Luzern
Mein Wagner-Jahr

Bamberger "Siegfried-Idyll" in Tribschen

Im Landhaus Tribschen gibt es noch bis 30. November die Sonderausstellung "Zu Gast bei Richard Wagner" zu sehen. Am 4. September 2013 waren unter anderem dreizehn Bamberger Symphoniker im Salon des Hauses und spielten für Sponsoren das dort entstandene und uraufgeführte "Siegfried-Idyll".
Cellist Matthias Ranft im Vordergrund und hinten von links der Akademist Benjamin Hummel (Klarinette), Alexei Tkachuk (Fagott), William Tuttle und Christoph Eß (Horn) bei einer Probe des "Siegfried-Idylls" im Salon von Tribschen Foto: Michael Trippel
Cellist Matthias Ranft im Vordergrund und hinten von links der Akademist Benjamin Hummel (Klarinette), Alexei Tkachuk (Fagott), William Tuttle und Christoph Eß (Horn) bei einer Probe des "Siegfried-Idylls" im Salon von Tribschen Foto: Michael Trippel
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Da ich mich gerade noch in der Schweiz befinde, kann ich - bevor ich zum eigentlichen Thema komme - nicht umhin, an zwei historische Ereignisse zu erinnern: erstens an die Geburt des gerade auch für die Wagnerbühne wichtigen schweizerischen Theaterreformers Adolphe Appia am 1. September 1862 in Genf und zweitens an die am 3. September 1850 begonnene Erstveröffentlichung von Richard Wagners in Zürich verfasster Schmähschrift "Das Judenthum in der Musik"in der Neuen Zeitschrift für Musik, noch unter dem Pseudonym K. Freigedank.

Dass Wagner fast zwanzig Jahre später, diesmal von Tribschen aus, die erweiterte und verschärfte Wiederauflage des Aufsatzes unter eigenem Namen betrieb, beleuchtet leider nur, dass die Erstveröffentlichung kein Ausrutscher und Wagner ein überzeugter Antisemit war. Das Haus auf der Tribschener Landzunge in Luzern, in dem das geschah und das er insgesamt sechs Jahre lang mit seiner erst ab 1870 zumindest teilweise legitimierten Familie bewohnte, wurde 1933 im Erdgeschoss als Wagner-Museum eingerichtet.

Die Dauerausstellung mutet ein bisschen verstaubt an und erinnert wie von ungefähr in Ausstellungsästhetik und -didaktik ans größere Wagner-Museum in Bayreuth, wie es von 1976 an bis zur Schließung wegen Renovierung, Um- und Neubau ziemlich unverändert war. Nachdem die im ersten Stockwerk untergebrachte Musikinstrumentenschau in das neue Museum in Willisau ausgezogen ist, hat Museumsleiterin Katja Fleischer die Chance für eine erste zeitgemäße Sonderausstellung genutzt. "Zu Gast bei Richard Wagner" heißt die Schau, die noch bis 30. November gezeigt wird.

Sie bietet neben diversen Leihgaben aus Wahnfried und einigen musealen Neuzugängen - darunter die selten gezeigte Wagnerbüste von Fernando Cian und Cosima Wagners originaler Hochzeitsschmuck - auch Kindern und Wagnerneulingen Zugang: Räumlich im Mittelpunkt des Lebens dieser Patchworkfamilie steht im Speisesaal die festliche Tafel zur Taufe Siegfried Wagners, der bekanntlich, damit er als legitimer Erbe seiner Eltern gelten konnte, erst nach deren Heirat im Alter von fünfzehn Monaten direkt im Tribschener Landhaus getauft wurde.

Kinder wie Erwachsene haben jedenfalls ihre Freude daran, das 1868 komponierte Schlaflied für Cosima und Richard Wagners zweite gemeinsame Tochter Eva auf einem Xylophon nachzuspielen. Das Thema von "Schlaf', Kindchen schlafe" baute er später ins sogenannte Siegfried-Idyll ein, in sein als "Tribschener Idyll mit Fidi-Vogelgesang und Orange-Sonnenaufgang" tituliertes Geschenk zu Cosimas 33. Geburtstag, das er mit einer Handvoll Musikern der Züricher Tonhalle einstudierte und am Weihnachtstag 1870 im Treppenhaus von Tribschen uraufführte, um Cosima zu wecken.

"Wie ich aufwachte", notierte sie abends in ihr Tagebuch, "vernahm mein Ohr einen Klang, immer voller schwoll er an, nicht mehr im Traum durfte ich mich wähnen, Musik erschallte, und welche Musik! Als sie verklungen, trat Richard mit den fünf Kindern zu mir ein und überreichte mir die Partitur des Symphonischen Geburtstagsgrußes - in Tränen war ich, aber auch das ganze Haus!"

Am 4. September 2013, also genau 143 Jahre nach Siegfrieds Taufe, haben dreizehn Bamberger Symphoniker nicht im Treppenhaus, aber im Salon von Tribschen das auch von Cosima als Privatangelegenheit betrachtete und ungern als Konzertstück freigegebene Siegfried-Idyll aufgeführt. Gewissermaßen als Zugabe für einige Symphoniker-Sponsoren, die von Laurenz Lütteken, seines Zeichens Ordinarius für Musikwissenschaft an der Universität Zürich und Autor eines zum Wagnerjahr erschienenen neuen Wagner-Handbuches, sowie von Marcus Rudolf Axt, dem neuen Symphoniker-Intendanten, eine ganz spezielles Begleitprogramm zum Luzerner "Ring"-Event bekamen.

Wie verspielt diese schon impressionistisch schimmernde, kammermusikalische Liebeserklärung an Cosima ist - und an ihre Kinder, speziell an den einzigen Sohn Siegfried, genannt Fidi -, aber auch wie viel Wagner von seinem monumentalen, noch nicht vollendeten Ring des Nibelungen hineingepackt hat, das machten bei diesem kleinen Konzert deutlich: Solo-Flötist Ulrich Biersack, Solo-Oboistin Barbara Bode, Solo-Klarinettist Günther Forstmaier sowie der Klarinetten-Akademist Benjamin Hummel, Solo-Fagottist Alexei Tkachuk, Solo-Hornist Christoph Eß und Hornist William Tuttle, Solo-Trompeter Lutz Randow, 1. Konzertmeister Bart Vandenbogaerde, Stimmführer Raul Teo Arias von den 2. Geigen, Solo-Bratschistin Lois Landsverk, Solo-Cellist Matthias Ranft und Solo-Kontrabassist Georg Kekeisen. Ich jedenfalls saß auf dem grünen Sofa im Tribschen-Salon und war den Tränen gefährlich nahe.

Bleibt noch, auf die kostenpflichtigen Ring-Kritiken aus Luzern hinzuweisen: "Rheingold" und "Walküre" sind gemeinsam nach dem Auftakt am 30. und 31. August erschienen, gefolgt von "Siegfried"vom 2. September und der "Götterdämmerung" vom 4. August. Um nochmals auf den eingangs erwähnten Adolphe Appia zu kommen, sei dieser mit folgendem Satz zitiert: "Wir wollen auf der Bühne die Dinge nicht mehr so sehen, wie wir wissen, dass sie sind, sondern so, wie wir sie empfinden." Was beispielsweise neben Symphoniker-Chefdirigenten Jonathan Nott auch die heute vor sechs Jahren verstorbene, aber in immer noch vielen Herzen weiter lebende Wagnersängerin Astrid Varnay (1918-2006) unterschrieben hätte.
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