Bamberg
Beauty and The Nerd

Ein #Aufschrei hilft nicht bei Sexismus im TV

Was war das nur für eine Woche! Erst sorgt ein Stern-Artikel über sexistische Äußerungen Rainer Brüderles für einen #Aufschrei im Netz, dann startet ProSieben mit der neuen Pseudo-Reality-Show "Beauty & The Nerd". Die ist ein einziges Klischee in HD.
Vorsicht, herabfallende Unterkiefer: Vier bleiche Nerds im Pool bestaunen die gebräunten Beauties, die perfekt choreografiert synchron ihre pinken Bademäntel zu Boden fallen ließen. Foto: ProSieben/Charlie Sperring
Vorsicht, herabfallende Unterkiefer: Vier bleiche Nerds im Pool bestaunen die gebräunten Beauties, die perfekt choreografiert synchron ihre pinken Bademäntel zu Boden fallen ließen. Foto: ProSieben/Charlie Sperring
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Kevin hat das Grundprinzip verstanden: "Ich bin ein gerechter Mensch, man muss auch Minderheiten gerecht behandeln, obwohl Frauen ja keine Minderheit sind, aber man muss sie trotzdem gerecht behandeln." Damit hat der 28-jährige Informatikkaufmann mit der Riesen-Brille, dem Strickpulli und den wunderbar scheußlich-schiefen Zähnen irgendwie den Nagel auf den Kopf getroffen.

Kevin ist einer von acht Nerds, die sich für die ProSieben Reality-Doku "Beauty & The Nerd" auf ein "außergewöhnliches soziales Experiment" (ProSieben) eingelassen haben. Das besteht darin, dass acht Männer, die Berufe wie "Programmierer" oder "Hydraulik-Experte" haben, mit acht jungen Damen, deren gefühlter Intelligenzquotient annähernd ihrer Kleidergröße entsprechen dürfte, gemeinsam in eine Luxus-Villa gesteckt werden. In Zweier-Teams müssen die Kandidaten dann als acht ungleiche Paare gegeneinander antreten, das Gewinner-Paar bekommt am Ende 100.000 Euro.

So viel zur Theorie. In der Praxis hat es natürlich schon einen gewissen Unterhaltungswert, wenn eine der Kandidatinnen ihrem Teamkollegen (und Mitbewohner auf Zeit) erklärt, sie habe ihren eigenen Föhn dabei und föhne sich immer nackt - und dem daraufhin der Sabber aus den Mundwinkeln läuft. Der Mittzwanziger, der schüchtern andeutet, dass das Begrüßungs-Bussi durch seine "Beauty" eben sein erster Kuss war, ist irgendwie schon ganz niedlich. Und wenn die mega-blonde Kellnerin Martina den Physik-Studenten Sven aus dem Doppelbett wirft und auf dem Boden schlafen lässt, weil sie ihn schließlich kaum kenne und er im Bett furzen könnte, muss man einfach lachen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte über Sexismus im Alltag bleibt einem dann aber doch das Lachen im Halse stecken.

"Freaks" wurden lächerlich gemacht

Sicher, die vor einigen Jahren ebenfalls auf ProSieben ausgestrahlte Sendung "Das Model und der Freak" mag politisch auch nicht korrekt gewesen sein. Da betreute jeweils eine Folge lang ein (weibliches) Model - selbstverständlich nicht nur hübsch, sondern auch noch intelligent, voll im Leben stehend und überall erfolgreich - einen (männlichen) Freak, der nur allzu oft nicht nur optisch nichts auf Reihe brachte. Durch das Coaching der Models wurden die Jungs dann wie durch Zauberhand zu gut aussehenden jungen Männern, die nicht nur ihre Unsicherheit Frauen gegenüber ablegen konnten, sondern zudem noch plötzlich Erfolg im Beruf hatten.

Bei "Das Model und der Freak" waren die Rollen klar verteilt: Auf der Gewinner-Seite die hübschen und erfolgreichen Frauen, auf der anderen Seite die Männer als bedauernswerte Totalausfälle. Jemanden so öffentlich bloß zu stellen, ist verwerflich. Bei "Beauty & The Nerd" dagegen gibt es nur Verlierer. Die "Nerds" sind verkopft, verplant, hyperintelligent und gerade deswegen im Alltag und im sozialen Leben völlig unfähig und hilflos. Die "Beauties" dagegen sind hübsche Hüllen ohne jeden Inhalt. Sie haben Berufe wie Model, Kosmetikerin oder Starlet (möchte mal wissen, welche Ausbildung dafür notwendig ist) und sagen Sätze wie "Ich hab' keine Angst vor Mücken, aber die tun mir weh, dann juckt das, dann muss ich mich kratzen, dann blutet das und das sieht doof aus."

Auf beiden Seiten wird kein Klischee ausgelassen. Sheldon Cooper, der asperger-autistische und pedantische theoretische Physiker aus der Serie "The Big Bang Theory" wirkt im Vergleich zu jedem einzelnen der "Nerds" wie der Inbegriff eines sympathischen und sozial voll integrierten Menschen. Sie tragen Jogginganzüge, karierte Pullunder und Hochwasserhosen mit Hosenträgern. Ihre Hobbys sind Schach, Computerspiele und der Rubikwürfel aus den Achtzigern. Kevin als begeisterter Taylor Swift-Fan besitzt eine Barbie in Gestalt der Country-Sängerin, die er jeden Abend mit ins Bett nimmt.

Mathe ist überflüssig

Die "Beauties" dagegen scheinen sich - abgesehen von ihrem Aussehen - für ungefähr gar nichts zu interessieren. Stewardess Siw vermutet etwa, die Abkürzung IT stehe für "irgendwas mit electronic" und Kellnerin Kamilla ist davon überzeugt, dass Mathematik jenseits der vier Grundrechenarten völlig überflüssig sei.

Natürlich ist das in gewisser Weise lustig. Als Mann kann man sich den Nerds, die in Wettkämpfen wie einer "James Bond Challenge" ihre Männlichkeit unter Beweis stellen müssen und dafür unter anderem Türen eintreten und einen Türsteher mit einer Champagner-Flasche niederschlagen müssen, überlegen fühlen. Und so lange die Beauties entsprechend aussehen, ist alles andere egal. Frauen machen sich stattdessen über die Dummheit der Kandidatinnen lustig (eine Quizfrage lautete: In welcher Filmserie heißt eine Hauptfigur Anakin Skywalker? Die Antwort der Beauty: Herr der Ringe!), die trottelig-verplanten Nerds finden Frauen eher putzig. Nicht attraktiv, sondern eher so niedlich wie ein Haustier.

Keiner will schöne Männer und schlaue Frauen sehen

Und damit wären wir dann bei dem Aufschrei, der anlässlich eines Stern-Artikels über sexistische Äußerungen von Rainer Brüderle unter dem Hashtag (Stichwort) #Aufschrei durch Twittergetobt ist. Wenn es sexistisch ist, einer Frau zu sagen, dass sie ein "Dirndl auch gut ausfüllen" könne, dann ist es erst recht unangebracht, Frauen in einem solchen Format als nett anzuschauende Blödchen darzustellen, deren geistiger Horizont in eine Puderdose passt. Umgekehrt ist es natürlich genauso sexistisch, Männer als schlaue Fachidioten zu präsentieren, die im alltäglichen Leben quasi völlig unfähig sind. Aber was wäre, wenn ProSieben Beauties und Nerds beider Geschlechter ins Programm genommen hätte? Die männlichen Models und weiblichen Nerds kämen nicht halb so gut an, weder beim männlichen noch beim weiblichen Publikum. Ist es sexistisch, wenn ein Sender seinem Publikum das vorsetzt, was die Menschen sehen wollen?

Sicher, alle "Beauty & The Nerd"-Folgen waren längst abgedreht, als die Diskussion über Sexismus im Alltag losbrach. Und trotzdem würde es sich lohnen, auch seitens der Fernsehsender den (#)Aufschrei als Anregung zu verstehen, das eigene Programm einmal zu überdenken. Vielleicht wären wir alle überrascht, wie deutlich sich solcher Mut in Einschaltquoten auszahlen würde. Mag auch sein, dass eine zweite Staffel "Beauty & The Nerd" mit vertauschten Geschlechterrollen tatsächlich nicht ankommen würde. In diesem Fall dürfte sich unsere Gesellschaft dann aber auch nicht über Sexismus im Trash-TV beschweren.