Bayreuth
Mein Wagner-Jahr

Ein bisschen schwanger ist zu wenig für Bayreuth

Der Dortmunder "Parsifal" unter Thomas Hengelbrock hat einiges mit den Festspielen zu tun - und mit den dort regierenden Wagner-Schwestern.
Beim "Parsifal"-Schlussbeifall im Konzerthaus Dortmund in der Mitte links Dirigent Thomas Hengelbrock und die Solisten, das Balthasar-Neumann-Ensemble sowie ein Teil der auf der Orgelempore positionierten Chöre Foto: Beer
Beim "Parsifal"-Schlussbeifall im Konzerthaus Dortmund in der Mitte links Dirigent Thomas Hengelbrock und die Solisten, das Balthasar-Neumann-Ensemble sowie ein Teil der auf der Orgelempore positionierten Chöre Foto: Beer
Was für ein denkwürdiges Ereignis der konzertante "Parsifal" am Sonntag in Dortmund war, ging mir auf der durch viele Staus unfreiwillig langen Heimfahrt durch den Kopf. Und plötzlich wurde mir klar, dass und wie viel diese außergewöhnliche Produktion letztlich mit Bayreuth zu tun hat.

Dirigent Thomas Hengelbrock hat das "Parsifal"-Projekt vor vier Jahren in Angriff genommen, das heißt, er beschäftigte sich bereits vor seinem glücklosen Bayreuth-Debüt mit "Tannhäuser" auch intensiv mit den Vorbereitungen und Planungen zu Wagners Bühnenweihfestspiel. Das erklärt vielleicht die große Frustration, die er im Festspielhaus erlebt haben muss. Denn Festspielleiterinnen Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner hatten ihn zwar engagiert, ließen ihn, den Fachmann für historische Aufführungspraxis, aber von vornherein nicht das konsequent machen, wofür er zu Recht bekannt und berühmt geworden ist. Angeblich sind ihm nicht einmal zwei zusätzliche alte Blechblasinstrumente zugestanden worden.

Dass die Musiker des Festspielorchesters mit ihren modernen Instrumenten tatsächlich etwas anders spielten als sonst, ging im Trubel um die peinlich missratene Inszenierung Sebastian Baumgartens fast völlig unter. Als Hengelbrock auch noch unzureichende Probenbedingungen kritisierte, war abzusehen, dass es um die Verlängerung seines Bayreuth-Engagements nicht gut stehen würde.

Der Kritiker Joachim Mischke bringt das in seiner "Parsifal"-Kritik im "Hamburger Abendblatt" unter anderem wie folgt zur Sprache: "Für den musikästhetischen Schätzgräber Hengelbrock ist es wohl auch ein heilsames Trostpflaster für die nur schwer verheilende Ego-Wunde, die ihm 2011 nach seinem Debüt-"Tannhäuser" - mutig gegen den Strich gebürstet - durch die Verbannung aus dem Wagnerianer-Paradies Bayreuth zugefügt wurde. Na bitte, geht doch, signalisiert diese Überzeugungsarbeit der Gemeinde. Man kann also auch andernorts anders, um Wagners Visionen wirklich visionär erscheinen zu lassen. Der Grüne Hügel muss nicht mehr Maß aller Dinge sein, hieße das außerdem. (...) Eine klare Ansage nicht zuletzt auch an die Bayreuther Chefinnen-Etage, denen der Vorfahr mit dem Barett bekanntlich ‚Kinder, schafft Neues!' ins Stammbuch geschrieben hatte."

Aber die hatten ihren "Tannhäuser"-Dirigenten ja von vornherein darauf verpflichtet, was die historische Aufführungspraxis betrifft, gewissermaßen nur ein bisschen schwanger zu sein! Während die Intendanten des Konzerthauses Dortmund, der Essener Philharmonie und des Teatro Real in Madrid, die das "Parsifal"-Projekt initiiert und gemeinsam getragen haben, von vornherein begriffen, dass das nicht geht.

Der Madrider Opernchef ist übrigens Gérard Mortier, also jener international renommierte Opernhaus- und Festivalmanager, der sich 2008 zusammen mit der Intendantin des Kunstfests Weimar, Nike Wagner, für die Leitung der Bayreuther Festspiele beworben hatte. Mortier war am Sonntag selbstverständlich in Dortmund - was mir schmerzlich bewusst gemacht hat, dass dieser Originalklang-"Parsifal" tatsächlich auch dort hätte realisiert werden können, wo er eigentlich hingehört: in Bayreuth.

Dafür prangte die dank der "richtigen Gene" in ihrer Chefposition gelandete Katharina Wagner mit auf der Titelseite des Nachrichtenmagazins Focus und will uns zusammen mit etlichen anderen Erbinnen weismachen, dass es keine Frauenquote braucht. Ich bin zwar nicht mehr die Jüngste, aber ich fürchte, ich muss jetzt langsam doch wieder auf die Barrikaden.

Wenigstens muss ich zum nächsten Wagnerjahr-Ereignis nicht weit fahren, sondern kann zu Fuß hinpilgern: Am 26. Januar beginnt in Bamberg die zunächst aktweise und dann komplette konzertante Aufführungsserie der "Götterdämmerung" der Bamberger Symphoniker, mit Brünnhilden-Debütantin Petra Lang und namhaften Solisten unter Chefdirigent Jonathan Nott - und mit dem Symposium "Wagner und kein Ende", was mir schon vom Titel her momentan ausgesprochen viel sagt.

Wegen der bevorstehenden "Götterdämmerung" liefere ich - etwas Pietät möchte schon sein - keine sonstigen Jubiläen und Geburts-, sondern nur drei Sterbetage: am 23. Januar 1922 starb in Leipzig der Dirigent Arthur Nikisch, der schon als Geiger bei den ersten Bayreuther Festspielen 1876 mitwirkte; 1981 folgte am gleichen Tag der amerikanische Komponist Samuel Barber, dessen "Medea's Dance of Vengeance" ich empfehle; 1989 schließlich der surrealistische Maler Salvador Dalí, der unter anderem einen Wagner-Brunnen und eine Serie von Radierungen zu "Tristan und Isolde" geschaffen hat.

Mehr Informationen zur Bamberger "Götterdämmerung" finden Sie auf der Homepage der Bamberger Symphoniker.