Bayreuth
Mein Wagner-Jahr

"Es ist wichtiger, sich anständig zu benehmen"

"Berufung und Verzicht" heißt ein Buch von Susanne Popp über Fritz Busch und Richard Wagner, das beispielhaft aufzeigt, dass es auch deutsche Wagner-Dirigenten gab, die sich nicht vom völkischen und nationalsozialistischen Bayreuth vereinnahmen ließen.
Richard Strauss (links) und Fritz Busch vor der Uraufführung der "Ägyptischen Helena" 1928 in Dresden Vorlage: Brüder-Busch-Archiv Karlsruhe
Richard Strauss (links) und Fritz Busch vor der Uraufführung der "Ägyptischen Helena" 1928 in Dresden Vorlage: Brüder-Busch-Archiv Karlsruhe
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Zu Fritz Busch (1890-1951) fallen einem Opernfreund normalerweise dessen große Wirkungsstätten wie Dresden, Buenos Aires, Glyndebourne und New York ein, vielleicht auch noch die eine oder andere Uraufführung. Dass er nicht nur ein großer Mozart-, Verdi- und Strauss-Interpret, sondern auch ein bedeutender Wagner- und Bayreuth-Dirigent war, ist dagegen nicht so geläufig. Das hat mehrere Gründe - und in erster Linie den, dass Busch und sein als Geigenvirtuose bekannt gewordener Bruder Adolf zu den leider eher wenigen deutschen Musikern gehörten, die sich nicht der nationalsozialistischen Rassenpolitik beugten und deshalb früh ins Exil gehen mussten.

Susanne Popp, die Leiterin des Max-Reger-Instituts Karlsruhe, in dem sich unter anderem auch das Archiv der Brüder-Busch-Gesellschaft befindet, hat sich zum Wagnerjahr intensiv mit Fritz Busch als Wagner-Dirigent beschäftigt. In dem Band Berufung und Verzicht (280 S., zahlreiche SW-Abb., Dohr Verlag Köln 2013, 34,80 Euro) dokumentiert sie zunehmend eindrucksvoll, dass und wie sich der gebürtige Siegener zeitlebens erst in seiner Heimat, dann im Ausland den Werken Wagners gewidmet und sich mit Nachdruck für sie eingesetzt hat.

Während Busch in seiner 1948 erschienenen Autobiografie Aus dem Leben eines Musikers sein ideologisch befrachtetes Bayreuth-Debüt 1924 eher ins Anekdotische ummünzte, weist die Autorin anhand von vielen Zeitzeugnissen nach, dass es nicht nur an der unbefriedigenden Solistenbesetzung lag, warum er sich 1925 und 1933 schweren Herzens Absagen an seinem Sehnsuchtsort abrang. Der nach Stationen in Aachen und Stuttgart als Generalmusikdirektor der Dresdener Semperoper arrivierte Busch war im Vorfeld der Meistersinger-Aufführung bei den ersten Nachkriegsfestspielen 1924 noch so "glücklich, einer Sache einmal ungeteilt dienen zu können", dass er in seinen Briefen und Erinnerungen nicht auf die Unheil verkündenden Begleiterscheinungen einging.

Dabei war sein Festspielengagement durchaus außergewöhnlich. "Der Wiederbeginn der Festspiele nach dem 1. Weltkrieg im Jahre 1924", schreibt Egon Voss in dem Standardwerk Die Dirigenten der Bayreuther Festspiele, "setzte insofern ein Zeichen, als mit Fritz Busch zum ersten Male ein Dirigent verpflichtet wurde, der allein durch die allgemeine Anerkennung, die er genoß, und seine Wagner-Aufführungen außerhalb Bayreuths legitimiert war, nicht aber durch besondere Beziehungen zu den Festspielen, zu Haus Wahnfried oder zu Geist und Buchstabe des Bayreuther Stils."

Als Hüter der Bayreuther Tradition war denn auch der noch von Cosima Wagner als oberste Instanz engagierte Festspieldirigent Karl Muck ganz bestimmt kein Freund des Hügel-Neulings. "Mit Busch", schrieb er in einem Brief an den Bayreuther Verwaltungsrat Franz Wilhelm Schuler, "hatte ich leider eine peinliche Correspondenz. Er ist ein grössenwahnsinniger, als Dirigent (gerade der Rich. Wagner'schen Werke!!) sehr mit Vorsicht zu geniessender, dabei ganz ungebildeter Mensch." Was sich ihm denn auch dadurch bestätigte, als Busch Vorschläge zur Sänger- und Orchesterbesetzung machte, Kritik übte, Änderungen in der Sitzordnung vornahm und sein erneutes Engagement von der Erfüllung seiner Wünsche abhängig machte.

Busch war, wie auch sein Porträt des offiziellen Festspielfotografen zeigt, ein selbstbewusster und entschlossener Mitdreißiger, der nach harten Jahren im Opernalltag die Bayreuther Probenzeit zu nutzten wusste: "Wie war ich glücklich", schrieb er unter anderem rückblickend noch 1930 in einem Brief an den Dresdener Musikkritiker Karl Schönewolf, "als ich zwei Monate lang meinen ganzen Menschen auf die Meistersinger concentrieren konnte! Stellen Sie sich vor: 80 Klavierproben habe ich allein mit den Solisten abhalten können! Dann kann in der Prügelszene wirklich jeder Einsatz kommen - und das machte natürlich einen Unterschied."

Bei derlei Freude über die realen Arbeitsbedingungen wollte er die unheilverkündenden Begleiterscheinung der ersten Festspiele nach dem Weltkrieg zumindest nach außen hin zunächst übersehen. Der revanchistische General und Hitlerfreund Erich Ludendorff, der Erfinder der Dolchstoßlegende, war bei den Generalproben Ehrengast der Festspielleitung. Auf dem Festspielhaus wehte die alte Reichsfahne, und bei der Premiere stand das überwiegend völkisch orientierte Publikum nach Hans Sachsens Schlussansprache auf und sang das Deutschlandlied. Was Festspielleiter Siegfried Wagner bekanntlich zu einem Aushang animierte, den 1951 auch seine Söhne Wieland und Wolfgang Wagner wieder ins (verharmlosende Polit-)Spiel brachten.

Als Busch sein Folge-Engagement für 1925 kurzfristig absagte, wurde er von Karl Muck der Gaunerei beschuldigt: "Das ist doch ein jämmerlicher, gewissenloser Lausejunge! Drei Wochen vor Beginn der Proben - wegen ‚Nerven‘! Dieser krasse Materialist hat doch nie Nerven besessen, so wenig wie Gehirn und Herz; ein Musikanten-Analphabet; ... und ein lebendiges Beispiel, dafür, wie tief das deutsche Theater und die deutsche Musik in den Dreck geraten sind. Hol‘ ihn der Teufel!"

Siegfried Wagner verteidigte Muck - nicht nur, weil der "aus einer anderen Epoche, aus der Wagner-Liszt-Schule kam, die keine Konzessionen kannte, die nur das ein Ziel im Auge hatte: das Kunstwerk selbst und das Dienen einer großen Sache. Für ihn wie für mich und einige andere ist ‚Bayreuth‘ nicht bloß ‚Aufführungen‘, sondern ein Bekenntnis, doppelt notwendig in einer Zeit, wo der Kulturbolschewismus alle Traditionen, allen Sinn für Stil zu Grunde zu richten droht."

Anhand vieler Zitate wird in Berufung und Verzicht deutlich, mit was für üblen Antisemiten, Rassisten und Nazis Fritz Busch es nicht nur in Bayreuth, sondern natürlich auch in Dresden zu tun hatte. Wenn man die Details seiner Festspielengagements und -Absagen sowie seiner Vertreibung aus der Semperoper erfährt, kann man nicht umhin, ihn für seine Geradlinigkeit noch mehr zu bewundern. Zwar versuchte er zunächst, auch in Berlin seine "Ehrenrettung" zu betreiben. Aber als Göring ihn nach Berlin berufen wollte, sagte Busch, dass er keinem jüdischen Kollegen - gemeint war damit Leo Blech, der bis 1937 bleiben konnte - den Platz wegnehmen würde. Worauf Göring drohte, er könne ihn dazu zwingen, was Busch wie folgt konterte: "An einem erzwungenen Tannhäuser unter meiner Leitung werden Sie keine Freude haben. So etwas Stinklangweiliges haben Sie in Ihrem Leben noch nicht gehört."

"Eine Arbeit", schrieb er später, "die im Geringsten eine Unterstützung der totalitären Barbarei bedeutete, kam nicht in Frage." Ihm wurde klar, dass seine "vermeintlich geschändete Ehre nichts bedeutet gegen die ‚wahre Schande‘, dem Bösen zu dienen." Das akribisch recherchierte, nur in ein paar Bildlegenden ungenaue Buch ersetzt mit seinem starken Wagnerfokus zwar keine Busch-Biografie, macht aber immer wieder deutlich, dass die umfassende Aufarbeitung der braunen Vergangenheit am Grünen Hügel und der Jahre bis zur Wiedereröffnung 1951 noch lange nicht abgeschlossen ist. Und sie lässt einen bedauern, dass es von Fritz Buschs Wagner-Aufführungen fast ausnahmslos nur unzureichende Gelegenheitsmitschnitte gibt.

Busch starb am 14. September 1951 in London. Erst 1990 hat die Sächsische Staatsoper Dresden ihren ehemaligen Generalmusikdirektor, der von 1922 an dort wirkte, bis ihn 1933 die Nazis lautstark mobbten, posthum zum Ehrenmitglied ernannt und später auch einen Preis nach ihm benannt. Ein Lebensmotto von ihm lautete: "Es ist noch wichtiger sich anständig zu benehmen, als gute Musik zu machen."