Los Angeles

Die Oscar-Verleihung, wie sie hätte sein sollen

Die Oscars 2013 sind vergeben: Daniel Day-Lewis und Jennifer Lawrence wurden als beste Hauptdarsteller, Christoph Waltz und Anne Hathaway als beste Nebendarsteller ausgezeichnet. Allerdings hätte man bei der Oscar-Nacht noch den einen oder anderen Zusatz-Oscar vergeben können.
Artikel drucken Artikel einbetten
Vier Lächeln für eine goldene Trophäe: (von links) Daniel Day-Lewis, Jennifer Lawrence, Anne Hathaway und Christoph Waltz mit ihren Oscars. Foto: dpa
Vier Lächeln für eine goldene Trophäe: (von links) Daniel Day-Lewis, Jennifer Lawrence, Anne Hathaway und Christoph Waltz mit ihren Oscars. Foto: dpa
+13 Bilder
Tränenreicher Jubel, stehende Ovationen und spektakuläre Kleider: Bei der 85. Verleihung der Academy Awards im Los Angeles war selbstverständlich alles geboten, wofür die Oscars berühmt (und berüchtigt) sind. Die ganz großen Überraschungen blieben dabei allerdings aus. Das Geiseldrama "Argo" von und mit Ben Affleck wurde als bester Film ausgezeichnet, außerdem bekam der Film noch den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch. Die Oscars für die besten Hauptdarsteller gingen an Daniel Day-Lewis ("Lincoln") und Jennifer Lawrence ("Silver Linings").

Als bester Nebendarsteller konnte sich neben Anne Hathaway ("Les Misérables") der Deutsch-Österreicher Christoph Waltz über seinen zweiten Oscar freuen. Bereits 2010 wurde der 56-Jährige für seine Rolle als SS-Standartenführer in "Inglorious Basterds" geehrt, nun konnte sich Waltz erneut gegen seine Mitbewerber durchsetzen. Waltz erhielt den Oscar für seine Rolle als Kopfgeldjäger im Sklavendrama "Django Unchained" - beides übrigens Filme von Quentin Tarantino.

Der so genannte "Auslands-Oscar" für den besten nicht-englischsprachigen Film ging an die deutsch-österreichisch-französische Coproduktion "Liebe". Der 70 Jahre alte, in München geborene österreichische Regisseur Michael Haneke nahm die goldene Trophäe entgegen und dankte vor allem seinen Hauptdarstellern Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant: "Ohne euch würde ich heute nicht hier stehen." Der Film handelt von den letzten gemeinsamen Wochen eines alten Ehepaares.

Für die beste Regie wurde Ang Lee ("Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger") ausgezeichnet, Quentin Tarantino ("Django Unchained") bekam den Oscar für das beste Originaldrehbuch. Bester Animationsfilm wurde "Merida - Legende der Highlands". Die britische Sängerin Adele durfte über den Oscar für den besten Filmsong ("Skyfall") jubeln. Doch bei der rund fünfstündigen Gala, die im Wesentlichen der Nabelschau Hollywoods diente, hätte man auch noch den einen oder anderen Spezial-Oscar vergeben können.

Der beste Song des Abends - was bei einer Gala, die speziell der Filmmusik gewidmet war und bei der deshalb fast schon anstrengend viel geträllert wurde, schon etwas heißen soll - kam gleich zu Beginn der Show vom Moderator Seth MacFarlane. Der hat unter anderem die Serie "Family Guy" und die Kinokomödie "Ted" erschaffen und macht im normalen Leben gerne Witze über Adolf Hitler. Für die Oscars hat sich der Neu-Moderator der Preisverleihung etwas ganz besonderes einfallen lassen: Einen Song über die Brüste aller anwesenden Schauspielerinnen, "We saw your Boobs". Die gezwungen lächelnden Gesichter der so Besungenen machten diesen Auftritt gleich nochmal so lustig!

Der Niedlichkeits-Oscar geht eindeutig an Quvenzhané Wallis. Mit ihren gerade mal neun Jahren war die afroamerikanische Laienschauspielerin ("Beasts of the Southern Wild") die jüngste Anwärterin auf den Titel der besten Hauptdarstellerin in der Geschichte der Oscars. Moderator MacFarlane: "Um zu verstehen, wie jung sie ist, müssen Sie verstehen, dass sie erst in 16 Jahren zu alt für George Clooney ist." Aber wie die Kleine bei der Vorstellung der Nominierungen fröhlich in die Kamera winkt, dazu ihre Kuscheltier-Handtasche zum nachtblauen Abendkleid - zum Anbeißen! Das Nachwuchs-Talent hat übrigens trotz ihres Erfolges einen ganz bodenständigen Berufswunsch: Wenn sie mal groß ist, will sie Zahnärztin werden - von Clooney ist da nicht die Rede.

Die missmutigste Laudatorin der Gala war "Twilight"-Star Kristen Stewart. Bereits auf dem roten Teppich blickte sie eher gequält als strahlend in die Kameras. Doch als sie dann mit "Harry Potter" Daniel Radcliffe den Oscar für das beste Szenenbild (an "Lincoln") vergeben sollte, wirkte Stewart irgendwie weggetreten. Voll neben der Spur. Und verdammt schlecht gelaunt. Ob das wohl daran liegt, dass sie selbst zwar nicht bei den Oscars nominiert war, dafür aber in dieser Woche bereits die "Goldene Himbeere" als schlechteste Schauspielerin bekommen hat? Wir können nur mutmaßen...

Jennifer Lawrence hat richtig abgeräumt. Neben ihrer "offiziellen" Trophäe als beste Hauptdarstellerin gebührt ihr auch die Ehre des schönsten Abendkleides. Ein bodenlanger Traum in weiß - den ich persönlich zwar eher zu (m)einer Hochzeit getragen hätte, aber wenn man wie die 22-Jährige frisch getrennt ist, dann muss es eben die Preisverleihung tun. Der Zweck heiligt schließlich die Mittel. Das Kleid bescherte der sympathischen Schauspielerin übrigens sogar noch einen weiteren Titel: Lawrence wurde zum Tollpatsch des Abends, als sie, völlig überrascht von ihrer Wahl, auf die Bühne gehen wollte und dabei prompt auf der Treppe über ihr Kleid stolperte. Die anschließenden stehenden Ovationen bei ihrer Dankesrede kommentierte sie dann auch selbstironisch mit: "Ihr steht jetzt nur auf, weil ich hingefallen bin - das ist ja peinlich!" Oder einfach nur menschlich. Kaum zu glauben, dass es das in Hollywood noch gibt.

Quasi als optischer Gegenentwurf zu Lawrence eleganter Robe ist Mark Andrews aufgetreten. Der amerikanische Animator wurde gemeinsam mit Brenda Chapman für den besten Animationsfilm ausgezeichnet - und nahm seinen Oscar in einer seltsam anmutenden Kombination aus Schottenrock und Trachtenjacke entgegen. Ob er sich dazu von seinem Werk "Merida - Legende der Highlands" inspirieren ließ? Oder aber er wollte einfach nur um jeden Preis auffallen. Zumindest das ist ihm definitiv gelungen. Der Titel in der Kategorie kurioseste Klamotte ist ihm damit jedenfalls sicher.

Moderator Seth MacFarlane kann sich nicht nur mit seinem denkwürdigen Eröffnungssong - Achtung, Kalauer - brüsten, sondern lieferte auch noch den besten Spruch der Gala. Der Komiker verglich das bis auf den letzten Platz besetzte Kodak Theatre mit einer Kirche - "nur hier gibt es mehr Menschen, die beten." Auch den knuffigsten Oscar-Laudator hat das Publikum MacFarlane zu verdanken: Film-Teddy Ted trat gemeinsam mit Mark Wahlberg auf, um einen Oscar zu vergeben. Den putzigen Plüschbären, der im letzten Jahr einen Überraschungserfolg an den Kinokassen errungen hat, hat der Moderator erfunden.

Die emotionalste Dankesrede hielt Anne Hathaway. Die 30-Jährige war sichtlich überrascht über ihren Erfolg als beste Nebendarstellerin, strahlte so, dass sie sämtlichen Diamanten im Saal (und das waren nicht wenige) die Show stahl und bedankte sich übergücklich und den Tränen nahe bei ungefähr allen Menschen, die sie in ihrem Leben je getroffen hat. Trotz dieser schier unendlichen Menge an Namen, die aus ihrem Mund sprudelten: Hathaway sah so süß und glücklich aus, dass man getrost weghören konnte, was sie da eigentlich sagte. Und sie einfach nur ansehen und sich mit ihr freuen.

Zu guter Letzt geht die wohl überflüssigste Auszeichnung an die überflüssigsten Moderatoren der Show, als da wären Annemarie Warnkross, Lena Gercke und Steven Gätjen. Wozu braucht eine Gala, die ausschließlich in der Originalversion live übertragen wird und die im deutschen Fernsehen noch nicht einmal übersetzt wird, gleich drei Moderatoren? Annemarie Warnkross mag eine gute Boulevard-Moderatorin sein, aber im Duett mit Lena Gercke wirkten ihre Auftritte doch sehr gekünstelt. Lena Gercke stellte damit einmal mehr unter Beweis, dass sie zu Recht als Model erfolgreich ist: Sie sah vor der Kamera gut aus. Nur den Ton musste man abstellen.

Bliebe noch Steven Gätjen, der sich bemühte, betont auf Du-und-Du mit den Stars zu wirken. Das konnte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sowohl die interessanteren Fragen als auch die bekannteren Stars erst zu sehen und zu hören waren, als das erfrischende Team des amerikanischen Senders ABC übernommen hatte. In diesem Sinne, liebe Kollegen von ProSieben: Lasst doch beim nächsten Mal eure Leute zu Hause, ihr dürft bestimmt auch schon früher beim ABC-Programm einsteigen. Wenn ihr den Oscars trotzdem einen eigenen Stempel aufdrücken wollt, dann könntet ihr ja beim nächsten Mal einen Dolmetscher bestellen, der die Gala übersetzt. Darüber würden sich sicher viele Zuschauer freuen, denen in der englischen Version vielleicht doch der eine Witz oder das andere Detail entgeht.
Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren