Bamberg
Plattensammeln

Ein Riesenhaufen Schrott

Der heutige Record Store Day weckt in mir wehmütige Erinnerungen. Aber auch ein bisschen Reue und Wut über so viel verschwendete Zeit - und Geld. Denn Rockmusik ist einfach ästhetisch minderwertig.
Der Autor mit drei recht seltenen Platten: Clear Light, Pearls Before Swine und Monks Foto: Matthias Hoch
Der Autor mit drei recht seltenen Platten: Clear Light, Pearls Before Swine und Monks Foto: Matthias Hoch
Sammler sind komische Leute. Irgendwie analfixiert und aufs Horten aus, würde Dr. Freud wohl diagnostizieren, von dem ich nichts, aber auch schon gar nichts halte. Kontaktscheu, introvertiert und eigenbrötlerisch - da könnte schon ein bisschen was dran sein. Philipp Blom hat vor ein paar Jahren ein schönes Buch in der Anderen Bibliothek veröffentlicht: "Sammelwunder, Sammelwahn. Szenen aus der Geschichte einer Leidenschaft." Wie dem auch sei, auch ich habe es getan und tue es noch. Aber nur noch in Maßen. Und Schallplatten (also Vinyl) horte ich so gut wie gar nicht mehr. CDs schon, Digitalisiertes überhaupt nicht. Wie kam's dazu?
Erst relativ spät kaufte ich einen eigenen Dual-Plattenspieler. Da hatte ich mich qua Rock-Lexikon (von Siegfried Schmidt-Joos und Barry Graves, verdienstvollste Arbeit seinerzeit, Ende 1973), das ich halb auswendig konnte, schon tief eingearbeitet in die Geschichte der populären Musik - sprich Rock, damals hieß das noch so, "Pop" verachteten wir zutiefst. Es gab ja kaum etwas Seriöses zu lesen, der Rowohlt-Verlag war Vorreiter, die englische Musikpresse (Melody Maker, New Musical Express) zwar zugänglich, doch mühselig. Kurz, meine erste Platte war Allman Brothers Band: Live At Fillmore East, 1971 erschienen, ein schönes Doppelalbum, das ich heute noch für eines der besten traditioneller Rockmusik halte. Tags darauf folgte Doors, Absolutely Live - heute sind viel bessere Live-Aufnahmen zu haben. Die Woche darauf Al Kooper, Stephen Stills, Supersession, und die Doppel-Live-LP der walisischen Band Man. Alles Scheiben, für die ich mich auch heute nicht zu schämen brauche.
Und so ging's weiter. Relativ bald ging mir auf, dass die gute, interessante, außergewöhnliche (Rock-)Musik im zumal Provinz-Plattenladen schwer zu haben war. Auch damals schon gab's Versender (Govi, am besten "Flash") - ja, wenn man nur Geld gehabt hätte! Beutezüge nach Nürnberg waren schön, aber wegen begrenzter Finanzen mit dürftigem Ergebnis. Gelesen hatte man nahezu alles, was damals einschlägig auf dem Markt war, und war neugierig auf etliche Bands. Dann begann das Wühlen in Krabbelkisten mit sog. Cut-Outs, ausgemusterten, verramschten Platten. Da war manchmal ein schöner Fang zu machen. Den Flash, in so einer Kiste eine lang gesuchte Rarität zu finden, kann ein Nicht-Sammler kaum nachvollziehen. In Internet-Zeiten ist eigentlich alles zu haben, kommt nur auf den Preis an, und das nimmt dem Sammeln viel von seinem Reiz. Spezialgeschäfte gab's in Nürnberg (neben dem Head Shop bezeichnenderweise) oder Mannheim, wo man so etwas wie "Catfish" oder Kaleidoscope, Side Trips bekommen konnte. Über Catfish hat Helmut Salzinger in "Rock Power oder Wie musikalisch ist die Revolution" so schön geschrieben. Meine Interessen: Westcoast, Blues, alles Ungewöhnliche. Im Bamberger Collibri-Laden hatte Wolfgang Stephan eine wunderbare Auswahl schräger Scheiben. Schnell wurde auch klar: Das Gute verkauft sich meistens schlecht und verschwindet wieder vom Markt. Der Massengeschmack war, ist und wird in alle Ewigkeit schlecht sein. Ausnahmen bestätigen die Regel. Die frühen Stones, die ersten Led Zeppelin sind gut. Als Pink Floyd kommerziell so richtig durchstarteten, hatten sie ihre beste Zeit hinter sich.
Mit dem Berufsstart fing das Plattensammeln so richtig an. Auktionen, Messen, Geschäfte. Und der Frust wuchs. Meist war das Exemplar in einem schlechteren Zustand, als vom Verkäufer angegeben. Die CD kam auf, und vieles wurde wiederveröffentlicht. Denn auf die Musik kam's mir an. (Freilich will ich Angaben zu Musikern usw. haben, und Cover Art ist auch was Schönes.) Als ich z.B. ein zerkratztes Exemplar der "United States of America" erhielt (kennt die heute noch jemand? Schönster 68er verrückter Experimental-Rock), reichte es mir so ziemlich. Das Interessantere an New Wave war dazugekommen, Avantgarde sowieso. Recommended Records sei Dank!
Anfang der Neunziger kaufte ich zwar noch viele CDs, gab aber das explizite Sammeln auf. Es wächst einem auch über den Kopf und IST ES NICHT WERT! Jawohl, Rock- und Popmusik ist zu 95 Prozent, vielleicht auch nur 92 Prozent Schrott. Sie mag ihre außermusikalische Bedeutung haben, und ich höre manches immer noch ganz gern. Aber ich habe im Laufe der Jahrzehnte analytisches Hören gelernt, und da fällt mir doch auf, wie simpel das gestrickt ist. Dem Immergleichen muss ich nicht hinterherjagen (nur ein Beispiel: Die Schwelltöne, die man oft bei Pink Floyd hört, sind von Wagner abgekupfert). Es gibt so viel Aufregenderes: Zurzeit entdecke ich die große Zeit des Jazz in den 50er und 60er Jahren: Gegen eine Komposition von Charles Mingus können alle Rocksongs einpacken. Und wenn's ums Fetzen geht: Hört mal rein in seine "Blues and Roots" von 1959 (!). Von der Klassik ganz zu schweigen. Klar hat sie ein verschnarchtes Image, und ihre Todsünde ist, sich noch mit jedem Machthaber ins Bett zu legen. Dafür kann aber die Musik nichts, und z.B. die Vierte Symphonie von Schostakowitsch ist so aufregend, dass ich dafür meine - sehr bescheidene - Vinyl-LP-Sammlung von ca. 800 Stück hergeben würde. Vielleicht aber lieber doch nicht.