Bamberg

Der Vorhang schließt sich - und viele Fragen bleiben offen.

Mit diesem Eintrag endet "Mein Wagner-Jahr". Ganz werde ich das Schreiben über Wagner und Bayreuth aber nicht lassen.
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Jetzt ist endlich Ruhe im Karton - oder etwa nicht? Dem DVD-Cover zum schönen Wagner-Film mit Giuseppe Becce von 1913 zum Trotz wurde der Stummfilm im Wagnerjahr 2013 landauf landab mit Live-Musik aufgeführt.
Jetzt ist endlich Ruhe im Karton - oder etwa nicht? Dem DVD-Cover zum schönen Wagner-Film mit Giuseppe Becce von 1913 zum Trotz wurde der Stummfilm im Wagnerjahr 2013 landauf landab mit Live-Musik aufgeführt.
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Vor genau einem Jahr habe ich angefangen, über Wagner zu bloggen, relativ unvorbereitet. Schnell war klar, dass es jeden Tag genug Themen geben würde und ich baute notwendigerweise nebenher meinen immerwährenden Wagner-Kalender auf. Drei Monate lang jeden Tag zu schreiben, ist mir trotz anfänglicher, vor allem technischer Hürden nicht schwer gefallen, sogar während zweier Privatreisen nach Phoenix/Arizona und Venedig. Erst ab April bin ich etwas kürzer getreten. Es galt ja nicht, irgendwelche Rekorde aufzustellen. Dass es dann in der Summe doch fast jeden zweiten Tag war, hat mich selber überrascht. Wagner macht eben Spaß!

Keinen ungetrübten allerdings. Was sich schon durch seinen Antisemitismus und Rassismus erklärt, durch seine Egomanie auch. Das spiegelt "Mein Wagner-Jahr" ebenso wie die Tatsache, wie inspirierend, verführerisch und vielsagend er nach wie vor mit seinen Musikdramen ist, wie inspirierend, verführerisch und vielsagend dieser schrecklich selbstbezogene, aber durchaus auch einnehmende, geistreiche und humorvolle Mensch auf viele seiner Zeitgenossen und -genossinnen gewirkt haben muss. Was gäbe ich drum, ihn erlebt zu haben!

Stattdessen schlage ich mich beruflich seit gut vier Jahrzehnten mit seiner Nachkommenschaft, Politikern und sonstigen Amtsinhabern herum, die zwar auch alle gerne das Sagen, aber leider nur in seltenen Fällen die Kunst vor Augen haben. Inzwischen ist Bayreuth, nicht nur, was seine originalen Wagner-Immobilien betrifft, eine Lachnummer. Das liegt - um es noch einmal deutlich zu sagen - nicht unwesentlich an Toni Schmid, dem seit langem für die Festspiele zuständigen Ministerialdirigenten im bayerischen Kultusministerium.

Schmid hätte als einziger, seit über dreizehn Jahren konstant hauptverantwortlich Agierender - zunächst als Vorsitzender der Richard-Wagner-Stiftung und zeitweise sogar in Doppelfunktion, zuletzt als weisungsbefugter Vorsitzender des Verwaltungsrats der Bayreuther Festspiele GmbH - das skandalöse Wahnfried-Debakel verhindern können. Anstatt sich ernsthaft inhaltlich mit dem Sanierungs- und Umbauprojekt zu beschäftigen, galt sein Hauptinteresse wohl eher dem Architekten seiner Wahl. Personalentscheidungen im weitesten Sinne - ob es um die Besetzung von Leitungspositionen, um Wettbewerbe und Preisverleihungen geht - scheint Schmid ohnehin bayernweit nach persönlichem Gutdünken und auf Gutsherrnart fällen zu dürfen. Am besten ohne öffentliche Ausschreibung (die in punkto Festspielleitung laut gültiger Satzung nach der Änderung des Mietvertrags für das Festspielhaus hätte folgen müssen) bzw. ohne Vorschlagsregularien zu beachten (wie beim Eon-Kulturpreis 2011).

Schlimmer noch hat er kontinuierlich stets das getan, was dem Wolfgang-Stamm der Wagner-Familie frommt. Natürlich wäre es spätestens 2007, als die Millionenlücke im Festspieletat öffentlich wurde, seine Pflicht gewesen, Alarm zu schlagen und die Geschäftsfähigkeit des damals schon fast 88-jährigen Festspielleiters Wolfgang Wagner überprüfen zu lassen. Dass der weltweit dienstälteste Intendant intern längst die Leitung der Festspiele an seine zweite Frau Gudrun und die gemeinsame Tochter Katharina abgegeben hatte und nur noch durch seine Unterschrift präsent war, konnte man selbst in der Öffentlichkeit schon in den Jahren zuvor erleben: Erst wurde die internationale Pressekonferenz abgeschafft, dann trat Wolfgang Wagner immer weniger und schließlich nur noch kurz und für das obligatorische Eröffnungsfoto in Erscheinung. Als ich diese Fakten 2006 im Fränkischen Tag und in der Stuttgarter Zeitung beschrieben habe, folgte prompt von der auf Persönlichkeitsrechte spezialisierten Kanzlei Prinz eine Unterlassungsklage, mit den Unterschriften von Gudrun und Wolfgang Wagner - letztere derart zittrig, dass sie meine Ausführungen nur bestätigte.

Warum ich die alten Geschichten nochmal ausgrabe? Weil dieses von Politikern, Beamten und maßgeblichen Repräsentanten der "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth" unterstützte, nur dem Macht- und Monetenerhalt des Wolfgang-Stamms dienende Schmierentheater sich nahtlos fortgesetzt hat - bis heute und womöglich auch in Zukunft. Dass die "Wahl" der beiden Geschäftsführerinnen der Festspiel-GmbH eine vermutlich auf Erpressung fußende Farce war, habe ich immer wieder beschrieben und beklagt. Leider ohne Folgen.

Denn Toni Schmid, einige Politiker und "Freunde" scheinen alles daran zu setzen, dass Katharina Wagner über den 1. September 2015 hinaus Festspielleiterin bleibt und damit weiter, neben ihrer Honorarprofessur in Berlin, ein von Steuergeldern mitfinanziertes monatliches Gehalt beziehen kann, über dessen Höhe sich alle Beteiligten strikt ausschweigen. Ihre Halbschwester und Co-Intendantin Eva Wagner-Pasquier soll, wie aus gut informierten Kreisen zu erfahren war, dann weiterhin zumindest als "Beraterin" oder "Repräsentantin" ein ebenfalls aus öffentlichen Mitteln mitfinanziertes Salär bekommen - obwohl sie, wenn man den nicht nachlassenden Gerüchten und Geschichten glaubt, am Grünen Hügel neben dem Alphatier Katharina nichts zu sagen hat, obwohl ohnehin schon Dirigent Christian Thielemann als zusätzlicher künstlerischer Berater bezahlt wird.

Es gibt also maßgebliche Leute, die sich einen Kopf um die Altersversorgung einer aktuell 68-jährigen Millionärstochter machen, die unter anderem mitverantwortlich dafür ist, dass die Bayreuther Festspiele mehrere erfahrene Mitarbeiter rausgeworfen haben, die sich anschließend ansehnliche Abfindungen erstreiten konnten (wofür angeblich die "Gesellschaft der Freunde" finanziell eingesprungen ist), die auch mitverantwortlich dafür ist, dass es seit dem Ende der letzten Saison eine Regelung gibt, wonach über 65-Jährige nicht mehr bei dem zunehmend staatstheaterlich strukturierten Festival beschäftigt werden (was für einen saisonalen Theaterbetrieb mit kleinem Stammpersonal per se kontraproduktiv ist).

Was die beiden Festspielleiterinnen in ihren bisherigen fünf Amtsjahren "geleistet" bez. angerichtethaben, lässt sich unter anderem auch daran ablesen, dass ich 2014 zum ersten Mal seit über vierzig Jahren nicht mehr zu den Festspielen gehen werde - weder beruflich noch privat. Für mich, die ich schon das letzte Jahrzehnt der Ära Wolfgang Wagner zunehmend kritisch begleitete, ist das auch eine Frage der Haltung. Was sollte ich dort noch, wenn ich definitiv weiß, dass außer dem Lohengrin von Hans Neuenfels aus dem Jahr 2010 keine Produktion auf dem Programm steht, deren neuerlicher Besuch sich lohnt? Journalistisch ist Bayreuth heuer sowieso kein Thema, weil es keine Neuinszenierung gibt.

Und warum sollte ich mir 2015 den Tristan ansehen, der, was die Inszenierung betrifft, doch wieder nur ein Etikettenschwindel sein dürfte und der nur deshalb stattfindet, weil die jetzige Festspielleiterin sich gewissermaßen selbst dafür engagiert hat? Man muss sich das nur einmal vor Augen führen: Der greise Vater unterschrieb spätestens am 30. August 2008, über ein Jahr nach dem aus guten Gründen ausgebuhten Bayreuther Regiedebüt Katharinas, einen neuerlichen Regievertrag für die eigene Tochter, der ihr eine Festspielinszenierung für das Jahr 2015 sicherte, also mindestens sieben Jahre im Voraus. Niemand hat je öffentlich die Rechtmäßigkeit dieses Vertrags angezweifelt. Und das Wort Vetternwirtschaft verbietet sich ja, wenn man die richtigen Gene hat - oder?

Aber, wer weiß? Vielleicht erinnert sich, wenn es in einer Besprechung um Bayreuth geht, die in der politischen Rangordnung wichtigste Festspielpilgerin Angela Merkel plötzlich wieder daran, dass man sie vermutlich genau aus diesem Grund und im Wortsinn einmal hat auflaufen lassen: Als die Bundeskanzlerin während einer der letzten Premierenwochen des Festspiel-Prinzipals Wolfgang Wagner ohne Vorankündigung überraschend besuchen wollte, soll sie erst lange vor dem Tor zum Privathaus unterhalb des Festspielhauses wartend gestanden haben, bevor sie schließlich erfahren musste, dass sie nicht zu ihm vorgelassen würde. Warum wohl?

Ja, zumindest wegen der Kartenvergabe gab es offizielle Beanstandungen und Untersuchungen. Aber hat schon jemand ernsthaft nachgeprüft, warum es sowohl beim Online-Kartenvorverkauf für die Jubiläumsjahrveranstaltungen als auch beim neuerdings eingeführten Online-Kartendirektverkauf ohne Wartezeiten skandalöse und nicht tolerierbare (Daten-)Pannen gab? Müssen die derzeit drei aktiven Festspielgeschäftführerinnen bzw. -führer einem geschenkten Gaul, nämlich der angeblich kostenlosen Neuorganisation des Kartenverkaufs durch die damit offenbar heillos überforderte Bayreuther Firma TMT, einfach nicht ins Maul schauen, weil deren Chef gleichzeitig Vorsitzender des neuen wie überflüssigen Pro-Katharina-Vereins "Taff" ist, der mit dem anmaßenden Slogan "Wir sind Festspiele" auch in den Festspielpublikationen für sich werben darf?

Mein Vorschlag: Da die zuständigen Aufsichtsgremien zum Teil so eng verwoben sind mit den Agierenden in der Richard-Wagner-Stiftung, dem Verwaltungsrat der Festspiel-GmbH und den Festspielen selbst, sollte sich eine unabhängige öffentliche Instanz des Problemfalls annehmen. Und neben der notwendigen Neustrukturierung zum Beispiel den Kartenverkauf der letzten fünf Jahre genauer überprüfen. Denn irgendwie will ich nicht glauben, dass es keine Sonderkonditionen mehr für Reisebüros gibt. Wohin sonst sollten beispielsweise die Meistersinger-Premierenkarten im Jahr 2011 gegangen sein, die zwar offiziell verkauft, aber nicht genutzt wurden? Wie viele Plätze werden wohl 2014 leer bleiben? Und wie wird sich das auf die Motivation der Solisten, also letztlich auf das künstlerische Niveau auswirken?

Legt der scheinbar demokratische Onlinekartenverkauf, der plötzlich auf die bisherige Wartelistenpraxis verzichten kann, nicht die Vermutung nahe, dass die größten Festspielkarten-Schwarzhändler längst die Festspielleiterinnen selbst sind? Sie, die mit einer unglaublichen Fülle von künstlerischen, organisatorischen, technischen, wirtschaftlichen und menschlichen Pleiten, Pech und Pannen inzwischen das Stammpublikum verprellt haben, brauchen jedenfalls dringend neue Kunden. Am besten solche, die Opernneulinge sind und keine Ahnung haben, was sie sich beispielsweise mit den nur noch schwer verkäuflichen Tannhäuser-Karten einhandeln.

Man muss sich das so vorstellen: Weil die Bayreuther Festspiele schon durch das alljährlich in allen Medien laufende Politiker-Defilee zur Eröffnung auch für Otto Normalverbraucher bzw. Lieschen Müller ein Event sind, weil immer noch - auch durch die meisten Medien - die Mär erzählt wird, dass Festspielkarten absolute Mangelware seien, und weil auf e-bay Festspielkarten zu absurd überhöhten Preisen angeboten werden (die in den meisten Fällen keiner zahlt), konnte der erste reguläre Onlineverkauf (womöglich sogar auch dank der intolerablen technischen Pannen) zumindest von den Klick- und Bestellzahlen her ein Erfolg werden. Die Aussicht, elf Karten auf einmal ohne Wartezeiten ordern zu dürfen, wird nicht wenige Neukunden angelockt haben, die womöglich gar keinen Bayreuth-Besuch im Sinn haben. Sondern glauben, durch den Weiterverkauf der Karten einen Reibach machen zu können. Wenn sie sich da mal nicht täuschen!

Dass auch die BF Medien GmbH fragwürdig ist, hat in etlichen Details unter anderem deren früherer Mitarbeiter Alexander Busche beschrieben. Die mediale Verwertungsfirma wurde überhaupt nur gegründet, damit Katharina Wagner als deren Geschäftsführerin für alle Fälle schon einen Fuß im Festspielhaus haben konnte. Natürlich würde man gerne erfahren, welches Honorar sie sich beispielsweise für die DVD ihrer Meistersinger-Inszenierung zugeschanzt hat. Wie viel bekam ihr bis dahin unverzichtbarer Dramaturg, wie viel die Solisten? Warum gibt es von der ungleich wichtigeren, künstlerisch für die Festspielgeschichte relevanten Parsifal-Inszenierung von Stefan Herheim keine DVD, obwohl die Aufführung durch die BF Medien GmbH in Kinos und im TV-Sender arte übertragen wurde? Übernimmt die BF-Medien GmbH zunehmend Aufgaben, für die normalerweise das Pressebüro zuständig wäre, weil sich das vielleicht besser rechnet? Nur für wen? Für TMT Television und Spona Media?

Wie sieht überhaupt die monetäre Bilanz des Wagner-Jubiläumsjahres bei der BF Medien GmbH aus, die die einschlägigen Aufführungen und Events der Bayreuther Festspiele veranstaltete? Dass nur das einmalige Geburtstagskonzert im Festspielhaus ausverkauft war, aber viel kostete, ist bekannt. Aber wie steht es mit der anschließenden, miserabel organisierten und überteuerten Geburtstagsfeier in der Stadthalle? Spätestens wenn man die ebenfalls mit teils absurd hohen Eintrittspreisen vermarkteten Frühwerke in der Oberfrankenhalle dazu zählt, dürfte das Draufzahlgeschäft perfekt sein. Wollen wir wetten, dass das Defizit nicht unerheblich sein wird, trotz des beachtlichen Zuschusses allein des Freistaats in Höhe von 400 000 Euro für diese Veranstaltungen? Wer wird den Rest bezahlen?

Natürlich würde ich gerne noch einmal erleben, was Kirill Petrenko an Unerhörtem aus der Ring-Partitur zu zaubern weiß. Aber muss das in Bayreuth sein? Ausgerechnet bei einer Produktion, in der die Szene alles tut, um Wagner, seine Musik und seine Figuren zu ignorieren? Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin kein Gegner des sogenannten Regietheaters. Christoph Schlingensiefs Bayreuther Parsifal war für mich ein herausragendes Musiktheatererlebnis, genauso wie Calixto Bieitos ungemein harter, verstörender und doch wahrhaftiger Parsifal in Stuttgart. Ich bin geradezu süchtig danach, in Neuinszenierungen auch Neues entdecken zu dürfen. Nur sollte es in sich schlüssig etwas mit dem Werk, seinen Figuren und der Musik zu tun haben.

Was unter anderem eine handwerkliche Frage ist. Die letzten genuinen Opernregisseure in Bayreuth der letzten zehn Jahre waren Claus Guth (Holländer 2003) und Stefan Herheim (Parsifal 2008) sowie die ebenso im Schauspiel aktiven Szeniker Christoph Marthaler (Tristan 2005) und Hans Neuenfels (Lohengrin 2010). Alle anderen waren mehr oder weniger Regie-, Opern- oder Wagnerneulinge, die mit Ausnahme von Christoph Schlingensief das Ziel einer diskussions- und festspielwürdigen, einer bedeutenden Interpretation verfehlten.

Eben weil ich die Themen Antisemitismus und Rassismus bei Wagner und die lange Verstrickung der Wagners und der Festspiele mit dem NS-Regime ernst nehme, werde ich auch 2016 nicht zur Parsifal-Neuinszenierung kommen. Was hat, frage ich mich, ein Selbstvermarktungskünstler wie Jonathan Meese in Bayreuth zu suchen, der als wichtigstes Verkaufsargument immer wieder den Hitlergruß und NS-Symbole sprechen lässt? Selbst wenn nichts davon in seiner Regie aufscheinen wird, ist mir das Kalkül, das hinter diesem Engagement steckt, zuwider. Ganz abgesehen davon: Wer garantiert denn, dass Meeses Ruf nicht auch neobraune Geister nach Bayreuth lockt - ausgerechnet dorthin, wo die braunen Altlasten noch immer nicht ganz und sauber gehoben sind?

Zugegeben: Weil ich dann schon Rentnerin sein werde, muss ich mir das auch nicht antun. Ich gebe aber jetzt schon gerne den Kolleginnen und Kollegen mit auf den Weg, dass die Tatsache, dass Meese auf dem internationalen Kunstmarkt hoch im Kurs steht und immer wieder für einen Medienhype gut ist, rein gar nichts aussagt über seine Fähigkeiten, ein komplexes und diffiziles musikalisches Meisterwerk wie Parsifal zu inszenieren. Und dass sie zur Vorbereitung für Neuneubayreuth vorsichtshalber das schöne Märchen Des Kaisers neue Kleider von Hans Christian Andersen lesen sollten.

Apropos: Der diesjährige offizielle Weihnachtsgruß der kaiserlichen Festspielleitung ist ein kleiner Monatskalender, der in zehn verschiedenen Fotos immer wieder nur das Festspielhaus und auf zwei weiteren die leere Bühne zeigt. Was will uns dieser Kalender sagen? Dass die Immobilie wichtiger ist als das, wofür sie errichtet wurde, nämlich für die Kunst? Es lohnt sich in diesem Zusammenhang, an die Formulierung in der Stiftungsurkunde der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth zu erinnern, wonach es deren Zweck ist, "das Festspielhaus Bayreuth dauernd der Allgemeinheit zu erhalten und zugänglich zu machen und stets den Zwecken dienstbar zu machen, für die es sein Erbauer bestimmt hat, also einzig der festlichen Aufführung der Werke Richard Wagners."

Wie man dieses "festlich" definiert, ist natürlich eine andere Frage. Fest steht - und da brauche ich Horst Seehofer, dem bayerischen Ministerpräsidenten, fast nicht zu widersprechen, der auf der dem Festspielhauskalender beigefügten DVD mit Beiträgen aus dem Festspiel Podcast 2013 über das Geburtstagskonzert vom 22. Mai sagt: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man dieses Werk noch besser präsentieren kann. [...] Vielleicht war das auch eine geniale Idee, mal heute die Musik pur wirken zu lassen."

Was sich von mir aus unschwer bekräftigen lässt, mit den zwei für mich am meisten bewegenden, innovativen und tiefgehenden Wagneraufführungen 2013: mit dem konzertanten Parsifal in Dortmundunter dem von einer inkonsequenten und inkompetenten Festspielleitung aus Bayreuth vertriebenen Thomas Hengelbrock sowie dem konzertanten Ring in Luzern, mit den Bamberger Symphonikern unter Jonathan Nott. Trotzdem behaupte ich: Das "unsichtbare Theater" ist natürlich nicht die Lösung. Deshalb sind auch die zwei Wagner-Inszenierungen Aron Stiehls zu rühmen, die ich im Wagner-Jahr erleben durfte: sein Tannhäuser in Karlsruhe, der dank der Ausstattung von rosalie ein stupendes Kunstwerk ist, und seine begeisternde Version vom Liebesverbot in Bayreuth, die als Gastspiel der Oper Leipzig unter der ebenfalls begeisternden musikalischen Leitung von Constantin Trinks das Diktum der Wagnererben zum Bayreuther Werkekanon pulverisierte.

Ich werde also in den nächsten Jahren in Sachen Wagner wieder unterwegs sein, nicht in Bayreuth, aber andernorts - nachzulesen durch sporadische Beiträge im Kulturteil von www.infranken.de und in meiner neuen Kolumne auf der Homepage des Bamberger Richard-Wagner-Verbands (www.rwv-bamberg.de).

Um meinem Abschied noch die passende Formel zu geben: Die Überschrift dieses letzten Eintrags im Blog "Mein Wagner-Jahr" ist in seiner ersten Hälfte identisch mit dem letzten Satz, mit dem Richard Wagner die 1877 vollendete Parsifal-Dichtung abschloss. In der gestochenen Partitur aus seinem Todesjahr 1883 hingegen heißt es differenzierter: "Der Bühnenvorhang wird langsam geschlossen." Den gar nicht so kleinen Unterschied zu verstehen, das ist etwas, das ich 2013 durch meine intensive Beschäftigung mit Wagner gelernt habe. Und dafür bin ich dankbar.

P.S. Für alle, die eine Pointe schätzen, hier schnell noch der jüngste Witz von Radio Wagnerwahn: Stimmt es, dass die Chinesen, als Katharina Wagner ihnen den nicht von ihr realisierten Colón-Ring aus ihrer Hand andrehen wollte, in ein freudiges Hojotoho ausgebrochen sind? Im Prinzip ja. Aber sie haben schnell kapiert, dass es doch ganz schön ins Geld geht, wenn man die vielen Bühnenbilder zweimal bauen muss. Und dass selbst die richtigen Gene nichts wert sind, wenn man nur halbe Sachen macht.

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