Zapfendorf
Frankenblog

Eine Ära geht zu Ende

Heute mache ich mal, was ich auch in meiner Freizeit am liebsten mache: auf stilvolle Weise Traurigkeit ausdrücken. Denn am Samstag schließt die einzige Gotendisko der Region - die nicht nur deshalb etwas Besonderes ist, weil sie die Hauptbedingung dafür war, dass ich hier bin.
Es ist inkorrekt und doch ist es wahr: Nach Samstag wird es das Top Act in Zapfendorf nicht mehr geben.  Fotos: Matthias Hoch
Es ist inkorrekt und doch ist es wahr: Nach Samstag wird es das Top Act in Zapfendorf nicht mehr geben. Fotos: Matthias Hoch
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Da, wo ich herkomme, gibt es Gotenmusik nur in Großraumdiskos. Vielleicht ist das gar nicht mal so schlecht, zeugt es doch immerhin davon, dass es genügend Goten (so heißen Gruftis in meiner Generation) gibt, die hingehen.

Stilvoll ist es keinesfalls. Und gesehen wird man auch nur bedingt - schließlich wackeln noch 500 andere schwarz angezogene Menschen um einen herum. Also gibt man sich bei den schwarzen Rüschen und den schwarzen Augenlidern und den schwarzen Schmetterlingen im Haar nur Semi-Mühe. Das müssen Sie wissen, um zu verstehen, was das Top Act in Zapfendorf zu etwas Besonderem gemacht hat.

Das Top Act war legendär - sogar in Baden-Württemberg


Und lange Jahre zu DEM Kult-Club in Süddeutschland: Alle großen Bands waren mal da - sagt das Gerücht. Sogar Asp - sagt unser Archiv. Vom Top Act hatte sogar ich im fernen Baden-Württemberg schon gehört und es war auch ausschlaggebend dafür, dass ich hierher gezogen bin: Ein bestimmter Klamottenladen und eine gute Gotendisko, das waren die Bedingungen für meinen zukünftigen Arbeitsort. Dass das Top Act jetzt zumacht, ist deshalb ein besonders großer Skandal, weil auch der Klamottenladen mittlerweile geschlossen hat. Frechheit!

Was mich aber noch mehr beeindruckt, als der Glanz früherer Jahre, ist etwas Anderes: Das Top Act liegt mitten in einem 5000-Einwohner-Ort. Und das ist unglaublich cool! Ich weiß noch, wie ich das erste Mal zwischen den riesigen Fabriken am Ortsrand gesucht habe, irgendwann doch meinem Navi glaubte, schließlich vor einem Gasthaus in der Ortsmitte stand - und mich fragte, warum hier nicht der Aufstand tobt. Denn ernsthaft: Schwaben würden jedes Wochenende mit einem Besen (oder einem "Bätscher" - das ist ein Teppichklopfer) vor ihrer Haustüre warten und jeden Goten verjagen, der sich auch nur in die Nähe ihres Ortskerns traut.

Die Zapfendorfer waren skeptisch, aber nur am Anfang


Gut, vielleicht nicht mehr nach 16 Jahren. Aber sie scheinen auch früher nicht so radikal gewesen zu sein, sagt Top-Act-Betreiber Ulrich Herwig: "Da gab es schon viel, die spontan die Straßenseite gewechselt haben, wenn samstags wieder die schwarzen Gestalten über den Gehsteig schlichen. Aber nachdem die Zapfendorfer gemerkt hatten, dass nach Jahren immer noch kein Kind verschwunden und auch der Friedhof nicht geschändet war, mussten sie sich eingestehen, dass es seit Jahrzehnten nicht mehr so ruhig und friedlich an den Wochenenden war: Es gab keine Schlägereien, Schreiereien oder Pöbeleien mehr." Wie sinnvoll wir Goten doch sein können!

Aber damit ist es jetzt vorbei: Die Szene sei heute zu differenziert, um noch genügend Gäste ansprechen zu können, nach 16 Jahren lohne es sich einfach nicht mehr, erklärt Ulrich Herwig die Schließung. Dabei war das Top Act, dessen Räumlichkeiten der 43-Jährige 1996 vom Vorpächter übernommen hatte, damals der erste rein schwarze Club in der Region. Der zudem noch eine perfekte Autobahnanbindung hatte - nicht nur die fränkischen Goten waren begeistert: "Die Gäste kamen von überall her, teilweise selbst aus der Schweiz und Österreich."

Am Schluss kommen die Gäste wieder von weit her


Jetzt, am Schluss, ist es wieder ein bisschen wie früher: Die Gäste kommen aus Sonneberg, Tauberbischofsheim und Karlsruhe, um den Untergang zu tanzen. Und haben sich sowohl mit den Rüschen, als auch den Augenlidern und dazu noch den Schmetterlingen wirklich viel Mühe gegeben. Viel mehr Mühe, als ich Großraumdisko-Sozialisierte mir je geben würde. Es ist wunderschön. Und traurig. "Mein Lebenstraum geht damit zu Ende", sagt Ulrich Herwig.

Mein Nahe-Gotendisko-Traum auch (wobei ich das natürlich nicht auf eine Stufe stellen will): Die nächsten Clubs sind in Nürnberg. Und nicht so kultig. Und auch nicht mitten im Ort. Und irgendwie ist das alles nicht fair. Aber weil ein solches Gejammere nicht stilvoll ist und ich eigentlich nur viel zu kurz Teil der Top-Act-Fangemeinde war, überlasse ich das Schlusswort dem Grufti, der das Top Act groß gemacht hat und auch den Untergang noch mit schwarzer Würde trägt:

Danke an alle, die unsere unbändige Liebe für GOTHIC in ALL seinen Formen und Farben so lange geteilt haben und nun zu einem so würdigen Abschluss begleitet haben! Wer weiß, vielleicht sieht man/frau sich ja irgendwann, irgendwo einmal wieder bei einer Obscuren Nacht...