Köln
DSDS

Beatrice Egli ist unser neuer Anti-Superstar

Zehn Jahre. Zehn lange Jahre lang lassen wir jetzt schon Dieter Bohlen, seine dämlichen Sprüche und jede Menge Möchtegern-Gesangstalente über uns ergehen. Alles nur, damit Deutschland, also wir, jetzt mit der strahlenden Schlager-Schweizerin Beatrice Egli einen zehnten "Superstar" küren durfte.
Beatrice Egli kommt aus der Schweiz, singt für ihr Leben gerne Schlager - und hat am Samstag die zehnte Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" gewonnen. Foto: Henning Kaiser/dpa
Beatrice Egli kommt aus der Schweiz, singt für ihr Leben gerne Schlager - und hat am Samstag die zehnte Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" gewonnen. Foto: Henning Kaiser/dpa
Eines vorneweg: Ich schaue eigentlich kein "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS). Gut, die allererste Staffel damals habe ich geguckt - aber damals war ich 15 Jahre alt, da dürfte das ja wohl noch erlaubt sein. Oder? Danach habe ich mir den Quatsch nie wieder angetan. Ich schwöre. Bis Samstag. Weil's ja das große Finale war. Die hochgejubelte Jubiläumsstaffel. Und etwas besonderes obendrein, denn es standen ja zwei Frauen im Finale. Das hatte es bisher nur einmal gegeben, in der zweiten Staffel. Die damalige Siegerin Elli Erl war auch bis dato der einzige weibliche "Superstar" in der DSDS-Geschichte. Da dachte ich mir, wir Frauen müssen doch zusammenhalten. Und habe die Sendung laufen lassen. Ein großer Fehler.

Ich will jetzt gar nicht davon anfangen, dass schon der Auftakt ein großes Drama à la RTL war, weil gleich zu Beginn der Sendung beim Auftritt der ausgeschiedenen Top 10-Kandidaten eine gewisse Nora einfach umgekippt ist. Ich will auch nicht darauf hinaus, dass natürlich bis zuletzt unsicher war, ob Finalistin Lisa Wohlgemuth überhaupt antreten würde, weil sie von einer fiesen Kehlkopfentzündung niedergestreckt wurde.

Nein, am meisten hat mich eigentlich gewundert, dass es in der Sendung um alles zu gehen schien - nur nicht um Gesang. Da war Drama-Drag-Queen Olivia Jones, die sich anscheinend im Dschungelcamp so sehr an die Anwesenheit von DSDS-Kandidaten gewöhnt hat, dass sie direkt aus dem Busch ins Kandidaten-Loft gezogen ist, um dort die Hausmutti zu spielen. Da war Juror Mateo, im richtigen Leben Frontmann von Culcha Candela, der es offenbar nicht fertig brachte, ein Urteil über den Auftritt der späteren Siegerin Beatrice Egli zu fällen. Stattdessen weiß Fernseh-Deutschland jetzt, dass er Schlager total furchtbar findet, aber die Kuhglocken, die Beatrices Fans mitgebracht hatten und auch eifrig benutzten, gerne als Klingelton hätte.

Tokio Horror-Hotel

Und dann waren da Bill und Tom Kaulitz, die Zwillinge, die als Tokio Hotel reihenweise Teenies zum Kreischen und Umkippen brachten. Früher zumindest. Inzwischen gehören sie rein optisch zu den Menschen, vor denen ich schreiend davonlaufen würde, wenn sie mir im Dunkeln auf der Straße begegnen würden. Sogar Olivia Jones hat sich zu der Bemerkung hinreißen lassen, wie enttäuscht sie von Bill sei: "Ich dachte, wir Transen müssen doch zusammenhalten." Eigentlich naheliegend - Bill wirkte ja schon immer - nunja - ein bisschen metrosexuell, und die langen blonden Extensions machen es nicht besser.

Aber ich schweife ab. Da waren ja noch die zwei Frisörinnen, die um die Krone der... also, für einen Plattenvertrag und ein Lob vom "Diedäää" um die Wette gesungen haben. Lisa Wohlgemuth (die mit der Kehlkopfentzündung) hat knallrote Haare, stammt deutlich hörbar aus Sachsen und wird dort, wie man in einem Einspieler sehen konnte, schon gefeiert wie ein Star ("Ich bin schon ä Fan von ihr, seitdem ich wusste, dass sie ä Ossi is"). Beatrice Egli kommt aus der Metropole Pfeffikon aus der Schweiz und ihr "Herz brennt für Schlager". Ansonsten ist ihre prägendste Eigenschaft wohl ihr scheinbar festgeschraubtes Dauergrinsen. Beide durften je dreimal auftreten, einmal davon mit einem Titel, den Pop-Titan Dieter Bohlen den Kandidatinnen jeweils "auf den Leib geschrieben" hat. Zumindest laut Moderatorin Nazan Eckes. Dass beide Titel irgendwie doch ziemlich gleich klangen und nur "Heartbreaker" auf Englisch war und "Mein Herz" eben auf Deutsch, steht auf einem anderen Blatt und ist auch sicher niemandem sonst aufgefallen.

Aber weil es am Ende eben einen neuen Superstar geben muss, darf man nicht so anspruchsvoll sein. Beatrice hat nur Oma-Lieder à la "Und morgen früh küss ich dich wach" gesungen? Na und, dafür war Lisa mit "Someone like you" von Adele eindeutig überfordert. Und zwar nicht nur gesanglich, sondern auch sprachlich. Entsprechend hat am Ende Beatrice gewonnen - mit 70,25 Prozent der Anrufer sogar recht deutlich. Und das, obwohl sie so ziemlich das exakte Gegenteil von alldem ist, was RTL sonst so an "Superstars" herausbringt. Sie ist nämlich 1. eine Frau, singt 2. ausschließlich auf Deutsch, mag 3. Schlager und hat 4. noch nicht einmal eine emotionale Tränendrüsen-Geschichte vorzuweisen. Dabei hat letzteres doch etwa bei Ex-Knacki Menowin Fröhlich oder beim arbeitslosen "Kein Plan B zum Superstar-Dasein"-Rocker Thomas Godoj so gut geklappt. So richtig zum großen Erfolg verholfen hat ihnen das aber auch nicht.

Apropos Erfolg: Den hatte am Samstag noch nicht einmal RTL selbst mehr. Im Vergleich zu 12,8 Millionen Fernsehzuschauern im ersten DSDS-Finale waren es diesmal nur noch 4,63 Millionen. Dummerweise ist das aber kein Grund, nicht trotzdem noch eine elfte Staffel DSDS anzuhängen. Da finden sich bestimmt auch wieder genug junge Leute, die glauben, singen zu können und sich gerne öffentlich von Dieter Bohlen & Co. schikanieren lassen. Und Beatrice Egli, der neue (Anti-)Superstar? Die kann jetzt ihr Album herausbringen und vielleicht mal beim ZDF in Sachen Musikantenstadl vorsprechen. Oder nächstes Jahr bei RTL von der Schlagerprinzessin zur Dschungelkönigin aufsteigen. Oder sie freut sich einfach über die 500.000 Euro, die sie von RTL bekommt, geht zurück nach Pfeffikon und bleibt Frisörin. Das wäre vielleicht auch keine schlechte Idee.
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