Karlsruhe (Baden)
Mein Wagner-Jahr

Dass Oper Theaterkunst ist, wird hier wahr

Weil Aron Stiehl in der Frühwerke-Serie mit dem "Liebesverbot" in Bayreuth einen Coup gelandet hat, sei gerne auf seine vorige Wagner-Inszenierung verwiesen - zumal sein "Tannhäuser" in Karlsruhe von der bildmächtigen rosalie ausgestattet wurde. Im Februar 2014 wird die Produktion nochmals wiederaufgenommen.
Wolfram (Armin Kolarczyk) mit dem Lied an den Abendstern im 3. Akt Alle Szenenfotos: Monika Rittershaus/Badisches Staatstheater Karlsruhe
Wolfram (Armin Kolarczyk) mit dem Lied an den Abendstern im 3. Akt Alle Szenenfotos: Monika Rittershaus/Badisches Staatstheater Karlsruhe
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Auch kampferprobte Wagnerschlachtrösser wie ich müssen mal durchatmen, zumal wenn sie ausgerechnet bei den Frühwerken von einer schweren Sommergrippe erwischt werden. Daher nur kurz das Wesentliche: Die Premieren von Rienzi und Das Liebesverbot in der Bayreuther Oberfrankenhalle habe ich besucht und besprochen - wider Erwarten, worüber noch gesondert berichtet wird. Und weil letzteres Werk, die einzige wirklich komische Oper Richard Wagners, von Aron Stiehl so genial inszeniert wurde, ziehe ich gleich noch eine Stiehl-Produktion aus dem Ärmel. Deren Premiere liegt zwar mit alternierender Besetzung neun Monate zurück, und mein Besuch fand vor sechs Wochen statt, aber StiehlsTannhäuser-Inszenierung in Karlsruhe mit der unverwechselbaren Ausstattung von rosalie wird ab 9. Februar 2014 für drei weitere Vorstellungen wiederaufgenommen. Ein heißer Tipp!

Warum ich garantiert nochmal hinfahre, ist allerdings nicht nur auf meine Begeisterung zurückzuführen. Sondern auch darauf, dass mein Besuch am 30. Mai unter gar keinem guten Stern stand. Der Wagnerjahr-Ernstfall war eingetreten, der zumindest in den Künstlerischen Betriebsbüros, zuweilen selbst beim Publikum Panik auslösen kann. Denn wenn zeitgleich überall Wagner aufgeführt wird, sind Wagnerheroinen und -helden noch rarer als sonst. John Treleaven, Titelprotagonist am Badischen Staatstheater Karlsruhe, war kurzfristig derart erkrankt, dass er weder singen noch spielen konnte. Einspringer Luis Chapa, der auf die Schnelle für die ausverkaufte Vorstellung gefunden wurde, hatte die Partie zwei Jahre zuvor schon ein paar Mal in Erl gesungen, musste aber mit Notenpult auf die Bühne.

Das war insofern fatal, als damit die Inszenierung nicht mehr schlüssig aufgehen konnte. Zum einen erzwang die Situation, dass vor allem der 2. Akt in Personenführung und Ausstattung nur rudimentär wiedergab, was ursprünglich einstudiert wurde. Zum anderen konnte der auf seine Noten fixierte Tannhäuser eine Regieidee nicht zum Tragen bringen: "Ein wesentliches Moment in Stiehls Interpretation", stellte Alexander Dick in seiner Premierenkritik in der Badischen Zeitung fest, "ist das niedergeschriebene Wort. Das Papier mit Tannhäusers Versen ist für Elisabeth ein Fetisch; sie wird es vor ihrem Tod Wolfram übergeben, er zitiert darauf sein Lied an den Abendstern - eine originelle, kluge Sichtweise. Und ‚der Gnade Heil‘ verheißt zu Wagners Schlussapotheose der Griff aller nach der Schrift, nach dem fixierten Gedanken. Dessen Freiheit die Wartburg-Gesellschaft zuvor noch so in Frage gestellt hat."

Eigentlich konnten in der Vorstellung vom 30. Mai nur diejenigen, die vorab einige Kritiken gelesen hatten, die Intentionen der Regie und die gezeigte Schlusslösung verstehen, konnten erahnen, wie intensiv die hier eher psychologische Erzählweise wirken würde, wenn sie von szenisch einstudierten und nicht indisponierten Hauptsolisten getragen wird. Dass die Zuschauer am Ende dennoch begeistert applaudierten, obwohl zum 2. Akt auch noch Christina Niessen in der Doppelrolle Elisabeth/Venus als indisponiert angesagt werden musste, hatte vor allem zwei Gründe. Erstens wusste Einspringer Luis Chapa sich im Verlauf des Abends so zu steigern, dass er im 3. Akt eben nicht nur den ihm nicht sehr geläufigen Text und die Noten sang, sondern auch ohne szenische Unterstützung kraft seiner geschmeidigen, nuancenreichen und leuchtenden Tenorstimme ein glaubhafter Tannhäuser wurde.

Und zweitens gab es trotz aller Einschränkungen noch so viel zu sehen und zu erleben, dass einem fast schwindlig werden konnte. Kein Wunder: Für die Ausstattung zeichnet die Künstlerin rosalie verantwortlich, über die in diesem Blog schon mehrfach berichtet wurde. Der Tannhäuser ist ihre vierte Wagner-Arbeit - und er ist überzeugend und wegweisend gelungen. Aron Stiehl dürfte - ähnlich wie es der früh verstorbene Uwe Scholz war - ein idealer Regiepartner für sie sein: Er versteht sein Handwerk ohne die üblichen Regietheatermätzchen so gut, dass Konzept und Personenführung nicht untergehen in ihrer überwältigenden dreidimensionalen Licht-Bild-Verführung, sondern ebenso wirkungsmächtig bleiben. Anders gesagt: Dass Oper Theaterkunst ist, wird hier wahr.

Das Einheitsbühnenbild ist ein dreiteiliger Lichtguckkasten aus gewölbten Quadern, die in allen nur denkbaren Farben und Abstufungen aufleuchten können, teils mit Projektionen bespielt werden und je nach Lichteinfall eine räumliche Tiefenwirkung haben. In jedem Akt kommen weitere Elemente hinzu: im 1. und im 3. Akt gliedern zwei bzw. drei abstrakte Skulpturen aus schwarzen Taucheranzugmaterial den Raum. In die Venusbergszene schweben neben den eher herkömmlich auftretenden Balletttänzern (Choreographie: Davide Bombana) vier riesige Tüllröcke ein, aus denen wie bei umgedrehten Pilze anstelle des Stiels Beine und Unterkörper herausragen; der zweite Teil des 1. Akts schillert ironisch mit Lederhosen, Jagd-, Wald- und Wiesenkitsch.

Der 2. Akt findet in einem kalt spiegelnden, mit chromblitzenden Tonnensitzen ausgestatteten Saal statt, mit reichlich gelackt und angepasst wirkenden Figuren, im 3. Akt versinnbildlichen gegen Ende die beiden Engel Luzifer und Serafin die gar nicht so gegensätzlichen Gegenwelten von Venus und Elisabeth. Was übrigens an den Kostümen und Perücken gut ablesbar ist: Die beiden von derselben Solistin dargestellten Frauen unterscheiden sich nur durch ihre Haarfarbe und andersfarbige Applikationen auf dem gleichen schwarzen Kleid. Je genauer man hinsieht, desto mehr sinnige Details entdeckt man - bis hin zu den ganz normal angezogenen männlichen und weiblichen Pilgern, die am Schluss aus Rom zurückkehren.

Gespielt wird die Wiener Fassung. Das Badische Staatsorchester unter dem inspirierenden, überwiegend zügig, kontrastreich und transparent dirigierenden Dustin Brown trägt die Solisten und den Chor, gibt den Sängern die Sicherheit, die sie für den langen und doch so kurzweiligen, großen Wagnerabend brauchen. Vielleicht macht sich sogar eine Gruppe oberfränkischer Opern- und Wagnerfreunde auf den Weg nach Karlsruhe? Schließlich hat man Aron Stiehl in allerbester Erinnerung - wegen seiner bejubelten Inszenierungen am Landestheater Coburg: zuletzt 2011 mit La traviata und schon vor über zehn Jahren mit den Operetten Im weißen Rössl und Der Vogelhändler.
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