Bayreuth

"Die Welt schaut auf dieses Projekt!"

Heute vor 141 Jahren wurde die Baugenehmigung für die Villa Wahnfried erteilt. Im Interview erläutert Michael Henker, Leiter der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen und Vorsitzender des im Februar gegründeten Kuratoriums für dieses Museumsprojekt, wie es dazu kommen konnte, dass das Haus im Jubiläumsjahr geschlossen ist.
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Bei einer Baustellenbesichtigung schauten sich am 16. Mai zahlreiche Medienvertreter im Haus Wahnfried um, dem einstigen Wohnhaus von Richard Wagner, das ausgerechnet im Jubiläumsjahr saniert wird und voraussichtlich noch bis 2015 eine Baustelle ist. Archivfoto: David Ebener/dpa
Bei einer Baustellenbesichtigung schauten sich am 16. Mai zahlreiche Medienvertreter im Haus Wahnfried um, dem einstigen Wohnhaus von Richard Wagner, das ausgerechnet im Jubiläumsjahr saniert wird und voraussichtlich noch bis 2015 eine Baustelle ist. Archivfoto: David Ebener/dpa
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Es ist zwar schon fünf Wochen her, dass ich bei der Pressebegehung von Haus Wahnfried ausführlich mit Michael Henker, Landeskonservator und Leiter der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern, gesprochen habe. Aber schließlich schwebte mir von vornherein der 20. Juni als Erscheinungstermin für das Interview vor. Warum? Exakt vor 141 Jahren erteilte der Stadtmagistrat von Bayreuth die Baugenehmigung für die Villa Wahnfried. Vom Kauf des Grundstücks am 1. Februar 1872 bis zum Einzug der Wagnerfamilie am 28. April 1874 brauchte es knapp zwei Jahre und drei Monate. Rasend schnell, wenn man bedenkt, wie lange sich schon die geplante Sanierung und der Umbau der Immobilie hinziehen, die seit der Gründung der Richard-Wagner-Stiftung 1973 der Stadt Bayreuth gehört.

Sven Friedrich, der Direktor des Richard-Wagner-Museums, hat vorhin, was die Schließung der Villa Wahnfried ausgerechnet im Wagnerjubiläumsjahr betrifft, den Schwarzen Peter an die Politiker weitergegeben. Sehen Sie das auch so?

Michael Henker: Als Nicht-Bayreuther darf ich das durchaus etwas deutlicher akzentuieren, denn die Fehleinschätzung auf der politischen Seite ist vor etlichen Jahren in Bayreuth geschehen. Der Freistaat war von Anfang an bereit, mitzugehen - und hat auch frühzeitig Fördermittel in Aussicht gestellt. Nur hat man hier in Bayreuth offenbar das Verfahren falsch eingeschätzt. Bei Fördermaßnahmen braucht man nämlich, egal ob sie groß oder klein sind, einen Kostenplan und einen Finanzplan. Den Kostenplan haben sie verhältnismäßig bald zu Wege gebracht, nur beim Finanzplan haben sie ewig gebraucht zu kapieren, wie man so etwas macht, dass und wie man alle potenziellen Förderer anspricht und einbezieht.

Lag das vielleicht daran, dass Wolfgang Wagner noch seine Hand drauf hatte?
Michael Henker: Nein, gar nicht. Wolfgang Wagner und dieser Teil der Familie hat sich dafür - zumindest offiziell - überhaupt nicht interessiert. Natürlich wird man oben am Hügel gefürchtet haben, wenn jetzt unten eine große Maßnahme kommt, wird das Geld von uns abgezogen. Aber das Bewusstsein, dass man das nicht machen kann, hat sich bei den Landes- und Bundespolitikern sehr schnell eingestellt. Die Sachlage war klar, dass man die Festspiele weiter fördern muss, damit sie qualitätsvoll stattfinden können, und dass man zusätzlich auch ein paar Jahre unten ein Zeichen setzen muss für eine vernünftige und adäquate Repräsentanz dieses weltweit bekannten großen Künstlers. Was man von seiner Musik und dem Menschen Richard Wagner hält, ist dabei völlig nebensächlich. Darum geht es nicht.

Hätte der Museumsdirektor nicht rechtzeitig mehr Druck machen müssen?
Michael Henker: Die Frage ist doch, ob sich, wenn es um die Finanzierung einer solchen Maßnahme geht, nicht erst einmal die politische Ebene darum kümmern müsste. Ich würde sagen, Herr Friedrich hat diese Grundvoraussetzungen vielleicht nicht gleich erkannt, aber das ist auch nicht seine Aufgabe gewesen.

Sind denn die Vorbehalte, die zum Beispiel Enkelin Verena Lafferentz-Wagner und Urenkelin Iris Wagner hatten, jetzt alle befriedigt?
Michael Henker: Befriedigt ist vielleicht das falsche Wort. Man ist ja bereits vor fünf Jahren in einen sehr intensiven Austausch der Argumente und Vorstellungen gegangen. So etwas ist natürlich immer auch von Gefühlen begleitet - und das muss man auch auf der organisatorischen Ebene akzeptieren, zu der ich neben anderen gehöre. Selbstverständlich haben Verena Lafferentz-Wagner und Iris Wagner einen ganz anderen Zugang als beispielsweise Historiker, Museumspädagogen und Musikologen. Der springende Punkt war, dass die Familie ursprünglich überall Authentiziät haben wollte, die einfach nicht mehr herstellbar ist, während auf der Planungsseite eher an etwas Modernes gedacht wurde. In vielen Gesprächen, mit viel Freundlichkeit und mit der Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, haben sich die beiden Seiten so angenähert, dass man sich jetzt dort darum bemüht, wo Authentizität noch gegeben ist - also im Erdgeschoss und in den Treppenhäusern. Das ist für Verena Lafferentz-Wagner eine Position, die sie gerne mitträgt, indem sie uns, was sie an unschätzbarem Originalwissen und an authentischem Mobiliar und Raumschmuck noch hat, großzügig zur Verfügung stellt. Mit Iris Wagner ist es etwas schwieriger, den Weg zueinander zu finden, weil sie im Verlauf dieses Projekts mehrfach neue Positionen bezogen hat. Wir vom Wahnfried-Kuratorium sind gerne bereit, für ein gutes Ergebnis allen Partnern zuzuhören und nach Lösungen zu suchen. Unser Vorteil ist ja gerade, dass wir eben nicht aus Bayreuth sind: Wir sind nicht Partei, wir sind Partei für ein gutes Ergebnis - und für nichts anderes.

Dass in dem an Wahnfried angebauten Siegfried-Wagner-Haus jetzt das Ideologische thematisiert werden soll, war vorher so nicht geplant.
Michael Henker: Zunächst nur in den zwei Räumen zum Gartenpavillon hin. Aber man hat dann gesagt, dass es schade wäre, wenn man diesen authentischen germanisierenden Grundstil aus den 1920er Jahren und frühen 1930er Jahren nicht einbeziehen würde, der übrigens weder typisch für Richard Wagner noch für Bayreuth ist, denn das hat es an allen Ecken in Deutschland und auch in Europa gegeben, in England, in Italien, in Skandinavien...

Aber durch Adolf Hitler, der sich immer wieder dort aufgehalten hat, ist es eine andere Geschichte.
Michael Henker: Eben. Dass das im Siegfried-Wagner-Haus abgehandelt werden sollte, war schon lange klar, denn: Die Welt schaut auf dieses Projekt! Zumindest aufs Ergebnis. Das würde uns niemand verzeihen, wenn wir hintennach nur eine Jubelschau zu Richard Wagner haben - und keinen kritischen Blick auf seine eigenen Positionen, die teilweise recht robust und extrem waren. Und auch darauf, wie er vereinnahmt und instrumentalisiert worden ist.

Haben Sie schon das Vorgängermuseum 1976 mit eingeweiht?
Michael Henker: Nein, aber einer unserer Architekten hat seinerzeit die Ausstellungsgestaltung gemacht, die sehr gut war. Das ist jetzt allerdings 37 Jahre her, und über die Zeit kam immer mehr ins Museum und noch mehr - was heute einfach nicht mehr geht. Überhaupt haben bestimmte Dinge von vornherein nie funktioniert: Der Eingangsbereich und das Raumklima waren immer katastrophal, es gab keinen vorzeigbaren Shop, nicht einmal eine gescheite Toilette für die Besucher, ganz zu schweigen vom barrierefreien Zugang. Es musste was geschehen.

Was muss ein Museum im 21. Jahrhundert haben?
Michael Henker: Als Grunddisposition muss es offen sein für einen Dialog mit den Besuchern. Und die Besucher sind im konkreten Fall nicht mehr nur eine streng umrissene Gruppe von Wagnerianern. Die werden und sollen selbstverständlich auch weiterhin kommen. Aber das Museum muss mehr bieten, es muss breiter aufgestellt sein, muss sich viel weiter öffnen - auch einem gesellschaftlichen Diskurs, in einer Bürgergesellschaft, wie wir sie heute Gott sei Dank haben. Es muss auch Kontroversen darstellen und ertragen können. Dazu muss es die räumlichen Möglichkeiten haben, deswegen auch der Neubau. Es muss Raum bieten für den Diskurs, für die Begegnung, für Vorträge, Sonderausstellungen und so weiter. Und es muss seine zentralen Botschaften jetzt in einer anderen Art und Weise vermitteln, als man das vor Jahrzehnten gemacht hat. Damals galt: Wer vieles hat, wird zumindest manchen etwas bieten. Heute versucht man hingegen, das Profil der Aussage zu schärfen. Das geht durchaus durch Reduktion des Ausgestellten. Und nebenbei tut das den Exponaten, den Artefakten gut, wenn sie nicht permanent gezeigt werden, tut auch den Besuchern gut, die sich nicht mehr durch 380 kleinteilige Exponate durcharbeiten wollen. Das ist heute kein Angebot mehr.

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