Bayreuth
Mein Wagner-Jahr

Bayreuth und sein Wagner-Gen

Wolfgang Heubisch hat nochmal kräftig für sich Wahlkampf machen lassen - auch im Festspielhaus. Ob der gelernte Zahnarzt auch künftig in der bayerischen Kulturpolitik ein bisschen mitreden oder zurück in seine Praxis darf, haben heute die Wähler mitentschieden.
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Bayerns Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) und Festspiel-Chefin Katharina Wagner unterhalten sich am 11. September vor der Vertragsunterzeichnung zur Sanierung des Festspielhauses ebenda.Foto: David Ebener/dpa
Bayerns Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) und Festspiel-Chefin Katharina Wagner unterhalten sich am 11. September vor der Vertragsunterzeichnung zur Sanierung des Festspielhauses ebenda.Foto: David Ebener/dpa
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Im September ist das Festspielhaus zwar täglich mehrfach für Führungen geöffnet, ansonsten aber ist Ruhe im Karton bzw. in der Scheune. Nicht nur die Künstler, Musiker, Techniker und sonstigen Mitwirkenden sind längst abgereist, auch das Stammpersonal ist auf Betriebsurlaub - ob das nun die ganzjährigen Mitarbeiter in Verwaltung, Werkstätten und der Führungsetage sind. Nur Co-Festspielchefin Katharina Wagner und der geschäftsführende Direktor Heinz-Dieter Sense mussten diese Woche ihren Urlaub unterbrechen: wegen der exakt fünf Tage vor der bayerischen Landtagswahl terminierten Unterzeichnung der Finanzierungsvereinbarung für die Festspielhaussanierung.

Ach ja, der Wahlkampf! Toni Schmid, der zuständige Ministerialdirigent im bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, hat nicht nur dafür gesorgt, dass Wolfgang Heubisch, sein derzeitiger Minister, stimmenfängerisch kurz vor der Wahl die Pinakothek der Moderne in München wiedereröffnen konnte. Sondern auch noch seine Pressefotos im prestigeträchtigen Festspielhaus zu Bayreuth bekam, genauer im Foyer des Königsbaus des Festspielhauses. Der gelernte und vorübergehend nicht mehr praktizierende Zahnarzt hat also seine womöglich letzte Chance genutzt, um auch in der Festspielhauskulisse zu zeigen, was für ein Kaliber er als Kulturpolitiker ist.

Schon ein paar Tage vor dem Termin im Festspielhaus hat Heubisch einige Sätze von sich gegeben, die an mir nicht spurlos vorübergehen konnten: "Bayreuth braucht Wagner-Gen" titelten denn auch viele Zeitungen über folgende Meldung der Deutschen Presse-Agentur:

Nach Ansicht von Bayerns Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) soll die Leitung der Bayreuther Festspiele in der Hand der Wagner-Familie bleiben. "Eine Festspielleitung ohne die Familie Wagner kann ich mir nicht vorstellen", sagte Heubisch der Nachrichtenagentur dpa in München. "Der Name lautet 'Richard-Wagner-Festspiele' und das sagt doch eigentlich alles. Wenn man so viele Familienmitglieder hat, die sich im Bereich Kunst engagieren, sollte das Wagner-Gen dort erhalten bleiben."

Vor der Landtagswahl wollte er nochmals laut vernehmlich ausgesprochen haben, wie der ihn lenkende Ministerialdirigent und der darüber stehende Ministerpräsident sich die Zukunft Bayreuths ausgemalt haben: Zwar hüteten sich alle, konkret den Namen Katharina Wagner zu nennen, aber die Raben krächzen ihn unablässig vom Dach des Festspielhauses. Nur diesen einen Namen übrigens. Denn nach dem jüngsten Bayreuth-Eklat, bei dem die Festspielleiterinnen kurz vor Festspielende jenen zum Teil langjährigen Mitwirkenden und Mitarbeitern, die das Rentenalter erreicht haben, ziemlich barsch mitgeteilt hatten, dass sie künftig nicht mehr gebraucht werden, könnte es unpassend wirken, wenn die Amtszeit der aktuell 68-jährigen Eva Wagner-Pasquier über 2015 hinaus noch einmal verlängert würde. Letztere hätte bei der Vertragsunterzeichnung am Mittwoch sicher nicht mit Abwesenheit geglänzt, wenn es mit dem siamesischen Wagnerschwestern-Bayreuth weitergehen sollte wie bisher. Oder soll gar nahtlos ihr Sohn Antoine Wagner Co-Intendant werden? Schließlich hat es doch so viele Familienmitglieder, die sich im Bereich Kunst engagieren.

Wie soll man die Vorabäußerungen von Wolfgang Heubisch zur künftigen Festspielleitung einordnen? Ganz einfach. Er hat gesagt, was de facto und mehrheitlich ohne sein Mitwirken schon lange die landespolitische Linie für Bayreuth ist. Das mit den Genen stimmt schon, nur hätte er genauer sagen können, dass es sich eigentlich um die Gene von Wagnerenkel Wolfgang Wagner handelt. Denn allein sie waren entscheidend für die Abwicklung seines Nachfolgeverfahrens. Die eindeutig besseren Bewerber um den Posten - das Team mit Wagner-Urenkelin Nike Wagner und Gerard Mortier - wurden im Stiftungsrat der Richard-Wagner-Stiftung, der laut Satzung darüber zu bestimmen hat, wer Festspielunternehmer ist, bekanntlich links liegen gelassen.

Immerhin hat die jetzt unterzeichnete Finanzierungsvereinbarung insofern Bedeutung, als sie nicht nur den im Herbst 2014 beginnenden und voraussichtlich bis 2021 andauernden ersten Bauabschnitt der Festspielhaussanierung mit 30 Millionen Euro sichert. Entscheidend ist dabei die Aufteilung der Kosten: Der Bund und der Freistaat Bayern übernehmen mit je zehn Millionen Euro jeweils ein Drittel, die Stadt Bayreuth, die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e.V. und der Bezirk Oberfranken sowie die Oberfrankenstiftung erbringen mit unterschiedlichen Anteilen das restliche Drittel. Somit ist das nicht nur von Horst Seehofer öffentlich geäußerte Planspiel der rein bayerischen Festspiele vom Tisch.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann erklärte dazu: "Die Sanierung des denkmalgeschützten Festspielhauses ist dringlich und unverzichtbar. Obwohl Kultur primär Ländersache ist, beteiligt sich der Bund an dieser Investition, denn die Bayreuther-Festspiele sind von nationaler Bedeutung mit weltweiter Strahlkraft. Die heutige Unterzeichnung der Finanzierungsvereinbarung ist auch ein gemeinsames Bekenntnis des Bundes und Bayerns zum kulturellen Erbe und zur Zukunft der Festspiele in Bayreuth."

An der Unterzeichnung im Festspielhaus Bayreuth waren neben Neumann und Heubisch auch der Regierungspräsident von Oberfranken und Stiftungsratsvorsitzende Wilhelm Wenning, Bezirkstagspräsident Günther Denzler, die Bayreuther Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe und der nicht mit der Wagnerfamilie verwandte Unternehmer Wolfgang Wagner vom Vorstand der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth sowie zwei der drei hauptamtlichen Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele GmbH beteiligt.

Gegenüber der Lokalzeitung Nordbayerischer Kurier betonte Heubisch, dass die Sanierung des Festspielhauses kein einfaches Projekt sei, "denn die Festspiele müssen ja weiter stattfinden. Man kann es nicht bringen, die Festspiele wegen der Sanierung nicht stattfinden zu lassen. Man muss weiterspielen - das ist der Kern, das macht die Marke aus, das bringt die Besucher." Ist schon zu ihm durchgedrungen, dass die auch künstlerisch heruntergewirtschafteten Festspiele längst nicht mehr zig-fach ausverkauft sind und unter Publikumsschwund leiden? Nein, vermutlich nicht. Wenigstens ein Satz noch zu seinem Argumentationsniveau: Es befindet sich ziemlich genau auf der Höhe dessen, was in den letzten fünf Jahren im Wagnerschwestern-Bayreuth gegeben war. Und vermutlich weiter gepflegt werden wird. Bis auch der letzte Politiker begreift, dass es ein Fehler war, nur auf die Gene zu setzen.

Dass es bestimmt nicht einfach war, diese Finanzierungsvereinbarung überhaupt noch vor der Wahl zustande zu bringen, spiegeln eher die Äußerungen zwei anderer Beteiligter: Bayreuths Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe bezeichnete sie als "einen Meilenstein", entstanden aus "dem festen Willen aller Beteiligten, eine gute Lösung zu finden". Hoffentlich ist dem auch so, wenn es um die angeblich noch im September beginnenden Verhandlungen über die 2015 auslaufenden Verträge der aktuellen Festspielunternehmer geht.

Nicht alle Politiker in den Festspiel- und Stiftungsgremien halten die Wagnerschwestern für eine gute Lösung. Das spiegelte am Mittwoch unter anderem Bezirkstagspräsident Günther Denzleraus Bamberg, der auch überregional aufhorchen ließ, als er die vor einem Jahr von Toni Schmid eigenhändig zu Eon-Kulturpreisträgerinnen gekürten Wagnerurenkelinnen ausdrücklich nicht als Glanzlichter bezeichnet hat. In Anlehnung an seine damaligen Äußerungen sagte Denzler, dass der "Bau des Festspielhauses in Bayreuth von 1872 bis 1875 ein Glücksfall" gewesen und die Sanierung "einen Beitrag zur Stärkung des Kulturstandorts Oberfranken" sei. Damit mich jetzt niemand offener Wahlempfehlungen zeihen kann, stelle ich diesen Beitrag erst am 15. September um 18 Uhr online.

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