Bayreuth
Mein Wagner-Jahr

Einer für ein "neues Bayreuth"

Was Quentin Tarantino und Christoph Waltz mit Wagner, den Festspielen und der Uraufführung des "Wahnfried"-Stücks in Meiningen verbindet.
Quentin Tarantino (links) als Erneuerer der Bayreuther Festspiele? Christoph Waltz wäre begeistert. Foto: Britta Pedersen/dpa
Quentin Tarantino (links) als Erneuerer der Bayreuther Festspiele? Christoph Waltz wäre begeistert. Foto: Britta Pedersen/dpa
Er blickt in den Saal", schreibt Cosima Wagner am 15. Januar 1879 in ihr Tagebuch, "und sagt: ‚Hier(hin) will ich getragen werden, wenn ich sterbe', - ich werfe ihm den Singular vor, er: ‚Am besten ist es, wenn man nichts davon merkt, und doch wiederum, im hohen Alter muss es schön sein, mit dem vollen Bewusstsein zu sterben.'" Und dann prophezeit Wagner, der auch in der Nacht zuvor Brustbeklemmungen hatte, dass sie beide noch Fidi's, also Siegfrieds Kinder erleben würden. Zumindest was Cosima betrifft, hatte er Recht.

Aus derlei kleinen Tagebuch-Episoden ist das gerade erst uraufgeführte "Wahnfried"-Stück von Reinhard Baumgart gebaut, das ursprünglich ein (Dreh-)Buch für den gleichnamigen TV- und Kinofilm war. Mehrfach sieht man das "hohe Paar" auf einer imaginären Parkbank mit Blick auf die eigene Gruft im Wahnfried-Garten sitzen und über den eigenen, gemeinsamen Tod sinnieren. Der Premiere am Freitag in Meiningen gaben übrigens zwei Eheleute die Ehre, die aktuell als das grandseigneurale Wagner-Paar gelten könnten, wenn sie nicht ihre ureigene Künstleridentität hätten: der Dramatiker Tankred Dorst und seine Frau und Mitarbeiterin Ursula Ehler, die bei den Festspielen 2006 bis 2010 die "Ring"-Tetralogie inszenierten.

Im bereits erwähnten, auf DVD vorliegenden "Wahnfried"-Film von Peter Patzak aus dem Jahr 1987 spielen Otto Sander und Tatja Seibt die Hauptrollen - und als Friedrich Nietzsche ist Christoph Waltz zu sehen, der die Feuilletons gerade mit dem neuesten Regievorschlag für Bayreuth elektrisiert hat. Der inzwischen 56-jährige Oscar-Preisträger Waltz hat Kult-Regisseur Quentin Tarantino (49) als Erneuerer für die Wagner-Festspiele in Bayreuth ins Gespräch gebracht. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Focus sagte er: "Quentin wäre jemand für ein neues Bayreuth, absolut. Aber er müsste sein eigenes Bayreuth schaffen."

Opern-Liebhaber Waltz hatte Tarantino vor den Dreharbeiten zu "Django Unchained" in Los Angeles in eine "Rheingold"-Aufführung mitgenommen: "Er hat jedenfalls plötzlich eine Analogie entdeckt, die mir als solche gar nicht so deutlich aufgefallen wäre", so Waltz. In dem Filmregisseur, dem er mit "Inglourious Basterds" den internationalen Durchbruch verdankt, sieht Waltz eine Art Gesamtkünstler im Wagnerschen Sinn: "Es findet zwar nicht auf einer Theaterbühne, sondern auf einer Filmleinwand statt, ist aber durchaus als Gesamtkunstwerk zu verstehen - möglicherweise postmoderner Art."

Der neue Tarantino-Film ist ein Western und Sklavendrama, läuft diese Woche auch in unseren Kinos an und ist bereits mit zwei Golden Globes dekoriert: fürs beste Drehbuch und für Waltz als besten Schauspieler in einer Nebenrolle. Damit sich der Kreis schließt, gebe ich Letzterem gerne ein Nietzsche-Zitat zur Hand, das hoffentlich nicht nur ein frommer Wunsch bleiben möge. Ende Februar 1873 schrieb der Professor aus Basel an Malwida von Meysenbug in Florenz: "Irgendwann sitzen wir alle in Bayreuth zusammen und begreifen gar nicht mehr, wie man es anderswo aushalten konnte."

Gerne sei noch ergänzt, dass Christoph Waltz nicht der Erste war, der auf die Idee gekommen ist, dass Quentin Tarantino für Bayreuth geeignet wäre. Im Jahr 2009 stand am Ende meiner Kritik zur "Siegfried"-Wiederaufnahme zu lesen: "Wer im Jubiläumsjahr 2013 den ‚Ring' inszeniert, ist noch offen. Vorgestern soll Katharina Wagner wegen eines wichtigen Vertrags in Berlin gewesen sein. Ist es am Ende gar Quentin Tarantino, der eine neue Sicht und Glamour nach Bayreuth bringen könnte?" Ein Kollege aus Köln sorgte für die Weiterverbreitung, kurz darauf dementierte Pressesprecher Peter Emmerich über die Deutsche Presse-Agentur. Heute wissen wir, dass es damals um Frank Castorf gegangen sein könnte. Aber Tarantino, mutmaße ich nach wie vor, könnte auch für 2020 in Bayreuth in Frage kommen, für den übernächsten "Ring".

Ob ich das noch erleben darf? Mein Mann und ich sitzen zwar auch zuweilen auf unserer Gartenbank, denken dort aber nicht ans Sterben. Das passiert mir eher in meinem Arbeitszimmer, am Computer, beim Stöbern für mein Wagnerjahr-Tagebuch. Voilà: Heute vor 238 Jahren verblich der Mailänder Kirchenmusiker und Komponist Giovanni Battista Sammartini. Am Mailänder Konservatorium durfte schon als 13-Jähriger Gian Carlo Menotti studieren, dessen Oper "Vanessa" am 15. Januar 1958 an der New Yorker Met uraufgeführt wurde. Das wichtigste Geburtstagskind ist der heute vor 99 Jahren in München geborene Regisseur Oscar Fritz Schuh, der, wenn meine Recherchen stimmen, nur zweimal Wagner inszenierte, dafür aber in Salzburg und Wien mit seinen Mozart-Arbeiten Maßstäbe setzte.