Paris
Mein Wagner-Jahr

Als der Pilgerhut ins Publikum flog

Heute vor 152 Jahren zettelten adelige Mitglieder des Jockey-Clubs mit ihren Jagdpfeifen bei der Pariser "Tannhäuser"-Premiere den größten Theaterskandal des 19. Jahrhunderts an.
Die einen werfen Lorbeerkränze, andere schreien lauthals: Blick in eine Pariser Opernloge, wie sie Richard Wagners Freund Ernst Benedikt Kietz 21 Jahre vor dem "Tannhäuser"-Skandal festgehalten hat.
Die einen werfen Lorbeerkränze, andere schreien lauthals: Blick in eine Pariser Opernloge, wie sie Richard Wagners Freund Ernst Benedikt Kietz 21 Jahre vor dem "Tannhäuser"-Skandal festgehalten hat.
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Der 13. März 1861 war ein Tag, den Richard Wagner nie vergessen würde. Der lang ersehnte und in schier endlosen Proben vorbereitete erste Tannhäuser an der Großen Oper in Paris sollte zum größten Theaterskandal des 19. Jahrhunderts werden. Natürlich nagte es an ihm, dass der Uraufführung der eigens erstellten Pariser Fassung mit dem Bacchanal der verdiente Erfolg versagt blieb. Nach der dritten Aufführung sagte Wagner weitere, längst ausverkaufte Vorstellungen ab, der Protestlärm konnte ihm letztlich nichts anhaben. Im Gegenteil: "Wagner war einer der ersten, der auch durch Skandale vorwärtskam", schreibt Martin Gregor-Dellin in seiner Wagner-Biographie von 1980, "ja er war vielleicht überhaupt der erste, dessen wachsendem Ruhm auch das Negative nicht abträglich werden konnte."

Die keineswegs spontanen Tumulte, mit denen der erste Pariser Tannhäuser vor 152 Jahren endete und die sich noch stärker in den Vorstellungen am 18. und 25. März fortsetzten, hatten mehrere Ursachen: Schon im Vorfeld opponierten etliche Musiker und der Dirigent Louis Dietsch, die Claque des Opernhauses und die Pariser Presse gegen das ungewöhnliche Werk. Zudem sahen sich die feinen Herren des Jockey-Clubs um ihr üblicherweise erst im 2. Akt stattfindenden Ballettvergnügen gebracht. Nicht zuletzt stand auch eine politische Intrige dahinter - schließlich waren der Kaiser Napoleon III., sein Hofstaat und einige Gesandte bei der Premiere anwesend.

Malwida von Meysenbug, die eine langjährige Freundin und Förderin Wagners werden sollte, beschrieb den Eklat wie folgt: "Bei dem hinreißend poetischen Wechsel aus dem wüsten Bacchanal der Venusgrotte in die reine Morgenstille des Thüringer Waldtals, bei den Klängen der Schalmei und des Hirtenliedes, brach plötzlich der lang vorbereitete Angriff aus, und ein gewaltiges Pfeifen und Lärmen unterbrach die Musik. Die Herren des Jockey-Clubs betrieben ihre boshaften Störungen wegen des fehlenden Balletts nicht einmal im Verborgenen, sondern saßen, recht geflissentlich sichtbar, in ihren mit Glacéhandschuhen bedeckten Händen die kleine Trillerpfeife haltend."

Wagners Protektorin, Pauline Fürstin von Metternich, die den kaiserlichen Befehl erwirkt hatte, dass der Tannhäuser an der Grand Opéra aufgeführt werden sollte, wurde offen verhöhnt, so dass sie nach dem 2. Akt ihre Loge verließ. "Die stimmungsvolle Dekoration", so Oswald Georg Bauer in seinem Standardwerk über Wagners Bühnenwerke, "der ergreifende Ausdruck von Marie Sax bei ihrem Gebet, Morellis Lied an den Abendstern, ‚mit vollendeter elegischer Zartheit‘ vorgetragen, Niemanns Romerzählung, ‚der beste Teil seiner Leistung‘: Nichts mehr konnte den Tumult bremsen."

"Auch in der zweiten Vorstellung spielten sich unglaubliche Szenen ab. Die Jockeys hatten silberne Pfeifchen mit der Aufschrift ‚Pour Tannhauser‘ verteilen lassen. Aber der Teil des Publikums, der sich nicht länger terrorisieren lassen wollte, rief ‚A la porte les Jockeys‘." Albert Niemann, den man eigens für die Titelrolle zu einer Spitzengage von 6000 Francs aus Hannover engagiert hatte, "war durch das Johlen und Pfeifen so aufgebracht, dass er während der Romerzählung seinen Pilgerhut über das Orchester hinweg in den Zuschauerraum warf. Trotzdem gab es mutigen Beifall, und Wagner sprach mit Hochachtung vom Pariser Publikum, das sich nicht von einer Clique unterkriegen ließ."

Dass er seine Partitur nach der dritten Aufführung zurückzog, hatte nicht nur damit zu tun, dass er die Mitwirkenden nicht mehr dem Geschrei, den Zwischenrufen und Pfiffen aussetzen wollte. In Wahrheit war er auch mit dem künstlerischen Ergebnis nicht zufrieden, was sowohl den offenbar unfähigen Dirigenten als auch den Stil der Tanzeinlagen betraf. Die Dekoration und die Kostüme, die an die Dresdener Uraufführung angelehnt waren, wurde noch vor Wagners Abreise aus Paris für Giacomo Meyerbeers neue Oper Die Afrikanerin weiter verwendet.

Während das Journal des Débats Wagner mit den Sätzen verabschiedete "Wir überlassen Wagner gerne seinem musikalisch reformerischen Wirken. In Paris jedenfalls werden wir vor ihm für einige Zeit Ruhe haben", schrieb Charles Baudelaire, einer der französischen Wagnerianer der ersten Stunde: "Die Leute, die glauben, dass nun mit Wagner aufgeräumt sei, haben sich viel zu früh gefreut - das können wir versichern. Ich möchte ihnen dringend nahelegen, ihren Triumph, der nicht zu den ehrenvollsten gehört, weniger laut zu feiern und für die Zukunft sich sogar mit Resignation wappnen. Sie ahnen nicht, welche Geduld und Beharrlichkeit die Vorhersehung von jeher jenen zugeteilt hat, denen sie eine Aufgabe übertrug."

Beim Tannhäuser-Skandal der jüngeren Festspielgeschichte, der Neuinszenierung 1972 von Götz Friedrichs in Bayreuth, konzentrierte sich das Geschrei auf das Schlussbild mit den Pilgern in Arbeiterkluft. Auch die Politprominenz, darunter Franz Josef Strauß, empörte sich. Was aber mehr mit dem deutsch-deutschen Verhältnis zu tun hatte und damit, dass der Regisseur gerade aus der DDR in den Westen gewechselt hatte. Im Jahr darauf hatten die Pilger plötzlich unverfänglichere Kittel an - und Friedrich machte als Wagner-Regisseur und Opernintendant in Berlin Karriere. Dem Bayreuth-Publikum blieb er auch mit seiner Lohengrin-Inszenierung von 1979 in Erinnerung, im Bühnenbild des bildenden Künstlers Günther Uecker, der am 13. März 1930 in Wendorf in Pommern geboren wurde.

Fast hätte ich vergessen, unser Monatsrätsel vom Februar aufzulösen. Paul von Joukowsky heißt der Maler, der das letzte Porträt Wagners zu dessen Lebzeiten gezeichnet hat; der Gondoliere, der Wagners Sarg zum venezianischen Bahnhof Santa Lucia brachte, war Luigi Trevisan; und die handschriftliche Originalpartitur der Meistersinger von Nürnberg wird aktuell im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg gezeigt. Die Wissenswette II und das neue Buch von Eckhard Henscheid Götter, Menschen und sieben Tiere aus dem Reclam Verlag haben gewonnen: Andrea Roth in Würzburg, Hans-Werner Wüschem in Neuburg und Sabine Zurmühl in Lehnsdorf. Herzlichen Glückwunsch!