Bayreuth
Mein Wagner-Jahr

Ach ja, die Freiheit der Kunst

Ohne Rücksprache mit Ottmar Hörl ließ Katharina Wagner in einer Hauruckaktion rund zwanzig seiner Wagner-Figuren vom Wolfgang-Wagner-Platz abtransportieren. Jetzt stehen sie wieder. Dazwischen könnte ein Erkenntnisprozess liegen.
Die ersten Muster des dirigierenden Plastik-Wagners von Ottmar Hörl wurden am 1. Juli in Bayreuth präsentiert. Inzwischen sind die 500 Exemplare im Festspielpark und in den Randbereichen des Wolfgang-Wagner-Platzes untergebracht. Fotos: David Ebener/dpa
Die ersten Muster des dirigierenden Plastik-Wagners von Ottmar Hörl wurden am 1. Juli in Bayreuth präsentiert. Inzwischen sind die 500 Exemplare im Festspielpark und in den Randbereichen des Wolfgang-Wagner-Platzes untergebracht. Fotos: David Ebener/dpa
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Dass am Grünen Hügel die Nerven derzeit blank liegen, illustriert unter anderem der am 18. Juli ausgestrahlte Bericht des regionalen Fernsehsenders tvoüber einen "kleinen Tumult" vor dem Festspielhaus. Beim seit Dienstag angelaufenen Aufbau von Ottmar Hörls insgesamt 500 lavendelblauen, weinroten und pinkfarbenen Wagner-Figuren unterhalb des Festspielhauses und im Festspielpark ließ Festspielleiterin Katharina Wagner ohne Rücksprache mit dem Künstler die rund zwanzig auf dem Wolfgang-Wagner-Platz postierten Wagner-Figuren einfach abtransportieren.

Dabei waren die 102 Zentimeter großen dirigierenden Plastik-Richards vor dem Haus sofort zur Attraktion für touristische Erinnerungsfotos geworden. Der von der Hauruckaktion überraschte Ottmar Hörl sagte dem TV-Sender: "Die Frau Wagner hat angeordnet, abzuräumen. Sich so zu verhalten, finde ich einfach sehr unangenehm. Man fühlt sich einfach blöd dann. Für die Gesellschaft versucht man, insgesamt eine schöne Arbeit zu entwickeln - und es gibt Menschen, die sind da einfach nicht mehr diskussionsbereit."

Die Festspielleiterin selbst wollte sich zu der Sachlage vor der Kamera nicht äußern. Warum die Wagner-Figuren ausgerechnet vor dem Festspielhaus nichts zu suchen hätten, musste ihr Pressesprecher erklären. Peter Emmerich wörtlich: "Der Vorplatz vorm Festspielhaus sollte und muss aus Sicherheitsgründen frei sein, muss frei bleiben, weil das Publikum kein Foyer hat, wo es sich aufhalten kann, sondern sowohl vorher als auch nach der Aufführung und während der Pausen dann hier rausströmt. Und da ist einfach die Gefahr doch vorhanden, dass jemand drüber stolpert, über einen der kleinen hübschen Richards, den umreißt, entweder beschädigt oder selber drüber stolpert und hinfällt oder geschubst wird oder was auch immer. Es gibt da viele Möglichkeiten."

Hmmm. Liegen den Festspielen etwa geheime Untersuchungen vor, wonach das Bayreuthpublikum schon so vergreist ist, dass man es vor Selbstgefährdungen und ungewollten Sachbeschädigungen schützen muss? "Um all diese Möglichkeiten aus dem Weg zu räumen", kommentierte die tvo-Sprecherin, "wurden die Figuren aus dem Weg geräumt. Eigentlich hätte das in Absprache mit dem Künstler geschehen sollen, in Sachen Timing lief die Sache gestern ein bisschen schief." Gegen Abend lenkte Katharina Wagner ein, heute Vormittag wurden in einem Treffen die Wogen geglättet. Jetzt sind erneut Wagnerfiguren am Festspielhaus aufgebaut, diesmal mit dem Okay der Festspielleiterin und "an geeigneteren Stellen als vorher".

Wahrscheinlich sind da mehrere Dinge zusammen gekommen. Zum einen wollte Katharina Wagner wohl unbedingt mal wieder zeigen, dass sie die Hausherrin ist - vielen unvergessen sind nämlich noch die auch handgreiflichen Aktionen ihres Vaters Wolfgang Wagner, wenn er zum Beispiel den Festspielkarten-Schwarzhändler von "seinem Grund und Boden" jagte. Auch er war zwar nur der Mieter des Hauses, hatte aber, anders als seine ihm nachfolgenden Töchter, einen gültigen Mietvertrag. Der seit fast fünf Jahren fällige neue Mietvertrag stand bei der Stiftungsratssitzung am Donnerstag im Mittelpunkt und soll jetzt gleich für die Dauer von 25 Jahren unterschriftsreif sein.

Zum anderen wird Katharina Wagner sich noch an die Festspielzeit 2004 erinnert haben, als Ottmar Hörl mit 800 Plastikabgüssen von Wagners Neufundländer Russ in Bayreuth gute Geschäfte machte und ebenfalls vom Grünen Hügel vertrieben wurde - nur eben nicht von ihrem Vater höchstpersönlich, sondern von Bayreuths Kulturreferenten Carsten Hillgruber, dem der damalige Oberbürgermeister Dieter Mronz assistierte, indem er mitteilte, "dass der Umgriff des Festspielhauses von Kunstaktionen, Kundgebungen, Demonstrationen und anderen öffentlichen Nutzungswünschen freigehalten wird."

Und zum Dritten wird jemand der gern herrisch auftretenden Hügelherrin schonend beigebracht haben, dass ihre Aktion in Hinblick auf das, was sich aktuell um den künftigen Bayreuth-Regisseur Jonathan Meese abspielt, kontrapunktiv ist. Schließlich hat Ottmar Hörl unter anderem eine Gartenzwergserie mit Hitlergruß fertigen lassen, die an vielen Ausstellungsorten für kontroverse Debatten sorgte und die Staatsanwaltschaft Nürnberg 2009 auf den Plan rief. Wegen seiner "Hitler"-Zwerge musste Hörl allerdings nicht vor Gericht. Man sah seinerzeit davon ab, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten, weil bei der Gesamtschau die Gegnerschaft zur Ideologie hinreichend deutlich werde. Beim künftigen Parsifal-Regisseur Jonathan Meese ist die Sache nicht so einfach. Man darf gespannt sein, wie die vertagte Verhandlung weiter und ausgeht. Und ob Katharina Wagner eine Haltung zur Freiheit der Kunst findet, die sie nicht nach Lust und Laune wechselt.

Apropos Pressefreiheit: Gerade hat mir das Festspiel-Pressebüro mitgeteilt, dass ich aufgrund einer Kartenrückgabe nun doch Pressekarten für alle Premieren bekomme. Ich werde also in Print und online kontinuierlich und aktuell aus Bayreuth berichten.