Luzern

Das unsichtbare "Ring"-Theater

Heute nur ein kurzer Radio-Tipp: Der schweizerische Rundfunk startet heute in seinem Programm SRF2 Kultur auch als Live-Stream die Erstsendung der kompletten "Ring"-Tetralogie der Bamberger Symphoniker unter Jonathan Nott beim Lucerne Festival.
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Beifall nach der "Walküre" für die Bamberger Symphoniker unter Jonathan Nott (ganz rechts) und das Wälsungenpaar mit Meagan Miller (Sieglinde) und Klaus Florian Vogt (Siegmund). Im Zuschauerraum saß übrigens auch der Komponist und Bayreuther "Ring"-Dirigent Pierre Boulez. Foto: Michael Trippel/KKL
Beifall nach der "Walküre" für die Bamberger Symphoniker unter Jonathan Nott (ganz rechts) und das Wälsungenpaar mit Meagan Miller (Sieglinde) und Klaus Florian Vogt (Siegmund). Im Zuschauerraum saß übrigens auch der Komponist und Bayreuther "Ring"-Dirigent Pierre Boulez. Foto: Michael Trippel/KKL
Es war eine Sternstunde nicht nur in der Geschichte der Bamberger Symphoniker, sondern auch in der des inzwischen seit fünfundsiebzig Jahren bestehenden Lucerne Festivals: die konzertante Aufführung von Richard Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen durch die Bamberger Symphoniker vom 30. August bis zum 4. September im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) am Vierwaldstättersee, unweit von Tribschen entfernt, wo Wagner nach langer Pause die Ring-Komposition wieder aufnahm. Heute um 22 Uhr startet der SRF (Schweizer Rundfunk und Fernsehen) in seinem Kulturprogramm die Sendung der kompletten Aufzeichnung der Tetralogie; die weiteren Abende folgen am 22., 26. und 29. Dezember

"Das Unternehmen barg Risiken", schrieb nach den ersten beiden Abenden Peter Hagmann in der Neuen Zürcher Zeitung: "Ein weiterer Ring, und das im Wagner-Jahr 2013? Zudem bloss konzertant: auf dem Podium eines Festivals, das mit Musiktheater wenig am Hut hat? Und dann noch mit den Bamberger Symphonikern, einem geschätzten, aber doch eher regional ausstrahlenden Orchester? Alles Unkenrufe, das weiss man jetzt, da die Aufführungen von Rheingold und Walküre am Lucerne Festival vorbei sind. Zwei kapitale Abende waren das - kapital, weil hier Gewichte verschoben, Beleuchtungen überprüft, Erwartungshorizonte erweitert wurden. Möglich machte das die Prämisse, die konzertante Darbietung von Wagners Ring des Nibelungen nicht als Notlösung zu sehen, sondern sie als eine eigentliche, vollwertige und gültige Erscheinungsform der Tetralogie zu verstehen. Auf dieser Basis entstand das Theater gleichsam von selbst: als eine rein imaginäre Erscheinung, die keiner Bühne bedarf, die vielmehr allein aus Sprache und Musik heraus erwächst. Und dass das so wirkungsvoll geschehen würde, wie es hier der Fall war, hätte wohl niemand vorauszusagen gewagt."

In seiner zweiten Kritik nach Siegfried und Götterdämmerung stellte er fest: "Vielleicht muss man jetzt noch einmal nachdenken. Über den Begriff des Gesamtkunstwerks, über die Postulate, die Richard Wagner dazu aufgestellt hat, und darüber, was wir Nachfahren bis heute daraus gemacht haben. Nicht unwahrscheinlich ist jedenfalls, dass es mit der Gleichberechtigung der Künste, die Wagner so emphatisch für sein Musiktheater in Anspruch genommen hat, nicht gar so viel auf sich hat. Wer den Ring des Nibelungen liebt, muss ihn immer und immer wieder besuchen; und wer ihn auf diesem Weg zu entdecken beginnt, wird bald gewahr, dass es hier ganz klar eine Hauptrolle gibt. Es ist die des Orchesters - die Leistungen der Sänger hin, die Kapriolen der Regisseure her. In vielen Produktionen - gerade bei den Bayreuther Festspielen, wo das Orchester verdeckt agiert - lässt sich das erahnen. Die vom Lucerne Festival gebotene Gesamtaufführung von Wagners Tetralogie nach Bayreuther Muster, also in geschlossener Folge, jedoch mit je einem Pausentag nach der Walküre und nach Siegfried, hat es Gewissheit werden lassen."

In der Neuen Musikzeitung fasste Christian Kröber nach der Götterdämmerung seine Eindrücke wie folgt zusammen: "Die Bamberger zeigten im Schlussstück der Tetralogie, was in ihnen steckt, was unter der Stabführung von Nott auf die Bühne gebracht werden kann. Dieses ehemals aus Prag ins oberfränkische Bamberg gezogene Orchester pries sich im schweizerischen Luzern damit eigentlich als natürlicher Begleiter der Bayreuther Festspiele an. Im Ausland gelang diesem Klangkörper, was im eigenen Land häufig so schwierig ist: objektive Aufmerksamkeit von Publikum und Öffentlichkeit. Nach atemberaubenden, fast fünf Stunden Musik herrschte am Ende schweigende Ergriffenheit des Publikums, die sich in glückseligen Jubel für diese musikalische Sternstunde verwandelte."

Und Wagnerexperte Alexander Dick feierte die Aufführungen sowohl in Kritiken zu Rheingold und Walküresowie zu Siegfried und Götterdämmerung in der Badischen Zeitung als auch in der internationalen Fachzeitschrift Opernweltals riesige sinfonische Dichtungen mit Gesang: "Woran kann es liegen, dass man eine Inszenierung nicht vermisst hat? War es gar das vom Komponisten scherzhaft postulierte 'unsichtbare Theater', das einen so vereinnahmte? Es war vor allem das sichtbare Orchester. Selten hat man Wagners Partitur so transparent aufgeblättert erlebt wie durch die Bamberger Symphoniker und ihren Chefdirigenten Jonathan Nott. Und auch wenn eine Götterdämmerung nirgends so pastos, so weich und ausgeglichen klingt wie im Bayreuther Festspielhaus: In der luziden Akustik des Luzerner KKL entdeckt man ob des Obertonreichtums die Schönheiten dieser sinfonischen Musik noch einmal ganz neu."

Wer jetzt noch meine Kritiken aus Luzern lesen will, dem kann geholfen werden: Hier finden Sie Rheingold und Walküre, Siegfried und Götterdämmerung.

P.S. Als Nachklang zum Blog vom 15. Dezember hat Udo Schmidt-Steingraeber mitgeteilt, dass die Ausstellung "Goldene Klänge im mystischen Grund" des Leipziger Museums für Musikinstrumente im Festspielsommer 2014 in den Räumen seiner Bayreuther Klaviermanufaktur in der Friedrichstraße gezeigt werden wird.
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