Tribschen
Mein Wagner-Jahr

Auf Wagners letzter Fahrt hatte Eva Geburtstag

Im Trauerzug von Venedig nach Bayreuth wurde heute vor 130 Jahren Wagners zweite Tochter Eva 16 Jahre alt. Sie sollte Cosimas treueste Sekretärin werden.
Die drei Wagner-Kinder (von links): Eva, Isolde und Siegfried mit 'Ring'-Dirigent Hans Richter. Vorlage: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung
Die drei Wagner-Kinder (von links): Eva, Isolde und Siegfried mit 'Ring'-Dirigent Hans Richter. Vorlage: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung
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Der Trauerzug, der am 16. Februar 1883 mit dem in einen Prunksarg gebetteten Leichnam Richard Wagners in Venedig gestartet war, kam heute vor 130 Jahren nach etlichen längeren Zwischenstopps zunächst zu einem mehrstündigen Aufenthalt in München an. Dort empfingen sämtliche Sänger- und Musikvereine den Zug. Adolf von Groß ließ den Salonwagen auf ein Geleis im Vorbahnhof bringen und blieb dort samt Dienerschaft, besorgt um Cosima Wagner, während seine Frau Marie und Cosimas Kinder der Feier im Bahnhof beiwohnten. Bei der Ausfahrt des Zuges wurde die Trauermusik aus der "Götterdämmerung" gespielt. An den Haltestellen auf der Weiterfahrt, in Regensburg und Weiden, wiederholen sich die Huldigungen. Bei der Ankunft in Bayreuth gegen Mitternacht war der Bahnhof überfüllt. Die Witwe und ihre Kinder wurden mit einer Equipage nach Wahnfried gebracht, Wagners Sarg verblieb im Bahnhof unter Bewachung der Turner-Feuerwehr.

Für eines der drei Wagner-Kinder war es ein besonderer Tag: Eva hatte an diesem 17. Februar 1883 ihren 16. Geburtstag. Das zweite uneheliche Kind Wagners aus dessen Verbindung mit Cosima von Bülow wurde am 17. Februar 1867 in Tribschen bei Luzern geboren. Für Cosima scheint es deshalb eine leichtere Geburt gewesen zu sein, weil, wie sie später Malwida von Meysenbug erzählte, Wagner im Nebenzimmer "leise und sanft die himmlischen Waltherlieder gespielt habe und ihr dadurch die schwere Stunde so verklärt worden sei.

In der offiziellen Lesart schrieb der spätere "Ring"-Dirigent Hans Richter in sein Tagebuch: "Den 17ten Febr., Samstags, Geburt der 4ten Tochter Bülow‘s Vormittags 9 Uhr. Um 2 Uhr Ankunft B.‘s. Den 19. Febr. Nachmittags 3 Uhr Taufe: ‚Eva Maria‘. Dabei als Taufzeuge und Pathen-Stellvertreter gewaltet." Hans von Bülow, nach wie vor Cosimas Ehemann und ein für Wagner unverzichtbarer Dirigent, traf laut Cosima-Biograph Oliver Hilmes am Nachmittag aus Basel kommend in Tribschen ein: "Cosima hatte die Entbindung gut überstanden und hielt die Kleine bereits in ihren Armen. Hans setzte sich zu seiner Frau an das Kindbett und sagte: ‚Je pardonne‘, worauf Cosima vielsagend geantwortet haben soll: ‚Il ne faut pas pardonner, il faut comprendre‘." (Es geht nicht darum zu verzeihen, sondern zu verstehen).

Richard Wagner freute sich über seine zweite Tochter. In einem Brief an König Ludwig II. vom 20. Februar 1867 beschrieb er - natürlich unter Auslassung seiner Vaterschaft - die Umstände von Geburt und Taufe, welche nach Luzerner Kirchengesetz sogleich am dritten Tage vorgenommen werden musste. "Grosse Vorbereitungen waren da nicht zu machen. Wir nahmen meinen Secretär und die Erzieherin der Kinder, liessen durch sie abwesende Freunde als Taufpathen vertreten, und übergaben das Töchterchen ‚Eva, Maria‘ gestern dem Segen der Kirche." Bei der Heimkehr sang er glücklich für sich Verse seines Hans Sachs.

Auch ein Jahr später erinnerte Wagner sich gern an Evas Geburt. An die gerade abwesende Cosima schickte er aus Tribschen ein inniges Telegramm mit "Meistersinger"-Zitaten: "Was die Weise mir gebar, mehr als Morgentraum nur war: vom Parnas zum Paradies sie den Weg Leben wies." In sein "Braunes Buch" notierte er unter anderem "Eva und Sachs, so gut und gern, als Pech und Wachs, es thun in Luzern" und schmückte das Titelblatt der Orchesterskizze der "Meistersinger" mit einem Foto von ihm und seinen Töchterchen.

Nach Wagners Tod und nachdem Cosima sich in ihr zweites Leben eingefunden hatte, verlief Evas Leben in jenen Bahnen, die die Mutter ihren Töchtern gewiesen hatte: Sie hatten, ob nun Wagner ihr Erzeuger war oder Hans von Bülow, ihre eigenen Interessen möglichst hintanzustellen - zugunsten von Siegfried, dem einzigen Sohn und gewissermaßen Kronprinzen der Familie. "Seit sie den Kinderjahren entwachsen", schreibt Richard Graf Du Moulin Eckart in seinem "Wahnfried"-Buch von 1925 über Eva, "war sie die getreue und unermüdliche Helferin der Mutter geworden."

Als Eva im Alter von 41 Jahren den englischen Schriftsteller, Rassentheoretiker und Antisemiten Houston Stewart Chamberlain heiratete, war das keine Liebesheirat im herkömmlichen Sinn. Denn von Beginn an, schrieb sie einer Freundin, "stand es gleich unerschütterlich zwischen uns fest, unser Leben ist dem von Mama geweiht." Evas Mann avancierte zum Bayreuther Chefideologen, den auch Adolf Hitler bewunderte und besuchte, als Chamberlain schon schwer an einem Nervenleiden erkrankt war. Er starb 1927, von den Nationalsozialisten als "Seher des Dritten Reiches" beweint. Eva teilte seine völkisch-reaktionäre Gesinnung und war bis zu ihrem Tod am 26. Mai 1942 eine Anhängerin Hitlers.

"Mit fast männlicher Energie", charakterisierte Wahnfried-Biograph Du Moulin Eckart Evas Funktion "als getreuester Sekretär" ihrer Mutter Cosima. Was durchaus wörtlich zu nehmen ist. Seit 1911 verwahrte sie die Tagebücher sowie Teile des Briefwechsels ihrer Eltern und gab nur wenigen Vertrauten Einblicke in diese Dokumente, die sie zensierte, durch testamentarische Bestimmungen auf drei Jahrzehnte nach ihrem Tod sperrte und teils auch vernichtete. Eva verbrannte das Gros der Briefe ihres Vaters an ihre Mutter, nach eigenen Angaben bald nach dem Tode ihres Bruders Siegfried. Was genau Eva mit den schriftlichen Zeugnissen der Liebesgeschichte ihrer Eltern anstellte, ist ausführlich dokumentiert in Manfred Egers Buch "Alle 5000 Jahre glückt es".

Weil der 17. Februar gewissermaßen ein Eva-Tag ist, sei gerne noch daran erinnert, dass heute vor 166 Jahren im damaligen Agram und heutigen Zagreb die Sängerin Mathilde Mallinger geboren wurde, Wagners erste Eva in der Münchner "Meistersinger"-Uraufführung von 1868. Inwiefern eine Eva auch im Leben von Arcangelo Corelli eine Rolle spielte, mag aus Anlass seines 360. Geburtstages ein jeder selbst herausfinden, womöglich beim Besuch der Verdi-Oper "Un ballo in maschera", die am 17. Februar 1859 in Rom uraufgeführt wurde.
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