Hastings
Mein Wagner-Jahr

Die "Eiserne Lady des Nazismus"

Am 23. Juni 1897 wurde Winifred Marjorie Williams im englischen Hastings geboren. Mit 18 Jahren heiratete sie den um 28 Jahre älteren Siegfried Wagner, brachte vier Kinder zur Welt und wurde nach seinem Tod Festspielleiterin. Vor allem aber war und blieb sie zeitlebens uneinsichtig eine Freundin Adolf Hitlers.
Winifred Wagner und Adolf Hitler bei der am 6. März 1934 bei der Grundsteinlegung für das Richard-Wagner-Denkmal in Leipzig. Archivfoto: dpa
Winifred Wagner und Adolf Hitler bei der am 6. März 1934 bei der Grundsteinlegung für das Richard-Wagner-Denkmal in Leipzig. Archivfoto: dpa
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Man stelle sich vor, die jetzigen Festspielleiterinnen äußerten sich heute aus aktuellem Anlass über ihre Großmutter. Es steht mir selbstverständlich nicht zu, über ungelegte Eier zu reden. Aber aus Erfahrung würde ich sagen: Könnte schief gehen, ist schließlich kein einfacher Kontext. An der NS-Vergangenheit der Festspiele und ihrer Familie haben sie sich schon mehrfach mindestens die Fingerspitzen verbrannt. Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier schaffen es selbst im fünften Jahr ihrer Amtszeit immer noch nicht, die Festspiele so zu repräsentieren, dass zum Beispiel eine von langer Hand geplante Feierstunde ablaufen kann, wie sie gedacht ist.

Woher ich das weiß? Nicht nur von den peinlichen Geburtstagsfeierlichkeiten am 22. Mai in Bayreuth. Sondern auch aus Leipzig, wo am selben Vormittag ein großer Festaktzum Geburtstag Wagners stattfand. Für das Grußwort der Bayreuther Festspiele trat Katharina Wagner ans Rednerpult, die - wie mir ein Augenzeuge berichtet hat - "nichts zu sagen hatte und ebendies auch sagte, worauf sie durch eine Seitentür mit dem Bemerken entschwand, sie müsse nun nach Hause fahren, wo es auch eine Veranstaltung gebe. Frau Eva blieb da - warum hatte die nicht die Rede übernommen? Der Ablauf war damit zeitlich unterboten, was zur Folge hatte, dass der Wach-auf-Chor nicht zur Stelle war und das Lohengrin-Vorspiel zum 3. Akt (grässlich schmetternd) wiederholt werden musste, bis der Chor eingetroffen war. Kurzum, alles sehr provinziell!"

Warum das nahtlos zu Winifred Wagners 116. Geburtstag passt? Weil es zum Beispiel bei ihrem 100. Geburtstag in Bayreuth ziemlich provinziell und peinlich zuging. Erst sollte Sven Friedrich, der Direktor des Richard-Wagner-Museums, eine Winifred-Wagner-Ausstellung vorbereiten, dann sorgte der damalige Festspielleiter Wolfgang Wagner unter fadenscheinigen Begründungen dafür, dass sie nicht stattfand. Stattdessen gab es eine Gedenkfeier und - das scheint Tradition zu sein, vor allem wenn es um die braune Bayreuth-Vergangenheit geht - leere Versprechungen.

Nike Wagner, jene Wagner-Urenkelin, die sich 2008 zusammen mit Gérard Mortier, einem der angesehensten und wirkungsmächtigen Opern- und Theatermanager, vergeblich um die Bayreuth-Intendanz beworben hat, schrieb 1997 in einem Originalbeitrag für Gondroms Festspielmagazin unter dem Titel "Winifred feiern?" ihre Gedanken zum 100. Geburtstag der Großmutter auf, die nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben. Hier einige Auszüge, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Siegfried Wagner gab Bayreuth den Spitznamen "Schilda". Dass in Schilda Schildbürgerstreiche nicht ausbleiben, dafür sorgen seine offiziellen Repräsentanten. Fern von der Entwicklung des öffentlichen Bewusstseins betreiben sie ihre Dinge und verlieren das Gefühl dafür, wo die Grenzen zwischen privatem Anstand und öffentlicher Unsittlichkeit verlaufen. Dass Schildbürger und Ehrenbürger oft in geheimnisvollen Zusammenhängen stehen, gehört zu den Zufällen und Zwängen des politischen Lebens.

Winifred Wagner wäre am 23. Juni 1997 hundert Jahre alt geworden. Na und? Statt dass diejenigen, die sich der Mutter oder Großmutter nahe fühlen, stilles Gedenken an ihrem Grab übten und sich Bilder der rauen, aber herzlichen Person ins Gedächtnis riefen, hat ihr zweiter Sohn Wolfgang seiner Heimatstadt Umstände bereitet, die man nur zwischen Fall und Fettnäpfchen ansiedeln kann. In Verkennung der Differenz zwischen den Banden des Blutes, die ihn an seine Mutter, und den Banden, die ihn als Festspielleiter allein an die Rücksichten seines Amtes binden, veranstaltete er eine Gedenkfeier in dem allerschönsten Rahmen, den Bayreuth besitzt, im Markgräflichen Opernhaus.


Am Morgen danach erklang am Grab dann auch Wagners Pilgerchor. "Was hier christlich formuliert ertönte", so Nike Wagner, "müssen wir im Fall Winifred Wagners geschichtlich, politisch und moralisch hören." Gott liebt die reuigen Sünder, Winifreds alles überschattendes Charakteristikum aber war die Unbußfertigkeit - die starrköpfige Uneinsichtigkeit in jene katastrophale politische Fehlorientierung, mit der sie den Festspielen und der Familie einen Schaden zugefügt hat, neben dem alle ihre unstreitbaren Verdienste verblassen müssen. Winifred ist dank ihres dreißig Jahre nach dem Kriegsende erfolgten Bekenntnisses zu Adolf Hitler zur Symbolfigur geworden - zur Symbolfigur einer eisernen Lady des Nazismus, zum Inbegriff trotziger, blinder Selbstgerechtigkeit, zur "Repräsentantin deutscher Finsternisse" (G. R. Koch). Damit verbleibt sie im Umkreis ihres "Führers", der mitsamt seiner blutigen Embleme zu einer mythologischen Inkarnation des Bösen geworden ist, wie es noch keiner andern Schreckensfigur der Geschichte gelungen ist. Feierstunden sind symbolische Akte, sind Bekenntnisse zur gefeierten Person. Feiert man Winifred, so feiert man die Nibelungentreue zum Nationalsozialismus unweigerlich mit. Wer Winifred öffentlich feiert, manövriert sich in eine Sackgasse, die er nicht unbeschädigt verlässt.

Was ganz offensichtlich bei der Gedenkveranstaltung 1997 in Bayreuth der Fall war, mit Sabine Henze-Döhring als Festrednerin. Dazu Nike Wagner: Nur Couragiertheit hätte ihr geholfen, die vorgegebene Sackgasse zu sprengen. (...) Warum nicht die komplizierten Zusammenhänge von Kunst und Moral und Politik am Beispiel Winifreds erörtern? Das hätte ihre Person herausgenommen aus dem lokalen Kontext und seinen breiteren Radius gezeigt. Oder man hätte Syberbergs Film, wenigstens ausschnittweise, zeigen und kommentieren können. Oder man hätte, endlich einmal, dem Eiertanz ein Ende machen und die Grenzen der Feierbarkeit unbelehrbarer Altnazis aufzeigen müssen.

Im Zeitalter Goldhagens, der Wehrmachtsausstellung und, last but not least, Gottfried Wagners niedersausender Nazikeule auf Vater, Onkel, Großmutter, Urgroßmutter und den Ahnen selber wäre von Bayreuth mehr zu verlangen als die Inszenierung sich selbst desavouierender Feierlichkeiten. Ein öffentliches "Nachdenken" muss als Täuschungsmanöver gelten, wenn man sich über die tiefere geschichtliche und moralische Problematik, die sich in Winifred verkörpert, nicht im Klaren ist. Das wegwerfend verharmlosende Wort Wolfgang Wagners vom "Hitlergewäsch" seiner Mutter weist aber leider in diese Richtung. Keine Feier zu veranstalten, wäre die geschicktere Lösung gewesen. Winifred wäre hundert geworden: Na und?


Gerne sei ergänzt, dass es andere Geburtstage heute durchaus zu feiern gibt: Zum Beispiel den des jung verstorbenen Beatles-Mitglieds Stuart Sutcliff (*1940) - und natürlich die 70. Geburtstage von Met- und Bayreuth-Dirigent James Levine sowie von William Cochran, dem unvergessenen Siegfried aus der Frankfurter "Ring"-Inszenierung von Ruth Berghaus, der als Vorzeigekünstler dafür gilt, dass ein stattlicher Leibesumfang die sängerdarstellerische Ausdruckskraft und Präsenz nicht behindern muss.
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