Bamberg
Notizen aus der Provinz

Frauen und Sex: erbarmungslos

Nach langer Zeit mal wieder im Kino gewesen. Im Bamberger "Lichtspiel", wo sonst. Bubblegum-Filme für ein mit Computerspielen sozialisiertes Publikum sind für meine Altersklasse nichts mehr; außerdem langweilen sie mich außerordentlich.
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Foto: Jörg Carstensen/dpa
Foto: Jörg Carstensen/dpa
Mir reichten schon fünf Minuten "Bond" im ZDF an diesem Dienstag. Keine Ironie, kein Augenzwinkern, stattdessen Knallen und Zischen ohne Ende; die rasende digitale Schnitttechnik macht mich nervös und ärgerlich. Welch eine Erholung dagegen die langen Einstellungen in Ulrich Seidls "Paradies: Liebe". Erholung fürs Auge, nicht fürs Gemüt, denn der österreichische Regisseur ist der Allerhärteste. Wer "Tierische Liebe", "Hundstage", "Models" oder "Import Export" gesehen hat, weiß, dass im Vergleich dazu Michael Hanekes Filme wirken wie romantische Komödien.



Es ist die halbdokumentarische Billig- und Wackelästhetik, die das Grauen im Alltag kenntlich macht. Seine "Hundstage" zeigen nicht irgendwelchen Alpenland-Kitsch, sondern eine seelen- und gestaltlose Vorstadtsiedlung bei Wien, die genausogut in jedem europäischen Land stehen könnte. Meist nimmt er Laiendarsteller für seine verstörenden ¬¬- was sind sie? Komödien? Tragödien? Lachen konnte ich bei Seidl noch nie.

Jetzt also "Paradies: Liebe" mit großer Medienpräsenz. Der Grund ist klar; Sex sells halt immer noch. Und weiblicher Sextourismus ist ein Exotenthema, das samt Bildern unförmiger Körper Redaktionen reizt. Um es gleich zu sagen: Seidls Film ist ein großer Wurf. Dabei geht es gar nicht unbedingt um Sexualität. Freilich fährt Teresa (großartig und mutig: Margaretha Tiesel), frustrierte Fünfzigerin, Mutter und mit sozialem Beruf, nach Kenia, um so etwas wie Liebe zu finden, Körperlichkeit nicht ausgeschlossen.

Sie trifft sich in einem gettoartigen Resort mit anderen Sugarmamas, die bereits abgebrüht von schwarzen Körpern schwärmen. Zunächst ist sie noch gehemmt. Als ihr ein Beachboy die Illusion von Liebe gibt und sie dann ausnimmt, wird sie zynisch und lernt die Regeln von Kaufen und Verkaufen. Am Ende ist sie einsam wie zuvor. Es gibt höllische, kaum erträgliche Szenen in diesem Film, etwa als sich vier angetrunkene, fette Frauen einen jungen Schwarzen mieten, ihn demütigen und nötigen.



Aber wie bereits gesagt, Sexualität ist nur vordergründig das Thema. Noch nie habe ich den Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß, Erster und Dritter Welt, Reich und Arm so krass und trist thematisiert gesehen. Da gibt es keinen Optimismus, keine mitunter zum Kitsch tendierende Arbeiterklassenromantik wie beim Briten Ken Loach. Stattdessen in entlarvenden Tableaus plakative Dichotomien: die Touristen auf der einen Seite, von fliegenden Händlern und Beachboys auf der andern durch ein Seil abgetrennt, die elenden Wohnungen der Afrikaner, ihre Verachtung für die nur als Geldobjekt angesehenen Weißen, die Armseligkeit von Animationen in der Hotelanlage. Selten habe ich eine bedrückendere Szene gesehen als die mit der wütenden Teresa, die auf ihren winselnden Liebhaber einschlägt, nachdem sie erkannt hat, dass der sie nur ausnehmen will.

Es reizt natürlich die Frage, dem Unterschied zwischen weiblichem und männlichem Sextourismus nachzuspüren. Jeder kennt die Fernsehbilder von fetten deutschen Rentnern mit blutjungen Thai-Mädchen im Arm. Ekelhaft, zweifellos. Was unterscheidet die unförmigen Frauen in "Paradies: Liebe"? Unterscheidet sie überhaupt etwas? Ich meine schon. Sie suchen wenigstens die Illusion einer Beziehung, die Beachboys werden zur Prostitution nicht gezwungen - außer durch die Verhältnisse -, Cash gegen Sex dürfte die Ausnahme sein. Letztlich läuft es aber aufs Gleiche hinaus. Es ist schlicht die Ökonomie, was der französische Literatur-Exzentriker Michel Houellebecq in seinem Roman "Plattform" zynisch befürwortet.

Aushalten muss man bei Seidl Gemeinheit, Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit der Figuren, kein Vergleich zu Laurent Cantets "In den Süden" mit ähnlicher Thematik. Seidl sagt im Interview, dass Kino immerhin das Bewusstsein verändern könne. Und: "Hoffnung gibt es immer. Sonst würde ich auch keine Filme mehr machen." Ich bin leicht geschockt und nicht gerade gut gelaunt aus dem Kino gegangen. Meine Laune nach einem Mainstream-Film wäre jedoch bestimmt schlechter gewesen.
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