Salzburg
Mein Wagner-Jahr

Der gestotterte "Parsifal"

Nicht nur die blamabel lange Tonstörung beeinträchtigte am Samstag die TV-Übertragung der "Parsifal"-Neuinszenierung von den Salzburger Osterfestspielen.
Parsifal (Johan Botha, links) und der gramgebeugte Gurnemanz (Stephen Milling, rechts) in der Salzburger "Parsifal"-Inszenierung Foto: Barbara Gindl/dpa
Parsifal (Johan Botha, links) und der gramgebeugte Gurnemanz (Stephen Milling, rechts) in der Salzburger "Parsifal"-Inszenierung Foto: Barbara Gindl/dpa
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Natürlich habe ich mir die leicht zeitversetzte TV-Übertragung der Salzburger Parsifal-Neuinszenierung auf 3Sat nicht entgehen lassen. Aber ich konnte und wollte das aus Bamberg stammende Geburtstagskind Adolf von Groß - so viel Lokalpatriotismus darf schon sein - nicht mit Verspätung abfeiern. Im Nachhinein muss ich feststellen: Das war schon richtig so. Denn dieser Parsifal - eine Koproduktion mit dem Beijing Music Festival, der Semperoper Dresden sowie dem Teatro Real in Madrid - ist nicht wichtig.

Das hat mehrere Gründe. Schon die Übertragungspannen waren schier unglaublich. Von Beginn an gab es eine technische Störung, die nicht nur dazu führte, dass die Anmoderation immer wieder abgehackt und löchrig wurde, sondern dass fast der komplette 1. Aufzug musikalisch gewissermaßen nur gestottert gesendet wurde. Erst nach einer Stunde wurde erstmals überhaupt eingeblendet, dass es eine Tonstörung gab. Woran es genau lag, konnte oder wollte die 3Sat-Pressestelle mir gestern auf Anfrage nicht mitteilen.

Die Leidensfähigkeit von Wagnerliebhabern war damit noch bei weitem nicht ausgetestet. Und das hat jetzt nichts mit technischen Übertragungswegen zu tun, sondern mit künstlerischen Entscheidungen, die bei den Salzburger Osterfestspielen neuerdings Christian Thielemann obliegen, der bekanntlich unter anderem auch in Bayreuth nicht nur dirigiert, sondern als künstlerischer Berater der beiden Festspielleiterinnen unter Vertrag steht.

Die augenfälligste Fehlentscheidung war es, die Titelfigur der Neuinszenierung mit Johan Botha zu besetzen. Er hat die Partie, soweit sich das bei der unzulänglichen TV-Übertragung überhaupt sagen lässt, achtbar gesungen, in den Stimmfarben aber eher zu blass und gleichförmig. Mein Haupteinwand gegen ihn betrifft wohlgemerkt nicht seine Leibesfülle: Auch dicke Sängerinnen und Sänger können glaubhafte, überzeugende und fesselnde Darsteller sein.

Nicht so der aus Südafrika stammende Tenor. Schon 2010, als er in Bayreuth als Siegmund debütierte, waren für mich seine schauspielerischen Defizite entscheidend. "Johan Botha, der neue Bayreuther Siegmund", schrieb ich nach der Walküre-Wiederaufnahmepremiere, "singt zwar erfreulich gut, aber sein gestisches Vokabular ist noch kleiner als das eines Verkehrspolizisten. Mimisch hat er außer Zähneblecken und Augenrollen kaum mehr drauf. Hauptsache, der Blickkontakt zum Dirigenten steht. Wie er in seiner XXXL-Weste auf der Bühne Wurzeln schlägt, öffnet er ein ungeplantes Zeitfenster ins 19. Jahrhundert, in die reine Rampensingerei, die dem Dichterkomponisten Richard Wagner bekanntlich ein Gräuel war."

Auch im Bayreuther Jubiläumsjahr-Ring ist Botha als Siegmund besetzt. Ob Frank Castorf und seinem Team etwas Besseres einfällt als dem Salzburger "Parsifal"-Regisseur Michael Schulz? Jedenfalls retten bei einem Parsifal, der wirkt, als sei er pfeilgrad einer von Otto Schenks Opernparodien entsprungen, fünf Knaben-Statisten im 1. Akt und fünf ansehnliche junge Männer im 2. Akt nicht stellvertretend die Jugendlichkeit, die der Titelheld ausdrücken sollte. Und Siegmund muss bekanntlich noch mehr das Gegenteil einer Statue sein.

Überhaupt tummeln sich in diesem Parsifal Doubles und merkwürdige Figuren sonder Zahl auf der Bühne. Während Amfortas und Klingsor durch die Besetzung mit dem damit sängerisch doch etwas überforderten Bariton Wolfgang Koch verschmelzen, gibt es Klingsor zusätzlich in Gestalt eines Liliputaners (Rüdiger Frank), der in seinem Glyptothek-Garten (Bühne und Kostüme: Alexander Polzin) die utopisch-modischen Blumenmädchen und die aus dem Fin de Siècle stammende Kundry auf den Parsifal-Koloss loslässt.

Zwei fast nackte, tätowierte Nymphen tänzeln vorzugsweise um Amfortas in seinem Batikgewand herum (Choreographie: Annett Göhre), schlimmer noch taucht im Plexiglasröhren-Gralsgebiet sehr früh ein Jesus-Darsteller mit Dornenkrone auf, der wiederum ein schwarz gekleidetes Pendant hat und als erstes die am Boden liegende Kundry segnet. Ein himmelschreiender Unsinn, denn damit erübrigt sich eigentlich für die weibliche Hauptfigur der Rest des Abends. Aber weit gefehlt: Sie bringt erst den Klingsor-Zwerg um und sorgt dann auf der zusammengeschmolzenen Schräge für eine an den Haaren herbeigezogene Schlusslösung.

Was immer sich der Regisseur (dem vor Jahren in Weimar ein beachtlicher "Ring" gelungen ist), seine Dramaturgin und der Ausstatter gedacht haben, es ist wenig erhellend, nichtssagend, wirkt wie die beliebige Aneinanderreihung von Versatzstücken aus der Wagner-Rezeption, ist bestenfalls Kunsthandwerk, aber keine sinnstiftende Musiktheaterkunst. Wenn sich für mich das Zuschauen dennoch gelohnt hat, dann in erster Linie durch den sängerdarstellerisch rundherum überzeugenden Stephen Milling als Gurnemanz, von dessen Wortverständlichkeit und Artikulation sich auch die etwas zu aufgedrehte Kundry von Michaela Schuster eine Scheibe abschneiden könnte.

Ob die drei Chöre unter Pablo Assante und die Sächsische Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann wirklich so gut waren, wie sie vom Premierenpublikum bejubelt wurden, vermag ich beim besten Willen nicht zu beantworten. Das ginge nur, wenn ich die nächste und letzte Vorstellung am 1. April im Großen Festspielhaus zu Salzburg besuchen würde. Was ich mir aber aus den geschilderten Gründen glatt versage. Nein, diesen Gral lasse ich lieber unenthüllt. Und feiere stattdessen den Komponisten und für mich singulären "Parsifal"- und "Ring"-Dirigenten Pierre Boulez, der heute vor 88 Jahren im französischen Montbrison geboren wurde, und gedenke seines Kollegen Eugen Jochum, der unter anderem Chefdirigent der Bamberger Symphoniker war und heute vor 26 Jahren in München starb - auf den Tag genau 160 Jahre nach Ludwig van Beethoven.
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