Gemmrigheim
Mein Wagner-Jahr

Blaue Luftballonpoesie auf der Pegnitz

Am 24. Februar 1953 wurde bei Stuttgart die erste Frau geboren, die bei den Bayreuther Festspielen prägend als Bühnen- und Kostümbildnerin wirkte.
rosalie bei der Blauen Nacht 2006 in Nürnberg mit ihren über der Pegnitz tanzenden blauen Ballons. Foto: Karlheinz Beer
rosalie bei der Blauen Nacht 2006 in Nürnberg mit ihren über der Pegnitz tanzenden blauen Ballons. Foto: Karlheinz Beer
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Gudrun Müller heißt sie im bürgerlichen Leben, wurde heute vor sechzig Jahren im Gemmrigheim am Neckar geboren - nur kennt in der Opern- und Kunstwelt sie so gut wie niemand unter diesem Namen. Wenn hingegen ihr Künstlername rosalie fällt, erinnern sich sofort viele Festspielbesucher an die wunderbar skulpturalen Kostüme und ihre kunstvollen, wirkungsmächtigen und poetischen Bühnenbildfindungen, wie sie am Grünen Hügel zuvor noch kein Ausstatter gewagt hatte. Und erst recht keine Frau. Dass sie prägend wirkte, schlug sich schnell in dem Schlagwort "Designer-Ring" nieder - ein verkürzender, verkleinernder Begriff, denn die Bilderwelten, die rosalie für Alfred Kirchners Inszenierung der Tetralogie von 1994 bis 1998 schuf, waren alles andere als bloßes Design.

Im zweiten Aufführungsjahr 1995 schrieb dazu Sabine Zurmühl in der taz unter anderem prophetisch: "In diesem Sommer langt es immer noch zu den herzhaftesten Buhs, die die beiden sich mit bewundernswertem Masochismus jeden Abend abholen, in die sich aber bereits eine kräftige Stimme des Beifalls und der Akzeptanz mischt. Im nächsten Jahr wird sich dieses Verhältnis noch weiter verschoben haben, und im übernächsten schwärmen dann alle von ihrem Wotanssegel in Königsblau, von den schwarz-roten Walküren-Kostümen in dieser Mischung aus Reifrock und Bauhaus-Figurine. Sie werden auch die frühlingsknatschgrünen Schirme genießen, die Siegfrieds Waldweben überspannen, und den Rachen des Lindwurms, der aus einem Berg herausklappt mit zwei Krokodilsaugen, darin der Riese Fafner m seinem schwarzgelbem Kopfschild wie ein Südsee-Insulaner. In den oft gespreizten, mit Reifen und Stangen arbeitenden Kostümen, in denen die Nornen wie große Würmer den Boden abtasten oder Frickas linke Körperhälfte fesselartig umschlungen ist, zeigt sich eine neuerliche Betonung der ‚Ring‘-Figuren in ihrer mythologischen Sphäre, wie sie die vorigen Interpretationen, etwa von Chéreau und Kupfer, gerade vermieden hatten. So oft wurde betont, wie menschlich die Götter sind, dass nun die Gegenentdeckung einsetzt: Sie sind auch Archetypen, zeitüberspannend, in einer Welt der unaufschiebbaren Konflikte auf Leben und Tod, ohne den Ausweg des Verdrängens."

In der "Frankfurter Rundschau" beschrieb Hans-Klaus Jungheinrich die Ausstattung wie folgt: "Unbefangen mischt Rosalie in ihren Bildern leere Monumentalität und überflutende Phantastik. Die technischen und stilistischen Mittel werden sehr variabel angewendet: Postmoderne mit modern-abstrakter Akzentuierung. (...) Fast noch enthemmter und eigenwilliger sind die meisten (nicht alle) Kostüme Rosalies. Die sperrigen Walküren-Amazonen sind ins Insektenhaft-Kriegerische gesteigert mit zylindrischen, enorm hüftbreiten, nach unten zu leicht sich verjüngenden Hosenbeinen. Vom dritten ‚Siegfried‘-Aktan erhält Brünnhilde einen Weiblichkeit betonenden weißen Brustpanzer. Im visionären ‚Götterdämmerung‘-Finale schreitet sie, mit nochmals modifizierter Gewandung, sozusagen als stilisierte Clarissin daher. Überhaupt war der Kleiderluxus bei diesem ‚Ring‘ Trumpf. Immer wieder wurden Asymmetrien bei den Figuren hervorgehoben, etwa durch den vereinzelten Binsen- oder Korbärmel Frickas oder den Raupenarm Gunthers. An Tierstudien angelehnt schienen die Nornen mit am Boden entlang tastenden Saugrüsseln. Mime und Alberich muteten, mit gallertartigen Rückensäcken, wie scheußliche Käfer an. Als erdachte und gezeichnete Figuren und Figurinen hatten diese fabulösen ‚Ring‘-Wesen bereits faszinierende Gestalt, und fast mochte sie das der dramatischen Verlebendigung entheben."

Der "Ring" in Bayreuth blieb nicht die einzige große Wagnerarbeit von rosalie. Im Jahr 2005 ging sie in Basel noch einen Schritt weiter und übernahm, unterstützt von einer regielichen Mitarbeiterin, bei "Tristan und Isolde" neben Bühnenbild und Kostümen auch die Inszenierung. Im Juni 2012 folgte in Tokio "Lohengrin" mit einer Medienlichtinstallation, Bühnenbild und Kostümen von rosalie (Regie: Matthias Stegmann), im Oktober 2012 hatte ein "Tannhäuser" in ihrer Ausstattung am Staatstheater Karlsruhe Premiere (Regie: Eva Maria Höckmayr). Fränkischen Opernfreunden unvergessen sind ihre Arbeiten am Opernhaus Nürnberg.

Neben ihrem innovativen Schaffen für Musiktheater und Ballett unterrichtet sie seit 1995 in Karlsruhe als Professorin, leitete in Salzburg Meisterklassen und ist auch als bildende Künstlerin erfolgreich, was sich unter anderem vielerorts in farbenfreudigen Installationen manifestiert. In Bayreuth begrüßen ihre Flossis an der Hausfront der Industrie- und Handelskammer gegenüber vom Bahnhof gleichsam alle Ankommenden, bei Kreul in Hallerndorf ließ sie riesige Pinsel rotieren, in Nürnberg sitzen zwei ihrer Sitz- und Flitzhasen auf dem N-Ergie-Centrum - und natürlich ist vielen noch die "Blaue Nacht" 2006 in bester Erinnerung, weil rosalie als Künstlerin des Jahres in ihrer dreiteiligen Installation dort riesige blaue Ballons auf der Pegnitz tanzen ließ. Schon die Titel dieser temporären Raumskulptur "...wo Dein sanfter Flügel weilt..." und "Ich trete in die dunkelblaue Stunde" sowie der Ausstellung "Auf der Suche nach der blauen Rose" lassen erkennen, wie poetisch der Ansatz dieser außergewöhnlichen Künstlerin ist.

Unter den Geburtstagen am 24. Februar ragt heute natürlich Arrigo Boito heraus, Giuseppe Verdis kongenialer Librettist, der heute vor 171 Jahren geboren wurde. Exakt 235 Jahre früher fand in Mantua mit Claudio Monteverdis "L'Orfeo" die erste überlieferte Opernuraufführung überhaupt statt.

Und heute vor 34 Jahren wurde die unvollendet gebliebene Oper "Lulu" von Alban Berg in der durch Friedrich Cerha fertiggestellten dreiaktigen Version von Friedrich Cerha an der Pariser Oper uraufgeführt. Das Leitungsteam war mit Dirigent Pierre Boulez, Regisseur Patrice Chéreau, Bühnenbildner Richard Peduzzi und Kostümbildner Jacques Schmidt identisch mit jenem, das 1976 den legendären Jubiläums-"Ring" in Bayreuth realisiert hat.
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