Bayreuth
Mein Wagner-Jahr

Ein letzter Seufzer aus Venedig

Daniela von Bülow beendete mit einigen Erinnerungen an die letzten Tage Richard Wagners in Venedig das Tagebuch ihrer Mutter Cosima.
Als Wagner zum letzten Mal auf einer Gondel die Seufzerbrücke passierte, ärgerte er sich über eine Tierquälerei in Siam. Foto: Karlheinz Beer
Als Wagner zum letzten Mal auf einer Gondel die Seufzerbrücke passierte, ärgerte er sich über eine Tierquälerei in Siam. Foto: Karlheinz Beer
Richard Wagners letztes schriftliches Zeugnis sind seine Notizen vom 13. Februar 1883. Er arbeitete an dem Aufsatz "Über das Weibliche im Menschlichen" und hatte gerade geschrieben "Gleichwohl geht der Prozess der Emanzipation des Weibes nur unter ekstatischen Zuckungen vor sich. Liebe - Tragik", als er den tödlichen Herzanfall erlitt. Cosima Wagners letzter Eintrag im Tagebuch datiert vom 12. Februar 1883, doch damit sind die Eintragungen in dem Quartheft noch nicht zu Ende. Ihre älteste Tochter Daniela von Bülow, die auch ihren Stiefvater Papa nannte, schrieb einen undatierten Nachtrag.

Die damals 22-Jährige notierte unter anderem Wagners Bemerkungen zu seinen letzten Lektüre-Erfahrungen, zur Tagespolitik und zu seinen Träumen. "Bei dem letzten Tisch und auch den letzten Abend sagte er: Das Beste, was einem widerfahren könne, sei ein Exil nach Ceylon, die kurzen Tage drückten ihn, es schien ihm, als ob es ein ewiger Winter wäre; zu Joukowsky sagte er: ‚Sie haben gelacht, wie ich gesagt habe, ich bin der unglücklichste Mensch, dass ich mein schönes Haus mit solch einem S.-Klima gebaut habe, doch ist es so.‘

"S.-Klima?" Natürlich kann man jetzt nur spekulieren, ob Wagner nur vom Sauwetter in Bayreuth gesprochen hat - oder deftiger. Wie auch immer: Die in aristokratischer Strenge erzogene Daniela hat sich offenbar gescheut, ihren Papa in dem Zusammenhang wortwörtlich zu zitieren. Dass das Klima in Oberfranken ihm viel zu ungemütlich kalt und nass war, beschäftigte Wagner auch in Venedig: "Mit Mama erwog er, wie wenig die Stadt Bayreuth ihm geboten, trotzdem sie beide Versuche nach allen Seiten getan, er könne sich kaum vorstellen, dass Siegfried ganz dort aushalten wird, so sei er am Schluss noch immer wie im Neubeginn; doch mutete ihn ein Bildchen aus der Braunschweiger Umgebung sehr an; wenn nur das Wetter besser wäre."

Am letzten Sonntagabend seines Lebens schien er in Weltabschiedsstimmung: "An dem Abend allein mit Mama, wie er sich an das Klavier setzte, sagte er: ‚Das Ewige im Weiblichen‘ sollte seine letzte Arbeit sein, vielleicht höchstens noch über italienische Kirchenmusik und deutsche Militärmusik. Bei einer der letzten Fahrten nach der Piazzetta, wie die Gondel umbog nach dem Kanal der Seufzerbrücke, erzählte Papa der Mama von einem Elefanten in Siam, der, zu einem Festaufzug dienend, plötzlich wahnsinnig geworden wäre und einiges Unheil angerichtet, worauf aber die Menschen das unschuldige Tier geblendet in der scheußlichsten Weise und sonst zu Tode gemartert hätten, wobei Papa sich in Betrachtungen über die erbärmliche Torheit und Schlechtigkeit erging.

Womit auch Danielas Nachtrag endete. Aus den vorangegangen Passagen muss allerdings noch der Scherz erwähnt werden, "den er im Verlauf des Januars beim Anziehen mit Georg machte und den er Mama bei einer Gondelfahrt erzählte: ‚Was ist der Unterschied zwischen der Flanelljacke und einem Baum; der eine wächst in die Länge und die andere in die Kürze.‘ Mit dem Stichwort Baum sei übergeleitet zum 19. Februar 1932 und der Geburt von Jean-Pierre Ponnelle, der bis zu seinem frühen Tod 1988 einer der bedeutendsten Opernregisseure seiner Zeit und ein innovativer Bühnen- und Kostümbildner war. Vielen unvergessen ist seine "Tristan"-Inszenierung, die mit ihrem ausladend riesigen Baum von 1981 bis 1987 bei den Bayreuther Festspielen zu erleben war und auch aufgezeichnet wurde.