Dresden
Mein Wagner-Jahr

Eine Frau mit Herz, Verstand und viel Takt

Heute vor 147 Jahren starb in Dresden Wagners erste Ehefrau, die Schauspielerin Minna Wagner. Sie ging mit ihm durch fast alle denkbaren Höhen und Tiefen.
Minna Wagner mit Hund Peps auf einem Aquarell von Clementine Stockar-Escher aus dem Jahr 1853. Vorlage: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth
Minna Wagner mit Hund Peps auf einem Aquarell von Clementine Stockar-Escher aus dem Jahr 1853. Vorlage: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth
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Als Minna Wagner am 25. Januar 1866 im Alter von 53 Jahren starb, war sie zwar auf dem Papier immer noch die erste Frau Richard Wagners. Aber ihr Gatte hatte - nach vielen Affären in fast dreißig Ehejahren - zu diesem Zeitpunkt aus seiner Liaison mit Cosima von Bülow, seiner künftigen zweiten Frau, bereits eine neunmonatige Tochter. Dass das Leben an der Seite des rast- und zumeist auch mittellosen Dirigenten und Komponisten die ursprünglich eigenständige und selbstbewusste Minna krank gemacht hatte, steht außer Zweifel.

Als Wagner Minna Planer, die Tochter eines Mechanikers und Stabstrompeters, Juli 1834 in Bad Lauchstädt kennenlernte, war sie Schauspielerin der dort gastierenden Theatertruppe und hatte bereits eine zehnjährige Tochter, die sie zeitlebens als ihre jüngere Schwester Natalie ausgab. Der 21-jährige Kapellmeister verliebte sich Hals über Kopf in die um vier Jahre ältere
Künstlerin. Es war von Anfang an, mit allen Wonnen, Eifersuchtsszenen und Krächen, eine komplizierte Beziehung. Sie heirateten 1936 in Königsberg, im Jahr darauf brannte Minna mehrfach mit einem anderem durch, erlag immer wieder Wagners Überredungskünsten, verlor auf der lebensgefährlichen Flucht aus Riga das gemeinsame Kind, das sie erwartete, und blieb fortan unfruchtbar.

Die ständigen Orts- und Wohnungswechsel zehrten an ihren Nerven und an ihrer Gesundheit. "Verzeihung, liebes Mienel,/ Ich flöhe dich darum,/ Du bist mein gutes Bienel,/ Nun aber nicht mehr brumm!", reimte Wagner in einem mit einer Selbstkarikatur versehenen Entschuldigungsbrief. Als er in Dresden mit dem "Rienzi" endlich Erfolg und ab 1843 ein festes Auskommen als Hofkapellmeister hatte, schien das Leben endlich auf geordneten Bahnen. Doch es kam anders, nicht zuletzt, weil ihr größenwahnsinniger und luxusbedürftiger Mann endlos Schulden machte, 1849 mit auf die Barrikaden ging, steckbrieflich gesucht wurde und ins schweizerische Exil fliehen musste.

Die "verdammte Politik", schrieb Minna 1858 rückblickend, "hätte mich ja beinahe ganz auseinander mit meinem Knübeltopf von Mann gebracht." Nicht umsonst hatte sie dem Papagei Knackerchen den Satz "Richard Wagner ist ein böser Mann" beigebracht und stellte unter anderem hellsichtig fest, dass all seine Probleme deshalb entstünden, "da Du Dich durchaus nicht nach der Welt, wie sie nun einmal ist, frägst, sondern forderst, dass die ganze Welt sich nach Dir richtet und bilden soll."

"Hat ein genialer Mann", rief sie schon im Mai 1850 aus, "das Recht, auch ein Schuft zu sein?" Dass es ihr an künstlerischem Verständnis gefehlt haben soll, ist allerdings eine Mär, die von der lange männlich dominierten Wagner-Literatur und -Forschung nur zu gerne wiedergekäut wurde. Schon indem Wagner seine Autobiografie Cosima in die Feder diktierte und einen Großteil seines Briefwechsels mit Minna vernichtete, schuf er ein Bild von seiner ersten Frau, das durchaus nicht den Gegebenheiten entsprach. Erst die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger hat 2004 mit dem im Patmos Verlag erschienenen Buch "Minna und Richard Wagner. Stationen einer Liebe" eine Doppelbiografie vorgelegt, die Minna ohne Klischees und Vorurteile als das zeigt, was Richard brauchte: "Eine Frau mit Herz, Verstand und viel Takt, die ihm in der strengsten Entbehrung beistand".

Immerhin kümmerte er sich auch nach der Trennung stets um ihren Unterhalt, selbst wenn ihm die Schulden wieder einmal über den Kopf wuchsen. Anfang November 1862 sahen sie sich zum letzten Mal. Als Minna 1866 in Dresden an einer akuten Lungenembolie starb, war Wagner gerade wieder auf der Suche nach einem neuen Wohnsitz in Marseille und konnte deshalb nicht zu ihrem Begräbnis kommen. Seinem Dresdner Freund Anton Pusinelli schrieb er: "Ich nehme an, dass Eure freundliche Fürsorge der Leiche meiner unglücklichen armen Frau in meinem Namen dieselbe Ehre erzeigen liess, die ich ihr erzeigt haben würde, wenn sie glücklich an der Seite des von ihr beglückten Gemahles dahingeschieden wäre."

Vier Tage später ließ Wagner bei Genf seinen ebenfalls gestorbenen und schon verscharrten Hund Pohl wieder ausgraben, wickelte ihn in seinen Lieblingsteppich und begrub ihn mit Blick auf den See. Da bleibt mir übergangslos nur noch, an die Uraufführung der "Elektra" von Richard Strauss am 25. Januar 1909 in Dresden zu erinnern - und daran, dass heute vor 17 Jahren die brillante Opern- und Wagnerregisseurin und gebürtige Dresdnerin Ruth Berghaus gestorben ist.