Venedig
Mein Wagner-Jahr

Als Wagner wie Othello raste

Am 4. Oktober 1848 vollendete Richard Wagner die Erstschrift des Prosaentwurfs zur "Ring"-Dichtung, am 4. Oktober 1880 traf er zu seinem vierten Venedig-Aufenthalt in der Lagunenstadt ein.
Der Palazzo Contarini "dalle figure", in dem Wagner samt Familie bei seinem vierten Venedig-Aufenthalt von 4. bis 30. Oktober 1880 logierte. Vorlage: Achiv
Der Palazzo Contarini "dalle figure", in dem Wagner samt Familie bei seinem vierten Venedig-Aufenthalt von 4. bis 30. Oktober 1880 logierte. Vorlage: Achiv
Während der erste September-Eintrag eher von einem nachträglich gut erfundenen Entstehungsmythos zum Ring des Nibelungen handelte, kann der Beginn des Monats Oktober mit einem konkreten Ereignis aufwarten: Heute vor 165 Jahren vollendete Richard Wagner in Dresden den Entwurf "Die Nibelungensage (Mythus)", die erste Prosaaufzeichnung zur Ring-Dichtung, die später unter dem Titel Der Nibelungen-Mythus. Als Entwurf zu einem Drama" veröffentlicht wurde.

Die auf den 4. Oktober 1848 datierte Erstschrift umfasst zwölf Seiten, von denen sieben mit einzelnen Korrekturen beschrieben sind; eine Reinschrift erstellte Wagner vier Tage später. Aufgrund dieser Vorstudie entstand zunächst der Proasaentwurf zur späteren Götterdämmerung, die er mit "Siegfried's Tod" als Oper in drei Akten betitelte und am 20. Oktober abschloss. In den darauf folgenden zwei Wochen konzipierte er auch das Vorspiel. In seiner Autobiographie beschreibt er es später wie folgt:

Jetzt ging ich daran, den lange mit Scheu gehegten Plan von "Siegfrieds Tod" auszuführen. Hierbei dachte ich nun allerdings nicht mehr an das Dresdener noch an irgendein Hoftheater der Welt, sondern einzig daran, etwas zu unternehmen, was mich ein für allemal von diesem unsinnigen Verkehr abbringen sollte. Staunend nahm Eduard Devrient, mit welchem ich, da damals mit Röckel nach dieser Seite hin durchaus nichts mehr anzufangen war, einzig noch über Theater und dramatische Kunst verkehrte, mein nach seiner Vollendung von mir ihm vorgelesenes Gedicht auf. Er erkannte die Tendenz, mich hiermit außer allem hoffnungsvollen Verkehr mit der modernen Theaterwelt zu setzen, und mochte natürlich dies durchaus nicht billigen. Dagegen versuchte er sich mit meiner Arbeit dahin zu befreunden, dass sie am Ende doch immer noch als nicht gar zu befremdlich und wirklich aufführbar zu denken sein sollte.

Wie ernstlich er dies meinte, bewies er durch den Nachweis eines Fehlers, der darin bestehe, dass ich dem Publikum doch gar zuviel zumute, wenn es sich aus kurzen epischen Andeutungen so sehr viel, was meinem Stoffe das richtige Verständnis geben sollte, zu ergänzen hätte. Er wies darauf hin, dass, ehe man Siegfried und Brünnhilde in ihrem feindseligen Konflikte vor sich sähe, dieses Paar zuvor in seinem wahren, ungetrübten Verhältnis einmal kennengelernt worden sein müsste. Ich hatte nämlich das Gedicht von "Siegfrieds Tod" gerade nur mit den Szenen, welche auch jetzt noch den ersten Akt der "Götterdämmerung" bilden, begonnen und alles auf das vorangehende Verhältnis Siegfrieds zu Brünnhilde Deutende nur in einem Zwiegespräch der einsam zurückgelassenen Gemahlin des Helden mit dem an ihrem Felsen vorüberziehenden Heere der Walküren in einem lyrisch-epischen Dialog dem Zuhörer erläutert. Der hiermit von Devrient gegebene Wink brachte mich zu meiner Freude sofort auf die Szenen, welche ich im Vorspiel zu diesem Drama ausgeführt habe.


Ebenfalls am 4. Oktober traf Wagner im Jahr 1880 auf der Rückreise von Neapel zu seinem vierten Venedig-Aufenthalt in der Serenissima ein. Er stieg mit seiner Familie zunächst im Hotel Danieli ab und zog zwei Tage darauf mit den Seinen in den Palazzo Contarini dalle figure am Canale Grande ein. Noch vor dem Einzug stellt sich mit Hans von Wolzogen ein erster Besucher ein. Cosima Wagner notiert zum 8. Oktober in ihr Tagebuch:

Vollstes Regenwetter, Wolz. als Pechvogel, R. sagt ihm heiter, er wünsche ihn und Schemann zum Teufel, denn sie zwängen ihn noch, sich mit dem Patronat-Verein abzugeben! - Am Nachmittag gibt es auf dem Markus-Platz noch einen Lichtblick; R. spricht zu W. über die Wandlung der Blätter in ein öffentliches Organ, es ermüdet ihn aber, und er entschließt sich, schweigend heimzugehen. Abends nimmt er sehr herzlichen Abschied von unserem Freund.

Tags darauf herrscht "herrlichstes Wetter, welches R. in vollen Zügen genießt; er freut sich der Stadt in jeder Beziehung, sei es, dass er fahre oder zu Fuß gehe." Was er tatsächlich mindestens zwei Mal pro Tag in seinen Spaziergängen gegen Mittag und nochmals am Nachmittag tut. Die Akademie der schönen Künste wird mehrfach besucht, der Markusplatz fast täglich, samt Einkehr im Caffè Lavena. Während des gut vierwöchigen Aufenthalts arbeitet er an der Urschrift von "Was nützt diese Erkenntnis?", dem Nachtrag zu seiner Schrift "Religion und Kunst". Über den 13. Oktober hält Cosima Folgendes fest:

R. wie immer etwas angegriffen, wenn unser engster Kreis sich erweitert. Er will die Kinder, welche ein letztes Mal im Lido baden, an der Piazzetta treffen; dass die Gondel sich dort nicht einfindet, versetzt ihn in die größte Heftigkeit; wie ich mich entschuldige und ihm sage, wie die Sache stand, meint er, ich müsste ihn nur immer rasen lassen, es sei Bedürfnis, und keine Vernunft könne er anhören, er sei wie Othello, den Desdemona's Unschuld um so wütender mache. Und unsäglich gütig und himmlisch gut ist er in der Erklärung seines Zustandes.

Wiederum einen Tag später schreibt sie: "R. träumt, dass ich vieles an den Nibelungen auszusetzen gehabt hätte und dass ich ihm meine Bedenken in einem zwölf Seiten langen Brief geschildert hätte. Sehr heiter durch diesen Unsinn beginnen wir einen herrlichen Tag." Die herrlichen Tage im sonnengoldigen Venedig enden am 30. Oktober 1880:

"Dann wandelt er an Freundes Hand betrübt und traurig in's kältre Land", singt R., der große Unruhe und Missbehagen empfindet, welches sich bis zur Wut steigert, als er in Wind und Wetter den Salon-Wagen besehen hat, der ihm sehr missfällt. Er ist traurig, Neapel verlassen zu haben. - [...] Die Sänger kommen, die so oft R. unwillig gemacht haben, die uns aber jetzt wirklich erfreuen und schön stimmen, indem sie immer singend unserer Gondel voranfahren und bis an die Eisenbahn das Geleite geben. Leb wohl, Venedig! Um 6 Uhr Abfahrt.

Ach, Wenedig! Im ganz realen Venedig war ich zuletzt im Februar, aber immerhin kann ich aktuell von zwei Opernpremieren berichten: Lohengrin in Würzburg und Otello in Nürnberg. Nicht zu vergessen der Hinweis auf eine Wagnerveranstaltung am 9. Oktober um 19 Uhr in Bamberg: In der Staatsbibliothek, wo derzeit noch eine sehenswerte Wagner-Ausstellung gezeigt wird, hält Professor Ulrich Konrad vom Lehrstuhl für Musikwissenschaft an der Universität Würzburg seinen mit Sicherheit amüsanten Vortrag "Münchner Gschichten. Von Isolde, Parzival und dem Messelesen". Bin sehr gespannt!

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