Bamberg
Kurzfilmtage

Der Nazi im Kühlschrank und (k)ein schwuler Türke

Schein und Sein, das war ein wiederkehrendes Thema des Wettbewerbs 4 "Gastspiel" im Rahmen der 23. Bamberger Kurzfilmtage - ob es nun um scheinbar homosexuelle Ehrenmörder ging oder um einen dementen Mann, der seine Wohnung für ein IT-Unternehmen hält.
Nazi Goreng
Nazi Goreng
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Der Wettbewerb "Gastspiel" hatte einige interessante Filme aufzubieten. Thematisch waren sie weniger eng verwoben als in anderen Wettbewerben, insgesamt ergab sich jedoch ein stimmiges Bild, wenn auch nicht jeder Beitrag im gleichen Maß fesselte. Einige will ich Interessierten jedoch ans Herz legen:

"One Shot"
Gleich zu Beginn ein Kurzfilm, der sich scheinbar um ein schwieriges Thema dreht: Ehrenmord und Homosexualität im Islam. Schwere Kost. Ein junger Mann mit einer Pistole in der Hand erzählt von seiner Schwester, die sterben soll - sie hat Schande über die Familie gebracht. Er will alles für die Familie tun, das Problem ist nur: Er liebt einen Mann. Selbstmord erscheint ihm als einzige Lösung. Die sich entspinnende, völlig überzeichnete Situation mit seinem Geliebten, der mit ihm sterben will, wird dadurch aufgelöst, dass sich alles als Dreh offenbart. Ein Film im Film also - Shakespeare, ick hör' dir trapsen.

Doch damit nicht genug, auch der Streit am angeblichen Set, bei dem der vormals schwule Türke nun als homophobes Klischee auftritt, ist nur gespielt. Der Film im Film im Film also. Die Handlung ist nun also ein Spot gegen Rassismus. Oder etwa nicht? Die Grenzen zwischen Film und Realität verschwimmen und am Ende steht ein Monolog des Protagonisten Burak Yigit, der klar macht: Jegliche Ansicht über alles ist falsch, da alles eine Annahme aufgrund von Vorurteilen ist.

"Bear me"
Von Integrationsproblemen anderer Art handelt der Zeichentrickfilm "Bear me". In der Fabel geht es allerdings nicht um Menschen, die aus anderen Ländern kommen, sondern gleich um eine ganz andere Spezies. Ein Mädchen verliebt sich in einen kleinen, knuffigen Bären und nimmt ihn mit nach Hause.

Man kennt das Phänomen von anderen drolligen Bärchen wie Knut: Lange bleiben sie nicht klein und süß. Bald wird der Bär groß und vor allem offenbaren sich Seiten an ihm, die immer mehr Züge eines nachlässigen Ehemannes tragen. Liebe macht blind, und so redet sich das Mädchen die Situation schön. Bis der Bär sie für eine vollbusige Zirkusschönheit verlässt. Mit dem Nachfolger, einem Krokodil soll dann alles anders werden. Na klar.

Die Fabel über das Entstehen und Vergehen einer Liebe zeichnet die schmerzhaften Erfahrungen, die so ziemlich jeder schon einmal gemacht hat, humorvoll und ironisch nach. Wer kennt sie nicht, die Lügen und Beschwichtigungen, die das eigene Herz beruhigen sollen? Der pelzige oder wahlweise schuppige Gefährte ist dabei austauschbar.

"Meyer"
Eine kleine Wohnung in Berlin, unaufgeräumt, vollgestellt mit allerlei Gerümpel und vom Einrichtungsstil eher individuell. Sicher der letzte Ort, an dem man eine IT-Firma vermuten würde. Umso seltsamer, dass scheinbar genau hier ein Bewerbungsgespräch für die Stelle in einem solchen Unternehmen stattfindet.

Ein Mann ergeht sich in Vokabeln, die an die schlimmsten Zeiten der New-Economy-Blase erinnern und wohl auch heute noch durch die Geschäftswelt geistern. Konterkariert werden die inhaltsleeren Sprechblasen durch Alltagsgegenstände, die sie illustrieren sollen. So soll die Musterung der Badfliesen für die Vernetzung stehen und auch die Knoten auf einem geknüpften - und ziemlich hässlichen - Bildteppich stehen symbolisch für ein Netzwerk der Ideen.

Die absurde Szenerie wird schließlich aufgelöst: Der Bewerber ist der Sohn des angeblichen IT-Unternehmers und besucht seinen dementen Vater. Er lässt sich auf dessen Welt ein, was bedeutet, das Bewerbungsspiel in endloser Wiederholung mitzuspielen.

Entstanden ist der Film innerhalb von 24 Stunden im Rahmen eines Wettbewerbs, ausgelobt von einem österreichischen Brause-Hersteller. Zwölf Teams hatten vom Entstehen der Idee bis zum Einsenden des Beitrags genau einen Tag Zeit. Herausgekommen ist in diesem Fall eine eindrückliche Vater-Sohn-Geschichte, die zu Recht mit einem Sonderpreis ausgezeichnet wurde. Eine gute Platzierung ist dem Film auch bei den Bamberger Kurzfilmtagen zu wünschen.

"Blödes Orchester"
Ein erfrischendes Zwischenspiel bietet ein ganz und gar nicht blödes Orchester, das komplett mit Haushaltsgeräten besetzt ist. Rasierer, Föns, Ventilatoren, Waschmaschinen, Mixer, elektrische Messer und viele mehr erzeugen eine analoge Techno-Sinfonie, die sowohl akkustisch als auch optisch unterhält.



Der Retro-Chique der Geräte, die geschätzt aus den 70er-Jahren stammen, unterstreicht noch zusätzlich die herrlich verstaubte Art, Musik zu erschaffen. Den Schlusspunkt setzt der Dirigent, hier dargestellt durch ein Telefon.

"Nazi Goreng"
Den Abschluss bildet ein Film, dessen Name hellhörig macht, vor allem hierzulande. Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Hakenkreuze sprühender Neonazi flieht vor der Polizei in ein vermeintlich deutsches Lokal, nur um dort auf eine halbseidene Zusammenkunft von Asisaten zu treffen, die sich an exotischen Tänzerinnen erfreuen oder sich dem Glücksspiel hingeben.

Nazi Goreng | Ausschnitt from rke on Vimeo.



Bevor der junge Rechtsradikale - überzeichnet dargestellt inklusive Hitler-Konterfei auf dem obligatorischen Baseballschläger - weiß, wie ihm geschieht, wandelt sich die Spelunke angesichts einer Polizeirazzia plötzlich. Aus dem zwielichtigen Schuppen wird eine gutbürgerliche Gaststätte mit allem, was man erwarten darf: Bier, deftige Hausmannskost und zünftige Musik.

Den Flüchtigen verrät man nicht etwa, sondern bugsiert ihn in einen Kühlschrank, zusammen mit einer sehr gelenkigen Tänzerin. Verwirrt und sichtlich in seinem Weltbild erschüttert verlässt der Jungnazi das Lokal.

"Nazi Goreng" kommt etwas hölzern daher, fast wie einer der naiven, harmoniesüchtigen Antirassismus-Spots aus den frühen Neunzigern, die in Schwarz-Weiß-Malerei und beinahe kindlichem Optimismus kaum zu überbieten sind. Warum ich ihn dennoch empfehle? Weil er mit seiner skurrilen Szenerie unterhält und Potenzial offenbart.
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