Phoenix
Mein Wagner-Jahr

Der honorarabhängige Unabhängigkeits-Marsch

Schon wegen seiner Geldprobleme setzte Richard Wagner immer wieder seine Hoffnungen auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Wagner-Bloggerin Monika Beer vor einem Saguaro-Kaktus. Foto: Larry Brothers
Wagner-Bloggerin Monika Beer vor einem Saguaro-Kaktus. Foto: Larry Brothers
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Sorry, aber momentan finde ich partout nichts, was den 25. Februar mit dem Thema verbindet, das heute in meinem immerwährenden Wagner-Kalender steht. "Wagner und Amerika" ist einfach deshalb dran, weil ich mich - aus familiären Gründen - gerade in den U.S.A. befinde. Genauer in Phoenix/Arizona, dort wo der majestätische Saguaro-Kaktus zuhause ist.

Amerika war für Richard Wagner immer wieder Thema. Nicht nur in seinen theoretischen Schriften, sondern auch als Alternative, als Rettungsanker bei den immerwährenden Geldsorgen. Schon Anfangs 1852 dachte er in einigen Briefen an seine Möglichkeiten in Amerika, später wurden längere Konzertreisen nicht nur erwogen, sondern öfters auch angefragt. Und zu seiner Frau Cosima sagte er eines Abends bedauernd sogar, wenn sie beide nicht fünfzehn Jahre zu spät zusammengekommen wären, hätten sie eine Stadt Wahnfried in Amerika gegründet.

Ganz praktisch hat Wagner allerdings, abgesehen von Tantiemen, nur einmal in Amerika richtig Geld gemacht: mit dem "Großen Festmarsch zur Eröffnung der hundertjährigen Gedenkfeier der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Nordamerika". Das Auftragswerk bestellte Theodore Thomas, seinerzeit einer der bedeutendsten Dirigenten in Amerika und Musikdirektor in Philadelphia, wo gleichzeitig auch die Weltausstellung eröffnet werden sollte.

Das Honorar, das Wagner verlangte, betrug stattliche 5000 Dollar. Am 8. Februar 1876 sagte er die für ihn doch ungewöhnliche Auftragsarbeit endgültig zu, am 15. Februar hatte er den Marsch bereits skizziert, die Partitur schloss er am 17. März ab. Sein Frau Cosima notierte in ihrem Tagebuch dazu zum 14. Februar: "R. immer arbeitend, klagt darüber, dass er sich bei dieser Komposition gar nichts vorstellen könne, beim Kaiser-Marsch sei es anders gewesen, selbst bei Rule Britannia, wo er sich ein großes Schiff gedacht, hier aber gar nichts außer den 5000 Dollars, welche er gefordert und welche er vielleicht nicht bekäme."

Er bekam sie. Nicht umsonst widmete Wagner das Werk einem Frauenverein aus Philadelphia, dessen Damen eigens Spenden gesammelt hatten, um das Honorar aufbringen zu können. Den Titel der Auftragsarbeit ergänzte der Komponist übrigens mit einem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe: "Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss."

Immer wieder dachte Wagner auch daran, nach Amerika auszuwandern. So schrieb der darob entsetzte König Ludwig II. im Juli 1877 an Wagner: "O diese leidigen pekuniären Angelegenheiten! Zu meinem Schmerze musste ich durch Düfflipp jüngst erfahren, dass Sie Ihr Anwesen in Bayreuth zu verkaufen und nach Amerika überzusiedeln gedächten! Ich beschwöre Sie bei der Liebe und Freundschaft, die Uns seit schon so vielen Jahren verbindet, geben Sie diesem entsetzlichen Gedanken keinen Raum mehr; eine nie zu tilgende Schmach wäre es für alle Deutsche, wenn sie ihren größten Geist aus ihrer Mitte scheiden ließen, nicht lieber darben würden, um sich den großen Genius für das Vaterland zu erhalten! und für mich würde der Schmerz so groß, so gewaltig sein, dass jede Lebensfreude mir vergiftet, ja erstickt würde für immerdar!"

Auch während seines langen Italienaufenthalts 1880 dachte Wagner wieder ans Auswandern. Aus Neapel schrieb er am 4. März 1880 an Friedrich Feustel in Bayreuth: "Eine Reise in Amerika habe ich deshalb immer von Neuem wieder ernstlich erwogen und für die Anstrengungen derselben meine Kräfte in Berechnung gezogen. Aufrichtig gesagt, hat mich bisher immer davon der Gedanke abgeschreckt, in Amerika eben nur als Geldsucher mich von einem Spekulanten herumschleppen zu lassen, um - im besten Falle - schließlich mit einem kleinen Vermögen wieder zurückzukehren, und - das Elend von vorne anfangen zu lassen, ja, vielleicht mein Geld wieder für eine Idee zu opfern, welcher ich bereits genug geopfert zu haben glaube, um endlich einzusehen, wie sich diese Idee zu dem Zustande unseres ganzen deutschen Wesens verhält."

"Hiergegen muss ich Ihnen anvertrauen", schreibt Wagner weiter, "dass der Gedanke mich mit meiner Familie, meiner Idee und meinen Werken, für alle Zeit gänzlich in Amerika niederzulassen, sehr ernstlich in mir Wurzel fasst. Habe ich einzig zu bedauern, nicht bereits längst mir einen frischeren und kräftig treibenden Boden für die Zukunft meiner Werke, sowie meiner Familie ausgewählt zu haben, so kann mich meine tiefe Ueberzeugung vom Verfall der europäischen Kultur nur dazu antreiben, desto ernstlicher und entschiedener noch jetzt diesen Ausweg zu beschreiten. Fast lasse ich es nur noch davon abhängen, wie die Amerikaner mein Anerbieten aufnehmen werden."

Weitere Angebote für längere Konzertreisen folgten, die er aber schon aus gesundheitlichen Gründen nicht ernstlich erwog. Eine seiner letzten Anmerkungen zu Amerika wird den Amerikanern sicher gefallen. Zum 4. November 1882 notierte Cosima Wagner in ihrem Tagebuch: "Beim Kaffee besprechen wir das ‚Kleine Buch von Bismarck‘, und dann wenden wir uns nach Amerika, von welchem R. die einstige Beherrschung der Welt erwartet."

Aktuell ist es garantiert die Kinowelt, die Amerika beherrscht. Ich befinde mich nur etwa 350 Meilen entfernt von Los Angeles, wo gerade die Oscar-Verleihung stattgefunden hat. Die Live-Übertragung musste ich allerdings sausen lassen. Aus gutem Grund. Mehr darüber demnächst. Gerne trage ich noch nach, dass heute vor 140 Jahren die Tenorlegende Enrico Caruso geboren wurde - und 29 Jahre zuvor Karl Friedrich May, durch den ich, weil er wie Wagner ein Sachse war und weil eine Vielzahl seiner berühmten Abenteuerromane in den Vereinigten Staaten spielen, doch noch irgendwie die Kurve kriege. Wie auch durch meine oben abgebildete Kopfbedeckung. Sie stammt aus meinem bevorzugten Hutgeschäft namens Christl Wagner am Grünen Markt in Bamberg.
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