine Opern nicht nur im frühen 19. Jahrhundert echte Hits - und auch Richard Wagner beschäftigte sich intensiv damit.

Vor allem Aubers 1828 in Paris uraufgeführte große Oper "La Muette de Portici" ("Die Stumme von Portici") hatte es Wagner angetan - mit ihren spektakulären Massen- und Kampfszenen, dem ungewöhnlichen Aufwand an Ausstattung und Bühnentechnik, einem packenden Sujet in einem gelungenen Libretto und einer Musik voller dramatischer Wirkung, gerade auch für die stumme Hauptrolle der Fenella.

Nicht umsonst widmete Wagner dem französischen Kollegen, den er im Jahr 1860 öfter nächtens im Pariser Café Tortoni traf, aus Anlass von dessen Tod am 12. Mai 1871 seine "Erinnerungen an Auber". Schon dreißig Jahre vorher hatte er geschrieben: "Ihren höchsten Höhepunkt erreichte die französische dramatische Musik in Auber's unübertrefflicher: ‚Stummen von Portici', - einem Nationalwerke, wie jede Nation höchstens nur Eines aufzuweisen hat. Diese stürmende Thatkraft, dieses Meer von Empfindungen und Leidenschaften, gemalt in den glühendsten Farben, durchdrungen von den eigensten Melodien, gemischt von Grazie und Gewalt, Anmuth und Heroismus (...). Es ist nicht anders zu sagen, mit diesem Werke hatte die neuere französische Schule ihre Spitze erreicht."

Später, in den "Erinnerungen", präzisierte er seine Eindrücke und das, was für ihn wichtig war, unter anderem wie folgt: "Wie dem Süjet am Schrecklichsten, aber auch am Zartesten nichts fehlte, so ließ Auber seine Musik jeden Kontrast, jede Mischung, in Konturen und in einem Kolorit von so drastischer Deutlichkeit ausführen, dass man sich nicht entsinnen konnte, eben diese Deutlichkeit je so greifbar wahrgenommen zu haben; man hätte fast wirkliche Musik-Bilder vor sich zu sehen geglaubt, und der Begriff des Pittoresken in der Musik konnte hier leicht einen fördernden Anhalt finden, wenn er nicht dem bei weitem zutreffenderen der glücklichsten theatralischen Plastik zu weichen gehabt hätte."

Und weiter: "Jeder der fünf Akte zeigte ein drastisches Bild von der ungemeinsten Lebhaftigkeit, in welchem Arien und Duetten in dem gewohnten Opern-Sinne kaum mehr wahrnehmbar waren, und, mit Ausnahme einer Primadonnen-Arie im ersten Akte, jedenfalls nicht mehr in diesem Sinne wirkten; es war immer ein solcher ganzer Akt, mit all seinem Ensemble, welche spannte und hinriß. Der Eindruck dieses Ganzen warf damals bei uns Alles um. Hier war eine ‚große Oper', eine vollständige fünfaktige Tragödie, ganz und gar in Musik (...): heiß bis zum Brennen und unterhaltend bis zum Hinreißen."

Was sich real auch auf den Vulkanausbruch im Schlussbild bezog und 1830 tatsächlich vom Publikum der Brüsseler Oper wörtlich genommen wurde: Eine Aufführung der "Stummen von Portici", in die Auber auch Marschmusik und Lieder der französischen Revolutionsmusik von 1789 eingebaut hatte, löste in Belgien den Aufstand gegen die damalige holländische Oberhoheit aus. Die komische und auch noch im 20. Jahrhundert am meisten gespielte Auber-Oper "Fra Diavolo" hingegen fand Wagner schlichtweg erschreckend.

Bleibt noch anzumerken, dass die Uraufführung dieser leichten Spieloper gestern vor 163 Jahren stattfand. Die heutigen Erinnerungsdaten liegen mit den Uraufführungen von Mozarts "Idomeneo" (1781) und "The Beggar's opera" von Johann Christoph Pepusch (1728) sowie dem Geburtstag des Komponisten Luigi Nono (1924) auf der Hand. Letzterer stammte aus Venedig, wo er auch begraben ist und wo heute vor siebzehn Jahren - hoffentlich für absehbare Zeit zum letzten Mal - das Teatro la Fenice abbrannte.
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