Bayreuth
Mein Wagner-Jahr

Wahn, Wahn - überall Wagnerwahn!

Am 29. Mai wird im TV-Sender SWR nochmals der Film "Wagnerwahn" gezeigt. Eva Rieger, Expertin auch in dieser außergewöhnlichen und spannenden Dokumentation, hat darüber hinaus aus aktuellem Anlass einen offenen Brief an Katharina Wagner geschrieben.
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Szene aus dem TV-Film "Wagnerwahn" (mit Pegah Ferydoni als Cosima und Samuel Finzi als Wagner), der am 29. Mai um 22 Uhr im Programm SWR (Baden-Württemberg) gezeigt wird - als Auftakt zur langen Wagner-Nacht. Foto: Falco Seliger
Szene aus dem TV-Film "Wagnerwahn" (mit Pegah Ferydoni als Cosima und Samuel Finzi als Wagner), der am 29. Mai um 22 Uhr im Programm SWR (Baden-Württemberg) gezeigt wird - als Auftakt zur langen Wagner-Nacht. Foto: Falco Seliger
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Wagner in der Badewanne, antisemitische Parolen wiederkäuend, hatten wir meines Wissens noch nicht. Wagner und Cosima Zigarre rauchend, dass es erotisch nur so prickelt, auch nicht. Aber ich kann Ihnen versichern, es hat was - gerade weil bei den beiden gar nicht erst der Versuch gemacht wird, dass sie den historischen Protagonisten ähneln. Zu sehen ist das in dem TV-Film "Wagnerwahn", der nach seiner Premiere auf Arte am 200. Geburtstag nochmals beim mit produzierenden Sender SWR (Baden-Württemberg) gezeigt wird: am 29. Mai um 22 Uhr, zum Auftakt einer ziemlich langen Wagnernacht.

Dass der außergewöhnliche Dokumentarfilm, der Teil eines ebenfalls außergewöhnlichen Crossmediaprojekts ist, unter anderem als Voraufführung in der Oper Leipzig präsentiert wurde, hatte gute Gründe. Die reinen Spielszenen wurden dort aufgenommen, im Opernhaus, das nach der Kriegszerstörung wiederaufgebaut wurde, mit einer inzwischen denkmalgeschützten Innenausstattung. Genau dieses stylische Ambiente aus den späten fünfziger Jahren in Wagners Geburtsstadt hat Regisseur Ralf Pleger bewogen, dort zu filmen - mit den ziemlich heutig wirkenden Darstellern Samuel Finzi und Pegah Ferydoni, die im Verlauf des neunzigminütigen Films immer wieder prägnante und überraschende Schlaglichter auf Richard und Cosima Wagner werfen.

Wagners Vorliebe für schmeichelnde Seiden, Samt und Düfte wird hier endlich einmal nicht als peinliches Kuriosum, sondern als Selbstverständlichkeit, ja als wesentlich für seine Musik abgehandelt. Was unter anderem auch ein Verdienst von Laurence Dreyfus ist, Professor aus Oxford und aktiver Musiker, der dazu 2010 den Band "Wagner and the Erotic Impulse" vorgelegt hat. Neben Dreyfus äußern sich weitere Experten wie Ulrich Drüner, Oliver Hilmes und Eva Rieger, sowie Praktiker, darunter die Dirigenten Philippe Jordan, Simone Young und - deutlich weniger souverän und substanziell - Festspielleiterin Katharina Wagner.

Konzept und Ästhetik des Films sind erfrischend anders. Rasante Schnitte, spannende Naturbilder und Impressionen aus Wagners Wohnorten und die animierten Comicszenen lassen erkennen, dass die Macher bewusst ein Publikum im Auge haben, das jünger ist und sich vielleicht bisher nur wenig oder gar nicht mit Wagner beschäftigt hat. Schließlich gehört zu dem Crossmediaprojekt auch eine Wagner-Graphic Novel von Flavia Scuderi und Andreas Völlinger, die im Juni im Knesebeck Verlag herauskommt, sowie eine Wagner-App, die man am 22. Mai kostenlos sogar herunterladen konnte. Was aber keineswegs heißt, dass der Film nichts hätte für einen fast alles zu kennen und zu wissen glaubenden Wagnerianer. Im Gegenteil! Schon die kleinen Irritationen, die er hin und wieder bietet, sind sehenswert.

Eva Rieger, renommierte Musikwissenschaftlerin und Autorin mehrerer Wagnerbücher, die in "Wagnerwahn" auch ein bisschen am heilen Bild der Ehe zwischen Richard und Cosima kratzt, kam übrigens eigens aus Liechtenstein zu den Geburtstagsfeierlichkeiten nach Bayreuth. Von der Festveranstaltung in der Stadthalle war sie so enttäuscht, dass sie einen offenen Brief an Katharina Wagner geschickt hat, an die Geschäftsführerin der BF Medien GmbH, die das Konzert und die anschließende Feier veranstaltete. Der Brief wurde zuerst in der Lokalzeitung Nordbayerischen Kurier veröffentlicht - und, mit freundlicher Zustimmung der Autorin - jetzt auch an dieser Stelle.

Sehr geehrte Frau Wagner,

Ich war eine der Besucherinnen des Festkonzerts am 22. Mai und hatte mir eine Karte für die anschließende Feier gekauft. Ich habe einige kritische Punkte anzumerken, die nicht als Feindseligkeit, sondern als Vorschläge für die Gestaltung künftiger Veranstaltungen gedacht sind.

Ich empfand es als merkwürdig, dass niemand von der Festspielleitung fähig war, ein paar Grußworte vor dem Festkonzert an die Gäste zu richten. Das erinnerte mich an die peinlich-fatale Eröffnung der so wichtigen Ausstellung "Verstummte Stimmen" im letzten Jahr, als das Kommen von Frau Wagner-Pasquier angesagt war, sie auch am Vorabend speisend in einem Restaurant gesehen wurde, jedoch kurzfristig absagte. Das sind Verhaltensweisen, die auf eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Publikum hinzielen. Als Feministin alter Schule war ich
vor einigen Jahren stolz, als zwei Frauen in die Festspielleitung hineingewählt wurden: durch diese Unfähigkeit, sich professionell und der Situation entsprechend zu verhalten, wird das alte Vorurteil gestützt, wonach Frauen nur die zweitbeste Wahl sind und "es nicht können".

Das Programm war zu lang*, so dass die auf dem Ticket der Stadthalle ausgedruckte Zeitangabe falsch war. In der Stadthalle angekommen, gab es ein heilloses Durcheinander, da auf dem Ticket die Tischnummer nicht aufgedruckt war. Jeder musste sich am Eingang zum Saal anstellen um herauszufinden, wo er/sie überhaupt saß. Niemand vom Personal konnte helfen.

Ich war schockiert, dass die BF-Medien nicht imstande waren, wenigstens ein Glas Sekt zum Empfang zur Verfügung zu stellen. Was ist das für eine Feier, wo man 45 Euro für einen Stuhl bezahlen muss? Und was bekam man dafür? Ein halbstündiges Warten auf einen kalten Teller, der zuvor mit Cellophan überdeckt gewesen war und für den man 11.95 Euro zahlen musste. Zusammen mit einem Glas Sekt für 3.95 Euro kam ich auf insgesamt € 61. Die drei Stücke, die Florian Vogt sang, gingen bei dem Geklapper der Messer und Gabel fast unter. Mehr wurde nicht geboten. Hätten Sie auf die Karte drucken lassen, dass der Erlös den Stipendiaten zugute kommen würde, wäre dieser Nepp erträglich gewesen. Dass aber ein privatwirtschaftliches Unternehmen, dem Sie vorstehen, so schamlos abkassiert, das verschlug mir die Sprache.

Eine der Urenkelinnen, nämlich Ihre Kusine Dagny Beidler, hatte Wochen zuvor bei Frau Wagner-Pasquiers Sekretärin angerufen und nach Karten für sich und ihren Mann gefragt; ihr wurde geraten, sich im normalen Verfahren Karten zu kaufen mit dem Erfolg, dass sie im zweiten Rang saß, ohne etwas dort essen oder trinken zu können. Dafür hatte sie insgesamt € 70 bezahlt. Sie verließ nach zehn Minuten die Halle. Sie hingegen saßen einen Rang tiefer, der für normale Sterbliche gesperrt war und ließen sich befeiern. Eine Bekannte von mir, die das alles mit erlebte, schrieb mir von "himmelschreiender Herzlosigkeit" und "dünkelhafter Platzierung" - wie ich finde zu Recht.

Es sprach dann ein schlecht vorbereiteter Conferencier, wobei er vergaß, die einzige noch lebende Enkelin Richard Wagners vorzustellen, so dass eine der Urenkelinnen dies nachholen musste. Wären Sie bzw. Ihre Schwester nicht imstande gewesen, wenigstens in diesem Saal ein paar Worte an die Gäste zu richten, die aus der ganzen Welt kamen, um etwas in Bayreuth zu erleben, und die sich mit Baustellen und Lärm sowie dem geschlossenen Wahnfried-Museum abzugeben hatten? Vielleicht hätten Sie bei einer solchen kurzen Ansprache Ihre Kusine erwähnen können, die oben verloren in den zweiten Rang verfrachtet worden war.

Diese Feier reiht sich in die Peinlichkeiten ein, die Ihre Festspielführung sich geleistet hat. Die meisten TeilnehmerInnen begnügen sich bekanntlich mit lauter Kritik, wenden sich aber nicht an Sie. Ich tue es hiermit für zahlreiche andere Freunde und Bekannte, die genauso düpiert und schockiert waren wie ich.

Mit freundlichen Grüssen
Eva Rieger


*Wie unprofessionell die Programmplanung abgelaufen sein muss, lässt sich unter anderem daran ablesen, dass die ursprünglich vorgesehene Ansprache von Norbert Lammert ersatzlos gestrichen wurde. Wenigstens hat der Bundestagspräsident den Text nicht umsonst verfasst; er ist unter dem Titel "Kosmopolit und Genie"am 22. Mai im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erschienen. Warum die Festspielleiterinnen den zweithöchsten Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland derart behandelt und brüskiert haben, bleibt rätselhaft. Oder denken sie etwa so kurz, dass sie glauben, auf Bundesmittel ganz verzichten zu können, weil der Freistaat Bayern offenbar anstrebt, die Bundesanteile in der Festspiel GmbH zu übernehmen? Anders und kurz gesagt: Sie können es eben nicht.


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