Bamberg
Politisch inkorrekt

Die kleine Zauberererin

Die Debatte um politisch korrekte Umformung von Kinderbüchern ist lächerlich. Auf den ersten Blick. Bei einigem Nachdenken muss man einräumen: Der Kasus ist verzwickt.
Ach, nun soll beim Fasching in Otfried Preußlers "Kleiner Hexe" (erschienen erstmals 1957) plötzlich kein Negerlein mehr auf der Straße erscheinen und kein Türk'? Heißt das Kinderbuch, inzwischen in 47 Sprachen übersetzt, überhaupt noch so und nicht längst "Die junge Magierin"? Die Negerprinzessin Astrid Lindgrens ist, wie man erstaunt liest, zur Südseeprinzessin mutiert, und Jim Knopf soll nicht mehr ein kleiner Neger sein, sondern ein "Baby mit schwarzer Hautfarbe".

Sagt die Bundesfamilienministerin, die jüngst schon dadurch auffiel, dass sie den alten Gott da droben als "das Gott" bezeichnen können mögen täte o.s.ä. Hätte es jedenfalls mein literarischer Hausgott Eckhard Henscheid ausgedrückt, über dessen druckfrische "Denkwürdigkeiten" (aus seinem Leben) demnächst in der FT-Printausgabe mehr, viel mehr zu lesen sein wird. Wie Meister Eckhard eine Kristina Schröder sonst noch tituliert hätte, malen wir uns hier lieber nicht aus.

Lachhaft natürlich. Einerseits. Andererseits Symptom. Symptom eines Zeitgeists, der zunehmend nervt, mich jedenfalls. Es ist dieser neoprotestantisch verkniffene Tugendterror, der verklemmte 50er-Jahre-Muff, der durch die Hintertür politischer Korrektheit wieder Einzug hält. Das fängt bei den Gesundheitsgeboten an, die einen widerwärtigen Fitness-Exhibitionismus zeitigen ("Seht her!", signalisieren uns all die Jogging-Idioten in den Innenstädten, immer autistisch verkabelt, "wir tun etwas! Wir fallen der Gemeinschaft einmal nicht zur Last und optimieren uns selbst fürs kapitalistische Rattenrennen!"), geht über so einen Markus-Lanz-Konformitätsbrei und hört bei der Bereinigung der Kinderbücher lange nicht auf.

Empörter Meinungsterror

Aber da wären wir fast beim Thilo-Sarrazin-Stammtisch angelangt. Der empört vorgetragene angebliche Meinungsterror ("Man darf das ja nicht sagen!" Sagt's dennoch und verkauft den Landsleuten den Sums dann zwei Millionen Mal) ist genauso Unfug, und seit der so genannten Wende, verstärkt seit 2006 (neonationalistisches Sommermärchen) toben die Tabubrüche, die keine sind. Deutsche als Opfer des Zweiten Weltkriegs, Vertriebene, als Israel-Kritik getarnte Ressentiments in allen Medien.

Also nochmal zu den Kinderbüchern. Ich selbst erinnere mich sehr gut an eins von Enid Blyton, in den 1930ern geschrieben, in den unbedarften 50ern in Deutschland veröffentlicht, "Ungleiche Nester" hieß es, in dem "Zigeuner" als unverbesserlich betrügerisches Diebsgesindel figurieren. Darf man das? Zumal zehn Jahre nach Erstveröffentlichung die Deutschen eine halbe Million Sinti und Roma umbrachten. Das darf man nicht. Also weg damit. Beziehungsweise einfach nicht mehr neu auflegen. (Geschadet hat's mir nicht. Damals war auf dem fränkischen Land die Beschimpfung "Du Zigeuner" oder "Du siehst aus wie aus dem Wagen raus!" gang und gäbe.)

Kommerz der Verlage

Zunächst einmal ist die Modernisierung dem Kommerz-Interesse der Verlage geschuldet. Schuhwichse gibt's halt nicht mehr oder tausend andere zeitgebundene Phänomene. Überarbeitung also, damit's die Kinderlein verstehen. Das macht der Karl-May-Verlag schon ewig und hat damit harscheste Kritik von Hans Wollschläger und Arno Schmidt provoziert und eine historisch-kritische Ausgabe ausgerechnet der Werke Mays. Apropos: Bei May gibt's geradezu lustvoll ausgemalte Gewalt- und Folterszenen - wenn das die Bereiniger wüssten! Coopers "Lederstrumpf" - da wird gemetzelt und skalpiert, dass es eine Freude ist. Beziehungsweise war. Mir als Bub jedenfalls, der ich als zirka Achtjähriger trotzdem beim Tode Winnetous heiße Tränen vergoss.

Wirkt Literatur überhaupt? Und kann man mit Sprachregelungen so etwas wie Rassismus bekämpfen? Manches wird in der Tat indiskutabel bleiben, siehe oben, und: Es gab ganz üble Kinderbücher im Stürmer-Stil. Aber aus dem Sympathieträger Jim Knopf ein "Baby schwarzer Hautfarbe" zu machen - ich bitte Sie! Und zwar um etwas Gelassenheit und Nonchalance. Gelassener müsste auch ich sein: Das erkennbar einstudierte roboterhaft repetierte "Bürgerinnen und Bürger", "Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer" nervt. Nicht mehr nerven wird es, wenn es eines Tages heißen wird "Kinderschänderinnen und Kinderschänder" oder "Foltererinnen und Folterer".
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