Bayreuth
Mein Wagner-Jahr

"Don't mention Nazi artists”

Katharina Wagner gewährte einer Journalistin der israelischen Zeitung Haaretz zwar einen Gesprächstermin, stand aber bei der Frage nach Jonathan Meese abrupt auf und ging grußlos.
Jonathan Meese beim "Hitlergruß-Prozess" am 14. August im Amtsgericht in Kassel. Die Staatsanwaltschaft hat gegen seinen Freispruch inzwischen Revision beantragt. Foto: Uwe Zucchi/dpa
Jonathan Meese beim "Hitlergruß-Prozess" am 14. August im Amtsgericht in Kassel. Die Staatsanwaltschaft hat gegen seinen Freispruch inzwischen Revision beantragt. Foto: Uwe Zucchi/dpa
Heute gehen die Festspiele in Bayreuth zu Ende - und die Debatte über einen Vorfall während des Premieren-Zyklus' hat gerade erst begonnen. Es geht wieder einmal um die Pressepolitik des Festspielhauses und darum, dass Festspielleiterin Katharina Wagner einfach nicht in der Lage ist, auf journalistische Fragen angemessen, souverän und verbindlich zu antworten. Doch der Reihe nach.

Die israelische Journalistin Dalia Shehori, die für die auch international bekannte Tageszeitung Haaretz schreibt und die ich während der Premieren kennen lernen durfte, erzählte mir von einem in der Tat merkwürdigen Zusammentreffen mit der Festspielleiterin. Shehoris ausführliches Bayreuth-Feature ist am 22. August auf Hebräisch und gekürzt in der englischen Ausgabe ihrer Zeitung sowie online erschienen (wobei die Übersetzung nicht mit ihr abgesprochen war und leider nicht nur im Titelblock fehlerhaft ist).

Unter dem Zwischentitel "Don't mention Nazi artists” beschreibt sie, dass sie zwar kein Interview mit der Wagner-Urenkelin bekommen konnte, aber sie immerhin in einer Aufführungspause für eine halbe Stunde zu einem Gespräch treffen sollte. Katharina Wagner kam zwanzig Minuten zu spät, so dass Shehori nur noch zehn Minuten blieben. Sie schaltete als Erinnerungshilfe ein Aufnahmegerät ein und erklärte, dass sie etwaige Äußerungen nicht direkt ihr, sondern allgemein Festspielhausquellen zuschreiben würde. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit, sagte sie weiter, wolle sie direkt nur Themen ansprechen, die für Israelis interessant sind, woraufhin Wagner zustimmend nickte.

Ihren ersten Satz "I wanted to ask you about Jonathan Meese...” mit dem Bezug auf Meeses Hitlergruß konnte Shehori gar nicht zu Ende bringen, denn Katharina Wagner stand abrupt auf und ging grußlos aus dem Raum. Zwei Mitarbeiter des Pressebüros kamen daraufhin und sagten, dass sie bereits vorher mitgeteilt hätten, dass dies kein Interview sei. Die Journalistin sah noch, dass Katharina Wagner womöglich zurückkommen wollte, aber Pressesprecher Peter Emmerich schob sie weg.

Nachdem Shehori ihren Lesern erklärt hat, wer Meese ist, schließt sie ihren Artikel wie folgt: "Es ist offensichtlich", schreibt sie in Anspielung auf die Hakenkreuz-Tattoo-Affäre mit Evgeny Nikitin, "dass es die Angst vor einem neuen Skandal war, die die inakzeptable Reaktion Katharina Wagners ausgelöst hat, als sie den Namen Jonathan Meeses aus dem Mund eines israelischen Journalisten gehört hat."

Natürlich ist Dalia Shehori bewusst, dass mit ihrem Artikel ihre Brücken zur Festspielleitung abgebrochen sind. "Aber wer will schon", schreibt sie mir, "an einen Ort, wo der Chef nicht weiß, wie man sich benimmt, und wo der Pressesprecher sein Äußerstes tut, um den Informationsfluss zu verhindern. Ganz zu schweigen von radikalen Regisseuren wie Castorf und Baumgarten, die einen nur bedauern lassen, dass man überhaupt gekommen ist (in meinem Fall speziell aus Israel)."

Was sagt uns diese Geschichte? Wenn ein deutscher Politiker bei einer für ihn unangenehmen Frage eines israelischen Journalisten abrupt aufstehen und grußlos gehen würde, wäre das ein Politskandal erster Klasse und hätte fraglos einen Rücktritt zur Folge. Nun ist Katharina Wagner keine Politikerin, aber sie ist - zusammen mit ihrer Halbschwester - immerhin die Leiterin der weltweit bedeutendsten Kulturinstitution in Deutschland. Zu den Aufgaben von Intendanten eines auch mit öffentlichen Mitteln finanzierten Theaters gehört es unter anderem, Öffentlichkeit herzustellen, Interviews zu geben und auf journalistische Fragen zu antworten.

Auf nachtkritik.de wurde der Artikel in der Presseschau verlinkt und lockte nicht wenige aus der Reserve, der Journalist Edwin Baumgartner in der Wiener Zeitungkommentiert das unter anderem wie folgt: "Menschenskind, ist doch wirklich zu blöd - nur, weil man einen als Regisseur für Bayreuth 2016 engagiert hat, der den Hitlergruß macht (und ihn, wie gesagt, ganz anders meint), soll man Fragen beantworten. Und nur, weil man aus einer Familie stammt, in der Adolf Hitler der "Onkel Wolf" war. Ich glaube Meese, dass er kein Nazi ist, und ich glaube Katharina Wagner, dass sie mit der braunen Vergangenheit ihrer Familie nichts am Hut hat. Dennoch: Wenn man als Wagner-Nachfahrin einen Hitlergrußgrüßer engagiert, sollte man Fragen beantworten. Unter anderem auch jene, ob Bayreuth, gerade Bayreuth, wirklich der richtige Ort für ein Spiel mit der NS-Symbolik sein kann und ob dieses Spiel nicht auch von denen, die es wollen, als Flaggezeigen verstanden werden kann."

Dass die Festspielleiterinnen sich derzeit, wenn überhaupt, gerne nur noch in arrogantes Schweigen hüllen, hat natürlich damit zu tun, dass sie jetzt, wo es angeblich bald um die Vertragsverlängerung geht, nichts falsch machen wollen. Deshalb gibt es die "neue Offenheit" nicht mehr, von der so mancher Kollege in den ersten Jahren ihrer Intendanz noch schwärmte (und die ohnehin stets nur Katharina betraf, während Halbschwester Eva einzig Toni Schmid, ihrem Intimus im bayerischen Kunstministerium, für dessen Vierteljahresschrift aviso ein Interview gewährte).

Vielleicht ist der hochnotpeinliche Vorfall mit der israelischen Journalistin endlich Anlass für die Verantwortlichen - sowohl in der Richard-Wagner-Stiftung als auch im Verwaltungsrat der Festspiel-GmbH -, eine finanzielle, künstlerische, gesellschaftspolitische und organisatorische Bestandsaufnahme der letzten fünf Jahre vorzunehmen. Vielleicht stellen die Politiker und die dafür zuständigen Beamten in Bund, Land, bei der Stadt Bayreuth und in diversen Gremien sowie die Vertreter der mäzenatischen Gesellschaft der Freunde von Bayreuth endlich gezielt die Frage nach den Fähigkeiten der Festspiel-Geschäftsführerinnen. Können sie ihren Job überhaupt?

Wenn man die Negativ-Bilanz der beiden bedenkt, wenn man umgekehrt sieht, dass jeder Stadttheater- und Festspielintendant eben nicht nur eine, sondern mehrere bis viele Neuinszenierungen pro Saison zu verantworten hat und dennoch das Gros der wagnerschwesterlichen Fehlentscheidungen, Fehlleistungen und Fettnäpfchen auslässt, dürfte es an besser geeigneten Kandidaten für den 2015 frei werdenden Posten eigentlich nicht fehlen. Die Satzung der Richard-Wagner-Stiftung sieht solche Festspielunternehmer, die nicht aus der Familie stammen, ausdrücklich vor. Dazu als Gruß-August ein Nachkomme mit echten Wagner-Genen. Aber bitte nicht die niveaulose Katharina Wagner, die nicht einmal die einfachsten Benimmregeln kennt, und auch nicht Eva Wagner-Pasquier, die öffentliche Auftritte sowieso meidet wie die Pest.